Lasst uns doch froh sein, dass Suizid unter Teenies endlich kein Tabu-Thema mehr ist.

Ich erinnere mich noch genau an die Nacht, in der ich auf Netflix auf den "Play Button" für die Drama-Serie "Tote Mädchen lügen nicht" klickte. Es war ein relativ warmer Wochentag im April 2017. Ich war in Leipzig und neugierig, weil ich von dem Bestseller gehört hatte, auf dem die Serie basiert.

Ich hatte kein Sozialleben in der fremden Stadt. Außerdem hatte ich als Teenager selbst eine depressive Phase in Folge von Traumata, und in dieser Phase gab es auch einen Moment, in dem ich mich magisch von einer Brücke angezogen fühlte und wo mir der Gedanke, meinem Leben ein Ende zu setzen, gar nicht so fremd erschien. Jeder, der mich kannte, beschrieb mich als lebensfroh, begeisterungsfähig, selbstbewusst und super beliebt. Keiner konnte sich vorstellen, was damals in meinem Kopf vorging. Dass mir diese Gedanken jemals kommen könnten, hatte ich ja selbst nie geglaubt.

Heute ist das kein Thema mehr für mich. Das wollte ich mir auch noch mal beweisen. Was ist dran an den Vorwürfen, dass die Serie zu Selbstmorden führt? Ich wollte schauen, was "Tote Mädchen lügen nicht" drauf hat. Was soll ich sagen, ich habe die komplette erste Staffel in dieser Nacht durchgesuchtet. Ich habe dabei viel geweint. Ich war auf jeden Fall getriggert.

Danach ging es mir tatsächlich nicht gut.

Wie auch. "Tote Mädchen lügen nicht" behandelt sensible Themen wie Mobbing, Depression und sexuellen Missbrauch. Da muss man schon ein harter Steinklotz sein, wenn man danach nicht weitergrübelt. Tatsächlich können Depressionen, Mobbing und sexueller Missbrauch jeden treffen. Was viele nicht wissen, ist, dass das Danach, also das, was nach einem traumatischen Erlebnis passiert, entscheidend ist. Ist jemand da, der einen tröstet? Der hilft?

Deswegen finde ich den Ansatz, "Tote Mädchen lügen nicht" zu verteufeln und als Sündenbock für den Selbstmord von Teenagern zu nehmen, falsch. Warum nehmen wir diese Serie nicht zum Anlass, uns über die wahren Ursachen von Depressionen und Selbstmord zu unterhalten? Ich bin mir sicher, dass die Debatte über psychische Gesundheit auch nach Ausstrahlung der dritten Staffel "Tote Mädchen lügen nicht" wieder neu entfacht werden wird. Aber warum hört sie zwischendurch einfach auf?

Das Schweigen darüber ist viel gefährlicher.

Wer also sagt, "Tote Mädchen lügen nicht" gehöre verboten, verbietet auch eine dringend notwendige Debatte über Depressionen, Mobbing und Missbrauch auf Augenhöhe mit Teenagern. Gehen wir doch mal tiefer. Warum hat sich Hannah Baker umgebracht? Sie benennt in der Serie ja 13 Gründe (deswegen auch der Original-Titel "13 Reasons Why"). Sie schildert, wie sie gestalkt, beschimpft und belästigt wurde. Sie erzählt von Mobbing und Ausgrenzung. Sie erzählt, wie freizügige, intime Fotos gegen ihren Willen und ohne Kontext an ihrer Schule in Umlauf gebracht wurden. Sie schildert ihre Vergewaltigung. Die Situationen sind alle komplex, ein klares Täter/Opfer-Schema lässt sich außer bei dem Vergewaltiger Bryce Walker nicht festmachen. Es sind Situationen, die viel zu viele Jugendliche weltweit durchstehen müssen und nicht alle überleben.

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Als Jugendlicher ist man leider auch noch besonders verletzlich und anfällig, sich in seinem Problem zu verlieren. Das Gefühl, anders als die anderen zu sein, nicht dazuzugehören, einsam zu sein und der unerschütterliche Glaube, dass einen eh keiner versteht, dass niemand einen ernst nimmt, gehört charakteristisch zu dieser Zeit dazu, die sich Pubertät nennt und in der die Hormone verrückt spielen – ein Faktor, der auch Auslöser für Depressionen sein kann. Dazu kommt, dass man sich abnabelt von seinen Eltern. Es entwickelt sich ein gewisses Misstrauen, man erzählt nicht mehr alles einfach ohne Filter. Es entsteht eine Anti-Haltung gegenüber Autoritätspersonen.

Die Überwindung, sich den Personen anzuvertrauen, bei denen man sich bislang über seinen Kummer ausgeheult hat, ist plötzlich riesig. Als ob das alles noch nicht schwer genug wäre, sind Schulen halt ein Dickicht aus Dramen in dieser Altersstufe. Alle befinden sich noch in der Entwicklung. Als Jugendliche sind wir verdammt schlecht darin, einzuschätzen, wie schwer das eigene Handeln wiegt. Für uns und für andere. Es ist alles ein bisschen melodramatischer, ein bisschen komplizierter, und überhaupt fühlt sich alles lebensentscheidend an. In der Gemengelage, die sich Pubertät nennt.

