Oder haben Bedürftige mehr Recht auf Spenden?

Das erschreckende Bild der brennenden Kirche im Herzen von Paris verbreitete sich rasant – auch dank Social Media. Schnell meldete sich Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zu Wort und ließ verlauten: Notre-Dame soll wieder aufgebaut werden. Zackig zückte Frankreich seine Portemonnaies und warf Kohle zusammen für den Wiederaufbau. Schlanke 700 Milliönchen kamen dabei mal eben zusammen. Eine beeindruckende Summe!

Die Rasanz, mit der hier die Fuffis in den Club ... äh .. in die Kathedrale geworfen wurden, überrascht aber nicht nur. Allseitiges Unverständnis und Kritik ließen nämlich nicht lange auf sich warten und schlugen etwa in diese Richtung:

Perverse Solidarität oder was?

Offenbar ist man verwundert, dass Themen wie Klimawandel oder hungernde Kinder nicht ganz so eifrige Spendende auf den Plan rufen. Scheinbar sind "ein paar Bretter" wichtiger als die eigene, leidende Spezies oder etwa der schmelzende Nordpol. Jedenfalls scheinen sich Teile der Netz-Gemeinde einig, dass hier total unverhältnismäßiges Spendenverhalten an den Tag gelegt wurde und wird.

Und wir fragen uns: Ist das so?! Mit welchem Recht kritisieren wir denn bitte, wer seine Kohle wofür ausgibt?

Kollektive Betroffenheit

Aus nicht-französischer Sicht ist ein Vorfall wie der Brand von Notre-Dame vermutlich schwer nachzuvollziehen. Frankreich ist Paris-zentriert. Die Hauptstadt ist der Nabel des Landes, und obwohl es natürlich auch weitere Großstädte in Frankreich gibt – keine davon ist so wichtig, so identitätsstiftend und so entscheidend wie Paris.

Klar, Berlin ist die Hauptstadt Deutschlands – aber kein Münchner findet, dass Berlin so viel wichtiger sei als der eigene Wohnort. Dementsprechend dürfte aber auch der Brand von einem DER Pariser Wahrzeichen die Französinnen und Franzosen stärker schmerzen, als wir es uns vorzustellen vermögen.

Verstärkt wird dieser Schock um ein historisches Gebäude im Herzen der Stadt auch durch Social Media. Die Trauer wurde auf allen Kanälen verbreitet, der Hype um die kollektive Betroffenheit getriggert. Dadurch dürfte die Spendenbereitschaft auch nicht unerheblich beeinflusst worden sein. Plötzlich geben alle – also machen auch alle mit.

Aber unabhängig von Social Media: Gibt es eine Regel für Betroffenheit? Darf jemand von außen bestimmen, was uns berührt, was uns in unseren Grundfesten erschüttert? Oder ist es nur wieder so extrem deutsch, bestimmen zu wollen, wer was mit seinem oder ihrem Geld macht?

Hierzulande haben wir einfach ein komisches Verhältnis zu Geld – der Grundsatz, dass man auf keinen Fall über Geld spricht, ist bei uns jedenfalls sehr gängig.

Äpfel mit Birnen vergleichen

Die Twitter- und Facebook-Posts, die kritisch anmerken, man würde ja sofort das Geld zücken, um ein Gebäude zu retten, aber die hungernden Kinder nicht unterstützen, ist eindeutiger Whataboutism. Argumente, die mit "Ja, aber was ist mit dem und dem" anfangen, sind nicht stichhaltig. Sie kreisen nicht um das eigentliche Problem, sondern lenken auf ein anderes ab.

>> Nach dem Feuer: So sieht es im Inneren der Kathedrale Notre-Dame aus

Ja, es ist scheiße, dass Kinder hungern, dass keine Bereitschaft herrscht, sich für Flüchtende einzusetzen, dass Nächstenliebe ihre ekligen Grenzen hat und dass Klima-Wandel scheinbar so lange ignoriert wird, bis es zu spät sein wird. Aber ist das nicht ein ganz anderes Problem, mit dem wir uns mal auseinander setzen müssten? Und das vielleicht nicht erst, wenn sich für einen guten Zweck endlich mal alle zusammentun und etwas bewirken?

Unverhältnismäßiger Reichtum

Es ist durchaus erschreckend, wie viel Geld manchen Unternehmen oder Privatpersonen allem Anschein nach locker in der Tasche sitzt. 600 Millionen der Spenden wurden etwa von französischen Großunternehmen wie Pinault, Arnault, Total und L'Oréal gestellt (das kann man zum Beispiel beim Focus nachlesen). Und klar, denkt man sich prompt, dass es mit der Armut auf der Welt anders aussehen könnte, wenn diese Millionen umgeschichtet würden: von Superreich zu weniger reich bis hin zu sozial schwach bis bettelarm.

>> Notre-Dame in Flammen: Alles, was du zum Brand der Kathedrale wissen musst

Eine solche Rechnung hört sich an wie bierselige Stammtischpolitik – denn ganz so einfach ist das alles nicht. Macron und seine Regierung haben entschieden, dass die Spenden für Notre-Dame mit ganzen 75 Prozent abgesetzt werden können. Das sind 10 Prozent mehr als für reguläre Spenden. Die Unternehmen sind an dieser Stelle also nicht wahnsinnig großzügig, sondern mal wieder wahnsinnig gewinnorientiert. Das hat also wenig mit hungerleidenden Kindern, sondern mit den eigenen Zahlen zu tun. Ist halt also immer noch jeder so egoistisch wie eh und je. Außer, dass die Kathedrale in einem halben Jahrzehnt wieder stehen soll. Und das ist doch eine gute Sache – oder muss man das jetzt auch wieder niedermachen?

Quelle: Noizz.de