Donald Trump ist positiv auf Corona getestet worden. Erster Impuls: Yay!! Aber ist das jetzt moralisch richtig, jemand anderem eine lebensbedrohliche Infektion an den orangenen Hals zu wünschen? Eine Suche nach Absolution ohne Pointe.

Trump hat Corona! Holt sofort die Konfettikanonen raus! Oder? Vielleicht lieber doch nicht? Moralisch gesehen ist das ja schon auch schwierig, jemandem eine Infektion zu wünschen, deren Verlauf durchaus tödlich enden kann – immerhin gehört der US-Präsident zur Risikogruppe. Drastisch ausgedrückt: Wenn wir uns darüber freuen, dass Fönfrisurenträger Donnie Corona hat, wünschen wir ihm im Prinzip den Tod. "Uncool" – würden Jesus, Kant und unser innerer Ethikkompass im Chor singen.

Donald Trump: Corona-Leugner mit Corona sind die besten Leugner

Die Welt ging in Corona-Zahlen unter, überall Lockdowns, Vorsichtsmaßnahmen, geschlossene Läden und Firmen. So sah unsere Umwelt spätestens seit März 2020 aus. Das war und ist nicht schön, jedoch nötig. Sah Trump aber gar nicht so: Er verharmloste dieses leidige Corona so lange es ging. Selbst als die Infektionszahlen in den Vereinigten Staaten schon ganz andere Bände sprachen. Der Grund: Das liebe Geld.

Lockdown bedeutet nämlich auch: Die Leute geben kein Geld aus, weil sie ja nur zu Hause sitzen und folglich auch nicht zur Arbeit gehen. Für Firmenchefs ist all das natürlich die Vollkatastrophe. Und weil Trump bekanntlich nichts so wichtig ist, wie die US-Wirtschaft, log er den Amerikaner*innen so richtig schön die Einkaufstaschen voll.

Joe Bidens Lächeln ist in der Öffentlichkeit – vorbildlich – von einer Maske verdeckt. Ein Grund für Angriffe von Trump: Der Präsident machte sich kürzlich darüber lustig, dass Biden mit Maske rumlaufe. Generell verschrie Trump das Tragen einer Maske als Schwäche. Mal schauen, wer jetzt am lautesten lacht.

Zunächst hieß es von Trump, dass Virus sei harmloser als eine Grippe. Dann behauptete er, Hobby-Virologe der er ist, Corona würde von alleine weggehen, sobald es draußen wärmer werden würde. Als er das Virus dann endlich als solches anerkannte, ging es richtig los: Er behauptete, dass Anti-Malaria-Medikamente gegen Corona helfen würden. Die Chemikalie Chloroquin sei im Kampf gegen Covid-19 ein Wundermittel, sagte der 74-Jährige in seinen Pressekonferenzen. Der traurige Höhepunkt dieses Quatschs: Ein Ehepaar nahm das ernst, der Mann starb nach der Einnahme des Medikaments im Krankenhaus. Nach einer neuen Studie ist Trump der größte Antreiber von Corona-Fake-News.

Man könnte ja, ganz ungehässig, sagen: Es ist doch auch eine Art pädagogische Maßnahme, wenn der Trump und die Melania nun zu Hause hocken und eine rasante Runde fahren mit dem Corona-Karussell. Oder etwa nicht? Trump bekommt nun mit, dass es dieses Virus wirklich gibt, und hält endlich alle dazu an, sich eine verdammte Maske vor Mund und Nase zu schnallen, oder? An dieser Stelle geht unsere persönliche Anteilnahme raus an die First Lady: Was ist wohl schlimmer als Quarantäne wegen Corona? Nur Quarantäne wegen Corona und mit Donald Trump.

Trumps Bullshit-Konto: Voll bis zum Anschlag

Wer Trump unterstellen möchte, er habe aus purer Ignoranz oder vielleicht Dummheit gehandelt, als er seiner Bevölkerung erzählte, dass das mit Corona gar nicht so schlimm sei, der irrt oder sollte mal das eigene Ignoranz-Level prüfen. Frühestens nach dem erschütternden Interview mit dem australischen Journalisten Jonathan Swan wissen wir: Trump weiß genau, warum und dass Menschen sterben, dass Corona gefährlich ist, befand aber, dass man diese Tatsache nun eben akzeptieren müsse. "It is what it is" ("Es ist was es ist"), sagte er über die vielen Corona-Toten in den USA.

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Spätestens aber nach dem aktuell erscheinenden Buch "Rage" ("Wut") von Autor und Journalist Bob Woodward bestätigt sich Trumps vorhandener Überblick über die Pandemie-Situation in seinem Land. Noch schlimmer: Er wusste von Anfang an, was man theoretisch hätte tun müssen, um es zu stoppen – und Tausenden Amerikaner*innen das Leben zu retten. Es ist ihm nur egal.

