Hat man der Welt gegenüber die Pflicht, sich als trans zu outen?

Die YouTuberin NikkieTutorials alias Nikkie de Jager hat sich in einem emotionalen Video als trans geoutet. Bereits seit elf Jahren ist die Visagistin auf der Videoplattform aktiv und hat sich mit ihren Make-up-Skills 12,7 Millionen Abonnenten erarbeitet. Mittlerweile schminkt sie auf ihrem Kanal selbst Megastars wie Lady Gaga, unterlegt ihre Tutorials mit Voiceovers von Snoop Dogg und lässt sich von der Visagistin von Rihanna schminken.

In ihrem neuen Video geht es aber mal nur um ihr Privatleben. Darum, dass sie erpresst wurde und sich deswegen jetzt outet. Nikkie wurde mit männlichen Geschlechtsorganen geboren, doch wusste "seit sie denken kann", dass sie ein Mädchen beziehungsweise eine Frau ist. In den letzten elf Jahren ist die Niederländerin auf ihrem Kanal als genau das in Erscheinung getreten: eine Frau.

Mit ihrem Outing macht sie jetzt klar, sie ist eine trans* Frau. Ihre Transition hat die Bloggerin schon längst hinter sich, wie sie verrät: "Mit sechs Jahren habe ich meine Haare wachsen lassen, mit sieben oder acht habe ich nur noch Mädchenklamotten getragen." Mit 14 begann sie die Hormontherapie, ihre Mutter habe sie dabei immer unterstützt und während der Schwangerschaft bereits gespürt, dass sie "ein Mädchen bekommen würde", wie Nikkie verrät.

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"Du willst nicht nur für dieses einen Teil deines Lebens bekannt sein"

In dem emotionalen Video wirkt die YouTuberin sichtlich erleichtert, dass sie ihre Wahrheit – trotz der Drohungen – jetzt unter ihren eigenen Bedingungen mit der Welt teilen konnte. "Heute ist der Tag, ich bin frei", sagt sie, mit Tränen in den Augen. Doch ein Teil von ihr wollte ihr Geheimnis anscheinend auch bewahren. "Du willst nicht nur für dieses einen Teil deines Lebens bekannt sein", erklärt sie. Es sei eine schmerzhafte Erfahrung gewesen, dass ihre Körper nicht zu ihrer Identität gepasst hätte: "Du fragst dich immer, wieso ich?"

Trotzdem findet die Maskenbildnerin: "Es fühlt sich gut an, es endlich zu tun. Es ist Zeit, loszulassen, um wahrlich frei zu sein". Das Video aufzunehmen sei eine Erfahrung, die "angsteinflößend" aber "befreiend" sei. Auf Social Media gab es für ihr Coming-out-Video einen richtigen Lovestorm. Positive Nachrichten, Bestärkung und Dankbarkeit zeigt die Online-Community gerade gegenüber der YouTuberin.

Hat man der Welt gegenüber die Pflicht, sich als trans zu outen?

Das fühlt sich auch für außenstehende wahnsinnig gut an. Einfach zu sehen, wie akzeptiert mittlerweile alle Identitäten sind und dass Menschen wie Nikkie das Gefühl haben, dass es in Ordnung ist, sie selbst zu sein. Da wird allen Allies warm ums Herz. Doch eine Frage, habe ich mir (ich als außenstehende, heterosexuelle Cis-Frau) schon gestellt. Müssen sich Frauen* oder Männer* als trans outen?

In Nikkies Video hat man ab und an schon das Gefühl, dass die Influencerin mit ihrer schmerzhaften Vergangenheit eigentlich abschließen wollte und einfach als ganz normale Frau leben möchte. Das ist ihr, soweit man es erahnen kann, in den letzten Jahren auch immer gelungen. Eine trans* Frau ist ja eben am Ende auch einfach nur eine Frau, oder?

Ich frage mich, ob man es der Gesellschaft schuldig ist, zu erklären, dass man einst einen Körper hatte, der nicht der gesellschaftlichen Vorstellung von einem weiblichen Körper entspricht oder ob man vor, während und vor allem nach der Geschlechtsanpassung nicht das Recht halt, eine Frau, wie jede andere gesehen zu werden?

Ich finde es toll, dass NikkieTutorials sich nun "befreit" fühlt und ihre Wahrheit leben kann, auch vor ihrem Partner, der lange nichts davon wusste. Leider hatte Nikkie, durch die Erpressung, auch keine ander Wahl, als sich als trans zu outen. Doch wie sie schon selbst in ihrem Video gesagt hat, hoffe ich inständig, dass sie jetzt nicht nur auf diese Eigenschaft reduziert wird. Dass jetzt nicht plötzlich aus Beauty-Bloggerin, Trans-Bloggerin wird – außer wenn sie das explizit so möchte.

Nichtsdestotrotz ist es ein großartiger Schritt für die queere Community, ein weiteres stolzes Mitglied zu haben, das so positiv und inspirierend ist, wie die 25-Jährige. Denn schämen muss man sich keinesfalls, dass man nicht rein körperlich nicht als "Frau" geboren wurde. Darauf kann man verdammt stolz sein, so hart um die eigene Identität gekämpft zu haben. Ob man sich outen möchte oder nicht bleibt allerdings – hoffentlich – jeder Frau* selbst überlassen.

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Quelle: Noizz.de