Nach der Demonstration in Berlin gegen die Corona-Maßnahmen am Samstag wird vonseiten der Politik und Presse scharf kritisiert. Zu recht?

Laut Polizeiangaben haben 20.000 Demonstrant*innen am Samstag in Berlin gegen die Abstandsmaßnahmen und Hygieneregeln aufgrund der Corona-Pandemie demonstriert. Konsequent wurden dabei sämtliche Coronaregeln gebrochen: Masken suchte man vergeblich, Abstände hielt keine*r ein. Auf Plakaten und in Wortbeiträgen forderten die Teilnehmer*innen Freiheit, sprachen sich gegen das gegenwärtige System aus und forderten am besten die direkte Abschaffung desselben.

>> Millionenschwerer Pastor macht zuerst die LGBTQ-Community für Corona verantwortlich und jetzt kommt raus: Er hat wohl sexuell belästigt

Unter den Demonstrant*innen waren laut Expert*innen und Beobachter*innen viele Menschen des rechten Spektrums: Olaf Sundermeyer, Autor und Journalist, der seit Jahren die rechten Gruppierungen in Deutschland beobachtet, sagte im Interview mit der "Tagesschau", viele Teilnehmer*innen der Demo seien aus Süddeutschland angereist. Unter ihnen Verschwörungstheoretiker*innen, Rechtsextreme, AfD-Aktivist*innen.

Sind die Anti-Corona-Demonstrant*innen alles Idioten?

Nach der Demo am Samstag wurde stark kritisiert. Berlins Bürgermeister Michael Müller (SPD) verurteilte die Ignoranz der Fakten und die Risikobereitschaft der Demonstrant*innen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) twitterte: "Ja, Demonstrationen müssen auch in Corona-Zeiten möglich sein. Aber nicht so." und Saskia Esken nutzte ebenfalls Twitter, um ihrem Ärger über die "#Covidioten" Luft zu machen.

Auch die Fahnen von rechten und radikalen Gruppen wehten im Marschwind der Corona-Demo in Berlin.

Auch die Presse kritisierte, was hier passiert war. Denn: Sich zu Tausenden eng an eng auf die Straße zu begeben hat nichts mehr mit freier Meinungsäußerung zu tun, sondern ist im Angesicht eines tödlichen Virus' absolut fahrlässig und für Mitmenschen höchst gefährlich. Aktuell wird vonseiten der CDU diskutiert, inwiefern Demonstrationen denn nun ganz verboten werden sollen – zumindest wenn sie ablaufen, wie am Samstag.

Was steckt hinter den Demonstrant*innen und Corona-Leugner*innen?

Schaut man sich Bilder und Videos der Demo an, sieht man mitunter sehr wütende Menschen. Manche Gesichter sind von Hass erfüllt, andere recken ihre Fäuste. Die Stimmung ist eher kämpferisch. Journalist*innen wurden verbal und körperlich angegriffen, sie wurden als Lügenpresse denunziert.

Sind die Menschen, die Samstag protestierten, nur ein paar Idiot*innen, die mal die Fakten checken sollten? Ein paar Nazis, die die von ihnen verhasste Demokratie ausnutzen, und dank Versammlungsrechts gegen das gleichsam demokratische System wettern?

Ein Demonstrant, der sich direkt selbst als sogenannter "Aluhutträger" zu erkennen gibt – und so den Begriff ad absurdum führen möchte.

Zu sagen, hier seien nur ungebildete, dumme Menschen unterwegs gewesen ist nicht nur ignorant, sondern auch gefährlich. Vor allem: Es verharmlost das Ganze. Das Netzwerk "Querdenken 711" hat die Kundgebung mitorganisiert. Auf deren Website finden sich auch zusammengetragene Infos dazu, warum Corona gar nicht so schlimm sein kann, wie man uns allen angeblich glauben machen will. Es werden Quellen angegeben und Factsheets zum Herunterladen angeboten. Es wird sich sehr bemüht, das Coronavirus als fragwürdige Sache dastehen zu lassen. Jede*r, der Corona gegenüber skeptisch ist, bekommt hier definitiv Futter für seine*ihre Ansichten.

Geht es wirklich um Corona?

Auf der Demo marschierten unterschiedliche Gruppierungen und unterschiedliche Strömungen, um sich gegen die Corona-Restriktionen zu äußern. Aber in einem Punkt waren sich alle einig: Es geht um Freiheit. Die Freiheit, sich zu bewegen wie man will, die Freiheit, ohne Maske rumzulaufen, die Freiheit, Fakten so zu lesen, wie sie einem selbst ins Leben passen. Alle, die ihnen Maskenpflicht vorschreiben, sind die Faschisten.

