Eigentlich trage ich selten einen BH. Doch wenn ich mal ein Korsett aus Spitze trage und mich unfassbar schön fühle, habe ich Gewissensbisse. Mag ich mich nur, weil es mir das Patriarchat eingeflüstert hat? Wie kann ich als Frau Entscheidungen frei von meinem Geschlecht treffen? Und was hat das alles mit "Toxic Femininity" zu tun?

In meinem alten Kinderzimmer bei meinen Eltern steht ein kaputter weißer Wäschekorb, darin eine Gelbe Plastiktüte mit alten Taschen meiner Oma. Meine Oma ist die Definition einer eleganten Dame, deren Mann ihr von Geschäftsreisen Halsketten und Schuhe mitbrachte, bis er 1979 viel zu früh verstarb. Erst zwei Jahre zuvor war in Deutschland Frauen qua Gesetz erlaubt worden, ohne die Zustimmung ihres Mannes arbeiten zu durften.

Das Leben meiner Oma veränderte sich nach dem Tod ihres Mannes schlagartig, sie verdiente ihr eigenes Geld, übernahm Führungspositionen und dirigierte Männer, die unter ihr standen. Heute ist sie 86 Jahre alt, und die Überbleibsel der Zeit, bevor sich ihr Leben umkrempelte, befinden sich nun in dieser Plastiktüte in dem verlassenen Zimmer der jüngsten Tochter ihrer jüngsten Tochter: eine weiße Oversize-Clutch, dunkelblaue Wildleder-Pumps, eine rote Schlangenleder-Tasche.

Ich sitze im Schneidersitz vor diesen Gegenständen und denke nur: Das alles ist einfach so unfassbar geil.

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Wie glamourös diese Zeit gewesen sein muss. Mir kommt ein altes Bild meiner Oma in den Kopf, darauf steht sie mit einer Hochsteckfrisur, Perlen um den Hals und einem strahlenden Lächeln auf dem Gesicht vor ihrer Haustür, sie und ihr Mann werden kurz danach zu einem gemeinsamen Abendessen gehen und anschließend in die Oper – so stelle ich mir das vor.

Wenn ich in diesen Erinnerungen schwelge, die nicht mir gehören, wünsche ich mir, auch so sein zu können. Ich wünsche mir, ganz unironisch schöne Kleider zu kaufen, Lippenstift zu tragen und mir teuren Schmuck anzulegen. Es fühlt sich wie die Verkörperung einer Persona an, die ich nicht bin.

Ich bin eine 22-jährige, eigenwillige Frau, die überempfindlich auf alle Ü60-jährigen Manfreds reagiert, die mir sagen, ich könne doch nicht ganz alleine eine Tischtennisplatte tragen. Mir fällt es schwer, zuzusehen, wenn in "Der Pate" Michael Corleones Schwester Connie als "hysterisch" beschrieben wird und reagiere fast bissig auf Studien, die nachweisen wollen, dass (komischerweise ausschließlich weibliche) Schambehaarung unhygienisch sei. Pfui. Ich versuche mich so sehr von dem Stereotyp einer Frau zu entfernen, dass ich ein Schamgefühl entwickle, wenn ich hohe Schuhe tragen will. Dabei geht es bei Feminismus darum, sich eben nicht dafür zu schämen, wer man ist oder sein will.

Bin ich zu einem Anti-Stereotyp geworden?

Aus dem Wunsch heraus, für einen Abend nicht Angst davor zu haben, zu viele weibliche Stereotype in mein Leben zu lassen, verabrede ich mich mit einer Freundin. Wir wollen uns schick machen, so tun, als wären unsere Eltern Millionär*innen.

Ich trage zum ersten Mal seit fast einem Jahr Schminke, habe meine Nägel gemacht, trage einen eng-anliegenden Body mit Ausschnitt, einen extravaganten Hosenanzug und eine kleine Schwarze Markentasche, die ich an einer goldenen Kette an meiner Schulter hängen lasse. Ich gehe mit meiner Freundin schick essen, anschließend trinken wir Cocktails und machen Fotos von uns, unterwegs treffen wir den besten Freund ihres Ex und freuen uns, dass sie so verdammt gut aussieht, als es passiert.

Der Abend ist wundervoll, es macht so viel Spaß. Und doch fühlt es sich wie eine Maskerade an – und das ärgert mich.

Andauernd fühle ich mich als Frau so, als würde ich einem Stereotyp verfallen

Warum kann ich nicht einfach selbstbestimmt in weibliche Klischees abdriften, ohne mich direkt danach dafür zu schämen? Wenn ich von dem Abend erzähle, habe ich fast das Gefühl, ich müsste es als überzogenes Spiel darstellen, damit klar wird: Eigentlich bin ich so gar nicht. Eigentlich brauche ich keine Schminke, Gossip oder teure Taschen, um mich gut zu fühlen. Doch ... warum machen diese Dinge mir trotzdem so viel Spaß? Und warum schäme ich mich dafür?

