Lockdown im November: Die groß angedrohte zweite Welle ist da. Nun werden wieder einmal Stimmen laut, dass Singles besonders vom Lockdown betroffen sind. Ist das Single-Shaming? Eine Untersuchung.

So, geht los: Lockdown light, zweite Welle – alles, was wir nicht wollten und was uns schon im Frühjahr fertiggemacht hat, scheint von vorne loszugehen. Und wo die einen nun erneut darüber nachdenken, wie viele Rollen Klopapier sie wohl maximal beim nächsten Einkauf hamstern können, gehen bei den anderen die wieder gleichen Diskussionen los: Öffentlich wird darüber gesprochen, inwiefern der alleinstehende Mensch, der Single, eigentlich am allermeisten unter einem Lockdown leidet.

Das geht etwa so: "Die Armen! Die haben niemanden und müssen da ganz alleine durch! Zum Glück habe ich meine Freundin, wir gehen immer zusammen joggen und haben unserem neu angesetzten Sauerteig auch schon einen Namen gegeben, süß oder?" – der Single, der alleinlebende Mensch, ist in Zeiten einer Pandemie gruseliger als jeder Halloween-Streifen. Und nun meine Frage:

Ist das Single-Shaming?

Kleiner Disclaimer vorab: Das hier wird kein erbaulicher Lifecoach-Text, in dem dafür plädiert wird, dass man einfach positiv denken muss, wenn man morgens alleine aufwacht und das Gefühl hat, alles geht den Bach runter. Und es soll auch gar nicht für alle Singles, Pärchen oder sonst wen gesprochen werden.

So kennt man ihn, den klassischen Single: Verzweifelt, einsam und immer mit Tränen in den Augenwinkeln.

Aber mal ganz nüchtern betrachtet: Wenn wir annehmen, die Singles unter uns würden am allerhärtesten von einem Lockdown getroffen werden – was bedeutet das im Rückschluss? Dass man nur in Beziehungen auf sich selbst und Extremsituationen klarkommt? Das man ohne Schulter zum Anlehnen direkt komplett verzweifelt? Dass man vollkommen vereinsamt und entsozialisiert? Wird einem nur was zugetraut, wenn man in einer Beziehung steckt?

Man kann auch in Beziehungen einsam sein!

Ja, man kann davon ausgehen, dass alle, die wirklich glauben, nur in einer Beziehung sei das Leben gut, auf irgendeinem Disney-Hallmark-RomCom-Trip hängen geblieben sind. Und das scheinen einige zu sein: Immerhin 74 Prozent glaubten laut dieser Statistik 2016 an die Liebe fürs Leben. Also: Zwei Menschen treffen sich, reiten gemeinsam in den idyllischen Sonnenuntergang, und sind für immer glücklich.

Kurzer Newsflash: Auch in Beziehungen kann man sich maximal alleine fühlen. Oder sogar schlechter dran sein, als alleine. Das passiert meistens dann, wenn man nicht nach dem richtigen Menschen sucht, sondern danach, ein falsches Selbstbild auszufüllen. Dann hat man einen Partner oder eine Partnerin, die nicht zu einem passt oder im schlimmsten Fall sogar dafür sorgt, dass man sich plötzlich einer toxischen Beziehung wiederfindet.

Die Realität nach einem Ritt ins gemeinsame Glück sieht nämlich nicht per se rosig aus. Laut einer aktuellen Studie von Parship und INNOFACT sind 32 Prozent der Deutschen unglücklich in ihren Beziehungen. Ist ernsthaft fraglich, ob diese 32 Prozent im Angesicht der Pandemie froh sind, jemanden an ihrer Seite zu haben. Oder denkt man dann "Boah ich könnte dem schon aufs Maul geben, wenn ich morgens aufwache und diese dumme Hackfresse neben mir sehe ... aber egal: Hauptsache nicht alleine!"

Happy im Lockdown? Geht natürlich nur als Paar!

Lockdown macht eigenes Unglück sichtbar – für alle!

