Bernie Sanders hat seine Kampagne als Präsidentschaftskandidat der US-Demokraten beendet. Damit ist Joe Biden mehr oder weniger offiziell der Mann, der im November gegen Donald Trump antreten wird – ein Armutszeugnis für die ganze Partei.

Wer mich und meine Arbeit kennt, weiß, dass ich ein leidenschaftlicher Supporter von Bernie Sanders bin. Aber darum soll es in diesem Text nicht gehen. Sondern vielmehr darum, dass mich die demokratische Partei als Institution regelrecht mit dem Ergebnis enttäuscht hat, dass nun Joe Biden im November auf dem Wahlzettel der Amerikaner*innen stehen wird.

Ende des Sommers 2019 bin ich in den Wahlkampf der demokratischen Kandidat*innen eingestiegen und der war verdammt hoffnungsvoll. Die Debate Stage war so divers wie nie. Pete Buttigieg als offen homosexueller Kandidat, Kamala Harris als Schwarze Frau, Julián Castro als Latino, Andrew Yang als Sohn taiwanesischer Einwanderer, Tulsi Gabbard als hawaiianische Militärangehörige, Bernie Sanders als Kandidat jüdischen Glaubens.

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Ein diverses Feld voller Hoffnungsträger – und Creepy Uncle Joe

Zu diesem Zeitpunkt hatten Repräsentant*innen der liberalen Partei aus dem ganzen Land, darunter beispielsweise Alexandria Ocasio-Cortez und Ilhan Omar, das Repräsentantenhaus der USA seit den Kongresswahlen 2018 bereits wieder fest im Griff. Dementsprechend motiviert waren auch die Präsidentschaftskandidat*innen, sich gegen ihre Konkurent*innen auf der Bühne bei TV-Debatte zu beweisen und Donald Trump mit der vollen Wucht einer liberalen Agenda und Diversität bei der nächsten Wahl zu vernichten.

Und dann war da noch Joe Biden, Creepy Uncle Joe, wie sein Spitzname lautet, weil er so oft Frauen unangemessen anfasst oder an ihrem Haar riecht. Sein Wahlprogramm stützte sich gefühlt zu 70 Prozent nur darauf, dass er an der Seite von Barack Obama bereits als Vizepräsident fungiert hatte. Er droppte den Namen Obama so oft in Debatten und TV-Aufritten, es war wochenlang ein Running Gag in sämtlichen Late Night Shows des Landes. Die restlichen 30 Prozent machte dagegen seine "electability" also seine "Wählbarkeit" aus.

US-Präsidentschaftskandidat Joe Biden

Biden ist ein stolzer Kandidat der politischen Mitte, irgendwo im Limbo zwischen konservativ und pseudoliberal

Während sein größter Konkurrent und langjähriger Favorit vieler Demokraten, Bernie Sanders, und die ebenfalls sehr linke Politikerin Elizabeth Warren immer wieder vor seinen konservativen politischen Einstellungen warnten, spielte der Ex-Vizepräsident sie als große Stärke aus. Er sei ein sicherer Kandidat, sagte Biden, wenn es darum ginge, Donald Trump zu schlagen; er könne Demokraten und Republikaner zusammenbringen, das, was das Land jetzt brauche. Diese Versprechen konnte er nur machen, weil seine politischen Ansichten gar nicht so weit von seinen republikanischen Kollegen entfernt sind und weil er kaum etwas im Land verändern möchte. Dabei sieht doch jeder aktuell, dass die USA eine radikale Umstrukturierung brauchen.

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Elizabeth Warren und Bernie Sanders

Warren brachte es vor einigen Wochen bereits auf den Punkt: "Die Nominierung eines Mannes, der sagt, wir brauchen keine grundlegenden Veränderungen in diesem Land, entspricht nicht dem Zeitgeschehen. Jemanden zu nominieren, der die Welt vor Donald Trump wiederherstellen will, wenn der Status Quo seit Jahrzehnten immer mehr Menschen zurücklässt, ist ein großes Risiko für unsere Partei und für unser Land." Während die 70-Jährige und Sanders bei ihren Kampagnen darauf bestanden, kein Geld von Interessensgruppen anzunehmen, die nach der Wahl auf Immunität und Steuererleichterungen hoffen, hat Biden viele "Washington Insider", wie Warren es nennt, die ihn unterstützen. Ach ja, darauf, dass der Politiker in vielen Interviews und TV-Debatten vergesslich und neben sich wirkte, gehe ich jetzt einfach mal nicht weiter ein.

Wenn wir nicht mehr tun wollen, als Trump zu schlagen, na gut

Am Ende hat sich die demokratische Partei für das Mindeste entschieden, was ein Präsidentschaftskandidat haben muss. Er ist weiß, heterosexuell und alt, hat zwar Erfahrung und die Basics an liberalen Werten eines Demokraten, aber keinen leidenschaftlichen Antrieb, die USA wirklich zum Besseren zu verändern – wie es Sanders, Warren und so viele andere hatten – sondern eben nur nicht so räudig wie Trump zu regieren. Klar, ist selbst ein Joe Biden besser als Donald Trump, das muss ich ja hoffentlich nicht erklären, doch seine Politik wird sicherlich nicht die Revolution bringen, die gerade benachteiligte, unterrepräsentierte Minderheiten oder die immer verletzlichere Arbeiterklasse des Landes gerade dringend brauchen. Aber hey, immerhin die Millionäre, konservativen Gesetzesmacher und Wallstreet wird es freuen.

Und naja, Trump schlagen wird er wahrscheinlich auch, aber das hätte in meinen Augen auch Bernie mit dem richtigen Support der Partei und Wählerschaft der Demokraten geschafft.

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Quelle: Noizz.de