Wenn man sich die wütenden Menschen der Demo anschaut, wenn man bedenkt, dass viel Rassismus, System- und Pressehass mitschwingt, fragt man sich, ob es wirklich um Corona geht. Um die Wahrheitsfrage, ob ein Virus existiert oder nicht. Oder geht es viel mehr um sehr viele Unsicherheiten, die manchen Menschen zusetzen und ihnen einfach sehr große Angst bereiten.

>> Demos, Open Airs, Festivals – was aktuell in den einzelnen Bundesländern erlaubt ist

Sich an Corona-Restriktionen halten, ist nicht bequem. Man erkennt die Mitmenschen hinter der Maske nicht, man ist von Unbehagen erfüllt, wenn man einkaufen will. Sich einfach mit seinen Freund*innen treffen geht nicht mehr. Kurz: So, wie man sein Leben vorher gut fand, darf man es laut Expert*innen nicht mehr führen. Und das scheint einige sehr trotzig zu machen. Sie fragen nicht, ob es Corona wirklich gibt, denn das ist ihnen egal – Zahlen kann man interpretieren und das wissen die meisten.

Das worum es geht, ist nicht die Frage, ob Corona echt ist, sondern die Frage, was die Menschen aufzugeben bereit sind, um einen Virus ernst zu nehmen. Die Demonstrant*innen wollen keine Wahrheit, sondern ihre Ruhe. Sie fordern, dass man Corona ignoriert, um ihr bisheriges Leben nicht aufgeben zu müssen. Diesen sehr verständlichen Impuls verhüllen sie hinter Schlagworten wie "Freiheit" und "Antifaschismus".

Entsprechend sind auch alle, die vielleicht nur vage Antworten geben, die selbst noch nicht wissen, wie schlimm es mit dem Virus ausgehen wird, weil er neu ist, namentlich Mediziner*innen, Expert*innen, Journalist*innen und Politiker*innen das erste und beliebteste Feindbild.

Wie soll man mit Corona-Leugner*innen umgehen?

Ähnlich wie bei den Pegida-Demonstrationen, die 2015 so richtig an Aufschwung zunahmen, wirken auch die Demonstrant*innen, die keine Lust auf Corona haben. Sie sind wütend und Wut ist eine Emotion, die wenig mit Verstand zu tun hat. Sie aber alle nicht ernst zu nehmen kann nicht die Lösung sein.

Es sind immerhin 20.000 Menschen auf die Straße gegangen. Sie alle, wie Esken es in ihrem Tweet tut, als "Covidioten" abzustempeln, ist ziemlich fahrlässig. Ganz offensichtlich folgen diese Menschen nämlich einem natürlichen Bedürfnis. Sie folgen ihrer Angst. Sollte man hier nicht versuchen, mehr Verständnis an den Tag zu legen?

Bis zu 20.000 Corona-Demonstranten aus ganz Deutschland fanden sich zur Kundgebung in Berlin zusammen. Die Demo wurde letztendlich aufgelöst, weil die Corona-Regeln nicht eingehalten wurden.

Sollte man versuchen, hier mehr Möglichkeiten aufzuzeigen, statt Verbote auszusprechen? Sprechen statt Schimpfen? Angst nehmen statt selbige zu verurteilen? Vielleicht sollte es einen offeneren Dialog geben zwischen den Organisator*innen und der Politik? Auf der anderen Seite: Wenn eine Gruppierung wirklich glaubt, Bill Gates oder eine andere, verborgene Macht, habe das Virus erfunden, um uns Menschen zu versklaven – dann wird es schwierig, ernsthaft zu diskutieren. Dann wird es schwierig überhaupt zu klären, auf welcher Fakten-Grundlage man sich unterhält. Lösungen in einer so verhärteten Situation zu finden, ist schwierig. Aber das Problem zu ignorieren kann auch nicht richtig sein.

Wenn wir uns erinnern: Erst gab es Pegida, die man damals noch als einen Haufen Nazis, angeführt von einem Kriminellen, abstempelte. Irgendwann war dann aber die AfD da, die Anfangs 2013 vielleicht wirklich noch als Alternative gedacht war, sich nun aber radikalisiert und Anlaufstelle für alte Nazis ist (ja, wir reden von dir, Kalbitz). Man mag sich nicht vorstellen, welche Parteien Verschwörungstheoretiker und Corona-Leugner hervorbringen könnten.

Quelle: Noizz.de