Wer die südkoreanische Karaoke-Karneval-Variante mit Promis verstörend findet, hat sich einfach nicht genug damit auseinandergesetzt! Diese Sendung bietet in Krisenzeiten alles, was man braucht: Flausch, Spaß, Musik, Witz und Ratespaß.

Als ich die erste Folge "The Masked Singer" vor gut einem Jahr geschaut habe, war ich ratlos. Oder nein, eher verstört. Mag ich diese Sendung nun oder ist sie vollkommener Schrott? Dieses erst gefallene Urteil ist vielleicht der vollkommen durchgedrehten Ausgangssituation dieser Sendung geschuldet: Zehn Promis stecken in einem Ganzkörperkostüm und covern Songs. Außer wenn die Kandidaten in ihren Plüschkostümen singen, ist ihre Stimme verfremdet. Vor jedem Auftritt wird ein Einspieler mit Hinweisen, den Indizien, auf den oder die Prominente im Kostüm gezeigt, sodass man mitraten kann.

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Manche können ziemlich brillant singen, andere sind unterirdisch schlecht. Und trotzdem: Wer eine Sendung durchgeschaut hat, ist gecatcht und will jede Woche eine neue Folge sehen. Ich bin nicht alleine mit meiner Faszination: Das Finale der ersten Staffel erreichte die höchste jemals gemessene Zuschauerquote einer Show auf ProSieben. Und auch die vergangene Folge, in der sich Showlegende Dieter Hallervorden als das Chamäleon outete, hatte einen hohen Marktwert von 25, 9 Prozent.

Aber warum denn nur? "The Masked Singer" ist doch vollkommen bekloppt!

Ja, diese Show ist total durchgeknallt. Aber gerade deswegen so spannend als auch liebenswert. Eigentlich kommt das Format aus Südkorea und läuft da unter dem Titel "King of Mask Singer". Südkoreaner lieben süße Maskottchen und Karaoke. Beides haben sie in einer Sendung vereint, die wahrscheinlich entstanden ist, als TV-Redakteure zugekokst ein Teamevent in der Karaokebar hatten.

Schon in der ersten Staffel, die 2019 lief, war ich, wie bereits erwähnt, schwer angetan von dem Wirrwarr, das diese Show in meinem Kopf auslöste. Es widersprach zum einem allen Elementen, die eine Unterhaltungsshow für Erwachsene haben sollte, und war trotzdem sehr charmant. Schnell hatte mich das Ratefieber gepackt: "Oh man, die Stimme vom Grashüpfer kenne ich doch?! Wer zum Teufel ist das!?" Oder: "Wenn der Astronaut nicht Max Mutzke ist, fress' ich einen Besen" (ich hatte recht).

Aber gerade jetzt in der Coronakrise, bin ich noch mehr in den Bann dieser Sendung gezogen worden. Typisch für ProSiebens Showformate geht diese Sendung lange drei Stunden am Dienstagabend. Aber es sind drei Stunden voller Eskapismus, in eine glitzernde Komfortzone, die spannender ist als jede Runde "Animal Crossing" an der Switch. Diese Show ist keine Minute zu lang, auch wenn sie in mir ambivalente, schier unaushaltbare Spannungsgefühle erzeugt.

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Flausch in Krisenzeiten

Dabei verwende ich noch nicht mal die hauseigene "The Masked Singer"-App, bei der man abstimmen kann, wer eine Runde weiter kommt und wessen Identität so noch eine weitere Woche schleierhaft bleibt. TMS, wie Fans zu sagen pflegen, ist auch ohne interaktive App sehenswert. Sie ist familientauglich im besten Sinne. Jeder findet da etwas, was ihm Spaß macht: Seien es die demaskierten Promis, querbeet aus allen Unterhaltungsschichten, die Musik und Matthias Opdenhövel moderiert diese Sendung verdammt gut.

Als "The Masked Singer" wegen eines Corona-Verdachtsfalls zwei Wochen lang pausieren musste, war ich wirklich ein bisschen traurig. Weil ich zwei Wochen lang ohne diese schöne, harmlose Realitätsflucht auskommen musste. Umso toller wurde dann das Wiedersehen, bei dem die Musik eigentlich nur die Nebensache ist.

Fernsehgesichter in der Jury, die ich mir sonst nie freiwillig anschauen würde, wie Rea Garvey, Ruth Moschner und ein Gastjuror (mit dabei waren schon Conchita Wurst, Luke Mockridge und Carolin Kebekus), werden auf einmal sympathisch – und ich rate mit ihnen munter drauf los. Es ist wie ein riesengroßes Gesellschaftsspiel, eine Art Cluedo, in der alle mit den gleichen Infos, versuchen herauszufinden, wer bitte der Wuschel, Hasi, der Drache oder aber das Faultier ist.