Genau dieses Gefühl fängt die Serie supergut ein. Ich erinnere mich an das Gespräch mit einem sehr guten Freund, der zu mir meinte, dass die Hauptrolle Hannah Baker in vielen Situationen einfach übertreibt, dass sie keinen Grund gehabt hätte, sich am Ende umzubringen – außer natürlich ihre Vergewaltigung. Es ging ihm aber darum, dass Hannah egoistisch sei und nur an sich denke, dass sie anstrengend sei und zu viele Dinge auf sich beziehen würde.

Da konnte ich mich super einklinken und ihm erklären, dass depressive Menschen auch immer egoistische Menschen sind, weil sich, ganz ehrlich, im depressiven Zustand wirklich alle Gedanken um einen selbst drehen. Man steckt in einer negativ gepolten Grübelschleife, in der man alles, was passiert, insbesondere, wenn es schlecht ist, auf sich bezieht. Man fühlt sich schuldig und verantwortlich und man hasst sich selbst, weil man keine Last sein möchte und nicht versteht, warum einem alles und jeder plötzlich so egal ist. Alles, worum sich der Kopf dreht, ist, dass dieses beschissene dumpfe, schwere Gefühl im Brustkorb und der Magengrube aufhört und man wieder normal ist. Wenn das nicht funktioniert, folgt die Leere und Apathie und schließlich das Gefühl der Wertlosigkeit. Man zieht sich zurück und bestätigt immer nur wieder die eigene Wahrnehmung: dass man allein und wertlos ist.

Hier bekommst du umgehend Hilfe, wenn du selbst betroffen bist: Wenn du selbst depressiv bist, Selbstmord-Gedanken hast, kontaktiere bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhältst du Hilfe von Beratern, die Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.

Also zeichnet die Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht" ein sehr genaues Abbild von den schleichenden Symptomen einer akuten Depression. Das finde ich stark. Damit ist der Erzählstrang in dieser Serie nicht verharmlosend, was leider oft passiert, wenn sich Popkultur oder Unterhaltung ernsten Themen annimmt. Ein paar mal meditieren, "einfach mal wieder lachen", und schon "geht das wieder vorbei".

Nee, leider nicht. Damit sind die Szenen aber natürlich auch triggernd für Menschen, die gerade in einer solchen Phase sind. Insbesondere die Szenen von Selbstverletzung, wo auch die sterbende Hannah gezeigt wird. Das ist für mich selbsterklärend. Deswegen würde ich mir so eine Serie auch nicht anschauen, wenn ich akut depressiv wäre. Denn selbst in meinem mental gesunden Zustand, mehrere Jahre später und stabil, konnte ich mich schmerzhaft in Hannahs Gefühlswelt hineinversetzen. Ich habe versucht, mich in mein 15-jähriges Ich hineinzuversetzen und mir überlegt, was passiert wäre, hätte ich damals die Serie gesehen.

Ich habe mich damals nicht umgebracht. Und hätte ich Suizid begangen, dann nicht wegen "Tote Mädchen lügen nicht". Sondern wegen meines Traumas und wegen meiner akuten Depression. Die Serie hätte mich triggern können, "den letzten Schritt" zu machen und aus dem Affekt den schnellen Ausweg zu suchen. Aber in so einer Episode wird vieles zum Trigger: eine unüberlegte Kritik, ein tief trauriger Song, der Streit mit einer Freundin. Klar, es gibt das Phänomen des "copycat suicide", bei dem Menschen, die Selbstmord begangen haben, idealisiert werden und zu einer Art traurigen Ikone werden.

Das ist aber auch nicht die Schuld von "Tote Mädchen lügen nicht". Das zeigt sich jedes Jahr zum Todestag von Kurt Cobain. Gefeiert als Held einer ganzen Generation. Warum feiern wir Kurt Cobain, wo er doch ein trauriger, einsamer, sich selbstzerstörender und süchtiger Mensch war? Warum helfen wir ihm nicht? Warum feiern wir das auch Jahre später noch als Kunst?

Die Serie verherrlicht den Selbstmord von Hannah dagegen nicht und stellt ihn nicht als etwas Erstrebenswertes dar. Man sieht, wie sehr Clay, also ein enger Freund, trauert und leidet, weil Hannah sich umgebracht hat. Man sieht die schreiende Mutter, die ins Bad zu ihrer blutenden Tochter stürmt und wie die Erkenntnis, dass ihre Tochter tot ist, sie bricht. Man sieht, dass Selbstmord nichts Einfaches, nichts Blumiges, nichts Edeles ist. Man sieht die Konsequenzen des Mobbings und man sieht die Konsequenzen der Selbsttötung. Mich haben die Szenen daher eher abgeschreckt. Ich weiß, dass ich nicht von mir auf alle schließen kann. Trotzdem finde ich, dass wir nicht scheinheilig der Serie "Tote Mädchen lügen nicht" die Schuld an Teenie-Selbstmorden geben sollten. Stattdessen können wir dankbar sein, dass uns diese Serie so heftig den Spiegel vorhält und uns darauf hinweist, dass Depression kein Gesicht hat und wir offener über unsere Struggles sprechen sollten.

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Quelle: Noizz.de