Stimmt schon: Durch so einen Lockdown, durch die Tatsache, dass man mehr Zeit zu Hause verbringt, sich weniger ablenkt, ist man auf sich zurückgeworfen. Plötzlich steht alles still und dann kommen die ganzen Dämonen, vor denen man vorher so erfolgreich weggelaufen ist. "Ich bin kreuzunglücklich als Single?" – hört man nicht so laut, wenn die Musik in der Bar laut genug ist und der Cocktail knallt. "Ich finde meinen Partner schon seit Längerem zum Kotzen?" – merkt man kaum, wenn man gemeinsam einen Abend mit Freund*innen verbringt und zum Glück nicht miteinander sprechen muss.

Deshalb flogen auch die Fetzen, als im März dicht gemacht wurde: Beziehungsprobleme konnten auf einmal nicht weggefeiert werden. Sie waren da und wollten behandelt werden. Für viele Pärchen war Corona deshalb ein ordentlicher Härtetest – und zumindest in meinem Freundeskreis haben den nicht alle überlebt. Wiederum andere mussten sich unabhängig vom Partner erst einmal neu sortieren. Sie kamen null mit dem Lockdown klar – völlig egal, dass sie jemanden neben sich hatten.

Aber auch außerhalb von Beziehungen musste man sich plötzlich mit sich auseinandersetzen. Ein Freund, Single, erzählte mir, dass er erst durch die Pandemie gemerkt hat, was passiert, wenn mal Ruhe herrscht. Er beschrieb mir, wie er wieder anfing, auf sich selbst zu hören, wie er lernte, seine Bedürfnisse neu wahrzunehmen. Und wieviel er weinte, weil er zwischendurch auch echt verzweifelt war.

Was ich hier also sagen will: Die Beschissenheit der Dinge, die man in seinem Leben mit sich rumschleppt, ist da. Ob man in einer Beziehung oder nicht. Und ein Lockdown ist potentiell für jede Person schwierig – das macht ein Partner oder eine Partnerin nicht automatisch besser oder einfacher. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass es so ist. Und ganz ehrlich gesagt: Es zeugt von ziemlich übersteigerten und sogar unmöglichen Erwartungen, die man an Beziehungen hat, wenn man von ihr stets die Rettung erwartet.

Was heißt denn überhaupt "alleine"?

Man muss halt einfach festhalten: "alleine" heißt nicht "einsam". Und ja: Anzunehmen, alle Singles seien automatisch einsam in ihrem Leben ist glasklares Single-Shaming. Denn wenn man es nicht schafft, sich vorzustellen, dass Männer und Frauen außerhalb von Beziehungen glücklich sein können, sollte man prüfen, ob das eigene Gehirn tatsächlich bereits von "Happy Ever After"-Filmen zersetzt wurde.

Neuste Studien bestärken dies. Eine davon ist die von Beziehungsexpertin Dr. Bella DePaulo. Laut dieser sind Singles äußerst zufrieden mit sich und ihrem Leben. Sie bekommen es besser hin, Freundschaften zu pflegen und sich um sich oder die Beziehung zur Familie zu kümmern. Außerdem fand DePaulo in ihrer Studie heraus, dass vor allem Frauen gerne Singles und damit rundum zufrieden sind. Ganz anders also, als uns vom gesellschaftlichen Script und unzähligen romantischen Büchern und Filmen immer vorgegeben wird. Noch krasser: Glücksforscher sagen, dass Frauen, die nie verheiratet waren oder Kinder hatten die glücklichsten und gesündesten Menschen überhaupt sind.

So und jetzt? Single oder nicht Single – ist das hier die Frage? Nö. Jeder wie er mag. Oder wie mein Vater schon sagte: "Soll doch jeder schlafen, mit wem er will – hauptsache mir nimmt keiner meine Decke weg." Nach diesem Schlusswort bleibt eigentlich nur noch zu sagen, was eigentlich alle längst wissen sollten: Single-Shaming ist verdammt noch mal echt uncool!

  • Quelle:
  • NOIZZ.de