Das muntere Spekulieren schafft ein Gemeinschaftsgefühl, das mir gerade jetzt in der Krise ein sehr wohliges Gefühl gibt, von dem ich nicht dachte, dass es eine TV-Sendung auslösen könnte. Mir ist durchaus bewusst, dass TMS nicht die anspruchsvollste Unterhaltung ist, aber das will es auch gar nicht sein. Wenn ich dienstagabends per WhatsApp gemeinsam mit meiner Mama, meine Schwestern und Freunden, die ich ebenfalls in den Masked-Singer-Bann gerissen habe, wild Indizien checke und wir unsere Vermutungen austauschen, gibt mir das ein sehr wohliges Gefühl.

Denn es ist unaufgeregte, unbelastete Normalität in einem Alltag, der gar nicht normal ist. Hinzu kommen die supersüßen Kostümdesigns, die ganz klar auf Kindchen-Schema ausgelegt sind – deswegen ist meine Lieblingsfigur in diesem Jahr Wuschel – oder aber spektakulär aufwendig, wie die Göttin oder der Drache. Kreative Spielereien, die ich gerade jetzt gut gebrauchen kann.

Spannung, bis man von der Couch fällt

Bevor der Aha-Moment der Demaskierung jede Woche kommt, macht dein Körper eine echte Katharsis durch, genauso wie sich das Aristoteles im antiken Griechenland wohl ausgemalt hat. Wir Menschen verbinden Stimmen mit Aussehen. Das wird in TMS ausgetrickst. Viele Stimmen kommen dir superbekannt vor – bestes Beispiel Wuschel: Ich glaube, es ist Mike Singer, Wincent Weiss oder Nico Santos. Aber ich sehe nicht das Gesicht zur Stimme.

Dieses Nicht-Wissen wird verstärkt durch die "Indizien"-Clips, die dich irgendwie einer Lösung näher bringen sollen, stattdessen aber nur deinen Drang endlich zu wissen, wer in dem Kostüm steckt, nur verstärken. Irgendwann hast du den Punkt in dieser Sendung erreicht, wo du nur noch denkst: "Oh mein Gott, zeigt mir jetzt, wer das ist! BITTE!" Zumindest in deinem persönlichen inneren Monolog. Und auch dieser Spannungsfaktor gefällt mir in der Corona-Isolation mehr als vorher. Vielleicht, weil ich nicht so viel andere Aufregung in meinem Leben habe im Moment.

Dieter "Didi" Hallervorden als Chamäleon

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Einzige Ausnahme dieses kuriosem Schwebezustandes von Wissen und Nichtwissen, war das Chamäleon. Die Stimme des Komikers Dieter Hallervorden ist so unverkennbar, dass ich von der ersten Folge an wusste, dass er das Chamäleon sein muss. Aber bis ich diese Erkenntnis bestätigt bekommen habe, musste ich auch mehrere Folgen abwarten und zwischendurch denken: "Kann ein über 80-Jähriger so durchrocken?"

Meine Vermutungsorgien treiben mich indes in ungeahnte Höhenflüge. Plötzlich kann ich mir vorstellen, dass Stefan Raab als Faultier diese Sendung nutzt, um sein Comeback zu geben, und das Max Giesinger ein Drache ist. Oder so ähnlich. Ihr seht: Man muss diese Sendung ganz schauen und darf nicht nur einmal schnell reinzappen, "The Masked Singer" ist ein TV-Refugium in der Corona-Misere. Ein Spaßiges. Und Flauschiges.

Achja, falls ihr mich fragt, wer noch wer ist: Das Faultier ist Stefan Raab, der seine Pause für ein Gesangstraining genutzt hat. Der Drache ist Max Giesinger, weil er ist einer von 80 Millionen. Der Hase ist Sonya Kraus und Wuschel – ja, keine Ahnung. Entweder Mike Singer, Nico Santos oder Wincent Weiss.

Der Vollständigkeit halber

In dieser Staffel dabei waren bisher: Sängerin Stefanie Heinzmann (Dalmatiner), Model Franziska Knuppe (Fledermaus), Sänger Angelo Kelly (Kakerlake), Schauspielerin Rebecca Immanuel (Göttin), Moderatorin Caroline Beil (Roboter) und Komiker Dieter Hallervorden (Chamäleon).

Das Finale von "The Masked Singer" flimmert kommenden Dienstag, 28. April 2020, um 20.15 Uhr bei ProSieben über deinen Bildschirm.

Quelle: Noizz.de