Toxic Femininity: Schon mal gehört?

Ich denke darüber nach, wie in meinem Umfeld andauernd von "Toxic Masculinity" die Rede ist. Toxic Masculinity ist das Konstrukt von Männlichkeit, das keine Schwäche zulässt. Wenn du dagegen ankämpfst, dann willst du Männer dazu ermutigen, aus dem Stereotyp der Männlichkeit auszubrechen. Ja, du darfst (und sollst sogar) als Mann Gefühle haben, du darfst dich als Mann schminken, du kannst beim Feiern große goldene Hoops tragen und die Pet Shop Boys hören, bis der Arzt kommt.

Ich ermutige andauernd Männer in meinem Umfeld, sich nicht im Stereotyp des Mann-Seins einzusperren – und aus irgendeinem Grund führt das in meinem eigenen Leben zu einem Mechanismus, der mich in einer zwanghaften Art und Weise von meinen eigenen Frau-bedingten Stereotypen ausschließt.

Tatsächlich finde ich dafür einen Begriff: Toxic Femininity, das Pendant zu Toxic Masculinity. Der Psychologie-Professor Ritch C. Savin-Williams von der Cornell University beschreibt Frauen, die unter Toxic Femininity leiden, in dem Magazin "Psychology Today" wie folgt: "Frauen, die stereotypisch weibliche Eigenschaften ausdrücken, so wie Passivität, Empathie, Sensibilität, Geduld und Zärtlichkeit und dadurch ihre eigenen psychischen Bedürfnisse außer acht lassen." Laut Savin-Williams würde das oft das Resultat einer verinnerlichten Frauenfeindlichkeit sein, die die Frauen von der Welt vermittelt bekommen. Es geht also um Frauen, die, platt gesagt, lieber den körperbetonten Sport Lacrosse spielen würden, von ihrer Mutter aber zum Ballett-Unterricht gezwungen werden.

Wie weit geht Toxic Femininity?

Doch geht das Ganze auch noch weiter? Kann diese verinnerlichte Misogynie mir stereotypisch weibliche Qualitäten als etwas Negatives oder Schwaches nahegelegt haben? Und kann das dazu führen, dass ich mich zwanghaft davon abgestoßen fühle?

Symbolbild: zwei Frauen

"Toxic Femininity handelt davon, Weiblichkeit als so oberflächlich zu definieren, dass Frauen keine menschlichen Entscheidungen treffen können, ohne ihr Geschlecht in Betracht zu ziehen", so Professor Savin-Williams. Er zitiert in seinem Essay ebenfalls die US-Theoretikerin Judith Butler, die argumentiert, dass Feminismus gut für Frauen und Männer wäre, weil es beiden ermöglicht, unabhängig von ihrem Geschlecht Entscheidungen zu treffen.

Und obwohl ich Feministin bin und in einer progressiven feministischen Bubble unterwegs bin, fühle ich mich ganz und gar nicht so, als würde ich Entscheidungen unabhängig von meinem Geschlecht treffen können. Alles, was ich als Frau entscheide, kann politisiert werden. Wenn ich mich schminke, gebe ich dem Patriarchat nach, wenn ich es nicht tue, irgendwie auch – denn ich tue es als Protest dagegen, dass es von mir erwartet wird, und nicht, weil ich das wirklich und wahrhaftig nicht will.

Ich fühle mich gefangen in den Erwartungen, die mir mit meinem Geschlecht in die Wiege gelegt worden sind. Ich bin fürsorglich, ich bemuttere gerne andere. Ich probiere gerne kichernd viel zu teure Baskenmützen in Umkleidekabinen an, trinke lieber Wein als Bier und schaue "Keeping Up With the Kardashians" mit meiner besten Freundin. Trotzdem bin ich viel zu ehrgeizig beim Kicker-Turnier mit meinem Freund und trage auch gerne wochenlang überhaupt keinen BH. Und das Ganze will ich tun, ohne darüber nachzudenken, ob mich das zum Stereotyp einer Frau oder einer Feministin macht.

Alles, was Frauen tun, kann politisiert werden

Ich frage mich, wann ich (oder die Gesellschaft) an dem Punkt sein wird, dass das alles geht, ohne im Verhältnis zu Männern- oder Frauenstereotypen zu stehen. Ich zumindest fühle mich noch weit entfernt davon, einfach gewissenlos das zu machen, was ich will. Aber vielleicht ist das auch einfach nur mein Problem.

  • Quelle:
  • NOIZZ