Zählt man Trumps alternative Fakten, die vielen Lügen, den aktuellen Steuerskandal, die Angriffe gegen Minderheiten, seinen zur Schau gestellten Rassismus, mit dem er den #BlackLivesMatter-Diskussionen begegnet, seinen Sexismus und seine fürchterliche Frisur zusammen, muss man zugeben: Trumps Bullshit-Konto ist mehr als ausgereizt. Er hat der Welt und sehr vielen Menschen einfach schon genug angetan. Wäre das jetzt nicht der richtige Karma-Moment, der greift: Trump ist so weit im Minus, jetzt gibt es ausgleichende Gerechtigkeit dank Corona.

Was steckt hinter der Corona-Infektion von Trump?

Teil der Berichterstattung zu Trumps Corona-Infektion ist, dass einem direkt auch Spekulationen zum größeren Kontext des Positivtests geliefert werden. Könnte es sein, dass Trump seine Infektion vielleicht nur faket? Möchte er damit etwa die US-Wahlen nach hinten schieben lassen? Möchte er dank Corona vortäuschen, dass er auch nur einer von den "einfachen Leuten" ist – so nach dem Motto: "Seht her, ich habe zwar unfassbar viel Geld, dass ich in zu lange Aufenthalte im Solarium investiere – und trotzdem kann auch ich Corona bekommen."

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Andere wiederum sinnieren, ob Trump und Corona vielleicht Teil einer neuen Ernsthaftigkeit sind, die Trump an den Tag legen möchte. Der Spaß ist vorbei – gibt in Amerika ja auch gerade wenig zu lachen. Analog dazu soll er auch seine orangenen Haare mittlerweile nicht mehr färben, sondern in seriösem Grau halten. Wir haben hierzu bereits eine umfangreiche Frisuranalyse geliefert.

Oder möchte Trump nun einfach Mitleid von seinen Anhänger*innen generieren? Könnte ja passen: Jetzt, nachdem enthüllt wurde, dass Trump lächerlich wenig Steuern zahlt und sich nach wie vor weigert, seine Steuererklärungen rauszurücken (anders als alle Präsidenten vor ihm). Möchte er, dass die US-Wähler*innen nicht zu hart mit ihm ins Gericht gehen und ihn am Ende doch wählen?

Trump: Er macht uns alle zu hässlichen Menschen

Spannend an diesen ganzen Überlegungen ist: Man hat inneren Unwillen, Trump einfach eine schlimmer Erkrankung zu attestieren. Wir glauben ihm schlicht nicht. Dabei ist es ja gar nicht unwahrscheinlich, dass Corona langsam aber sicher auch im Weißen Haus wütet – schließlich gibt es aktuell über sieben Millionen Infizierte in den Vereinigten Staaten. Eine Zahl, an der Trump maßgeblich beteiligt ist und war.

Aber direkt gehen wir alle von der Böshaftigkeit und dem Kalkül dieses Clowns aus: Trump nutzt eine Erkrankung aus, um Menschen zu täuschen, zu belügen und für seine Zwecke einspannen zu lassen. Wir suchen lieber nach anderen Erklärungen, als eine wahrscheinliche Tatsache zu akzeptieren. Aber auch daran ist Trump selbst schuld: Er hat uns beigebracht, ihm nicht zu glauben. Er hat dafür gesorgt, dass wir grundsätzlich nicht annehmen, was das Oberhaupt eines der größten und wichtigsten Länder unserer Welt von sich gibt. Er hat den weltweiten politischen Ton verhärtet und den Begriff "Glaubwürdigkeit" ausgehöhlt. Trump hat uns alle zu schlechteren Menschen gemacht.

Nun haben wir also immerhin eine Erklärung dafür, warum die Freude über Trumps Coronainfektion fast einem natürlichen Reflex in uns gleicht. Es ist somit zwar eine persönliche Bankrotterklärung, wenn wir ihm, natürlich mit 1,5 Metern Abstand, ins Gesicht spitten wollen: "Ha! Da hast du's, du kleinfingriger Corona-Leugner!"

Auf der anderen Seite: Ist 2020 nicht sowieso eine einzige Bankrotterklärung? Außerdem hatten wir in diesem Jahr wirklich wenig, worüber wir uns freuen dürfen und können. Und ein sehr weises Sprichwort besagt, dass man die Feste ja auch feiern sollte, wie sie fallen. Dürfen wir uns also über Trumps Corona-Infektion freuen? Nein. Machen wir es trotzdem? Ja. Haben wir jetzt alle was gelernt? Keine Ahnung, wir sind nicht die Grundschule.

  • Quelle:
  • Noizz.de