Frauen haben Dildos und Vibratoren, Männer schauen Pornos. Ist leider immer noch so. Und für Männer total ungesund. Ein innerer Monolog über meine Jugend als männlicher Teenager und die großen Hürden auf dem Weg zum Masturbieren mit Toys.

Hi, ich bin Till, 28, und habe noch nie über Sextoys für Männer nachgedacht. Und mit "für Männer" meine ich: für mich. Liegt das nur an mir? Oder ist das vielleicht eher ein kulturelles Ding? Gibt es kulturelle Unterschiede zwischen männlichem und weiblichem Masturbatiosnverhalten?

Ich kann mich nicht erinnern, je einen männlichen Freund gehabt zu haben, der mit Toys masturbiert. Doch, einen Freund habe ich, der sich manchmal einen Vibrator seiner Freundin an die Eichel hält. That's it. Bei Frauen scheint das anders zu sein. Irgendwie ist es da total normal, sich mit kleinen Spielzeugen eine schöne Zeit zu machen. Aber woran liegt das?

An dieser Stelle findest du Inhalte von Drittanbietern
Um mit Inhalten von Drittanbietern zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Ein innerer Monolog durch meine Jugend und ein paar Studien, die mir recht geben.

Sex-Puppen. Als Teenie hatte mal irgendein Freund eine aus billigem Plastik. Danach sind sie mir nie wieder begegnet. Neue Studien in der Sextherapie zeigen einen positiven Nutzen von Sex-Puppen für Menschen mit sexuellen Ängsten. Gesellschaftlich werden sie immer wieder geächtet. Quelle: Aerzteblatt.de

Masturbieren als Junge: Schwanzvergleich und heimlich Pornos schauen

Wie ist es, wenn man in Deutschland als Junge aufwächst? Aus meiner Erinnerung: Man kommt irgendwann in die Pubertät und ab dann gehts los in der Umkleidekabine. Schwanzvergleich. Nicht physisch, aber verbal. Wer einen großen Penis hat, gibt damit an. Wer eher klein abgeschnitten hat , versucht, es irgendwie zu vertuschen. Da haben sich in meiner Jugend auf jeden Fall alle Klischees bestätigt. Dann geht es irgendwann los mit Pornos. Im Gegensatz zu Toys aus Plastik, kenne ich keinen einzigen Jungen, der nicht wenigstens mal phasenweise zu Erotikfilmen abgespritzt hat. Die meisten über Jahre. Ganz ehrlich: Als männlicher Jugendlicher wird man in Deutschland mit einer Selbstverständlichkeit mit Pornos sozialisiert, mit der kleine Kinder "Bitte" und "Danke" lernen.

An dieser Stelle findest du Inhalte von Drittanbietern
Um mit Inhalten von Drittanbietern zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Studien geben meiner persönlichen Erfahrung recht. Wie der "Tagesspiegel" berichtet, sind es zweimal mehr Männer als Frauen, die im Jugendalter Pornos konsumieren.

Liegt hier der Hund begraben? Sind Pornos die Sex-Toys der Männer? Pornos gucken ist aus meiner Erinnerung jedenfalls stumpf as fuck. Du kommst dabei überhaupt nicht mit deiner eigenen Sexualität und einem Gefühl für dich in Berührung. Klar, du siehst, welche Körper und Sexpraktiken dich anmachen – jedenfalls auf dem Monitor. Cool. Fair enough. Oft sind das aber keine realistischen Bilder und Szenen, sondern Darstellungen, die ganz weit von dem entfernt sind, was im echten Liebesleben im Bett passiert. Und das mit Grund, Stichwort Patriarchat. Pornos zeigen keinen beiderseitigen Sex, Pornos zeigen in der Regel, wie Männer Frauen wegficken. Sure, heute gibt es so viele Subgenres wie Podcasts zu Quarantäne-Zeiten, aber im Grunde bleibt es das Gleiche. Es sind meist Filme für Männer und es geht um Körper und Härte, nicht um Gefühle oder Persönlichkeit. Jugendpsychiaterin Winter sieht das auch so: Ihrer Meinung nach vermitteln Pornos das Bild, Sex sei eine "völlig von einer emotionalen Beziehung abgekoppelte Technik, eine mechanische Handlung, die man einfach nachmachen kann."

Pornos, das Sex-Toy für Männer?

Mehr als jeder zweite männliche Jugendliche in Deutschland, mindestens.

Ich will Pornos per se gar nicht verteufeln, sondern finde das an sich total legit. Im Rahmen – und wenn man erwachsen ist. Aber wenn man als männlicher Teenie jahrelang Pornos schaut und seine Sexualität nur so erfährt, von 12 oder 13 an, dann bleibt dabei einfach was auf der Strecke. Denn ist ja nicht so, als würdest du dir da einen schönen Film raussuchen und dich und deinen Körper dann dazu Stück für Stück kennen lernen. Nein, und schon gar nicht als Teenie. Pornos sind tabu. Du suchst dir einen günstigen Augenblick, an dem dich keiner deiner Familienmitglieder stören kann, schaust dir – halb geil, halb gehetzt – das Geficke an, spritzt ab und – nichts geschehen.

Und wenn ich das so Revue passieren lasse, dann ist es eigentlich eindeutig: Zeit für sich, Zeit für Entspannung und Experimente, Zeit zum Kennenlernen – Zeit für Toys ist da nicht. Von vorn herein nicht. Liegt das an uns Männern? Sind wir so stumpf? Oder sind wir das Produkt einer Kultur, die Männer einfach nicht mit sich und ihren Gefühlen in Kontakt bringt?

An dieser Stelle findest du Inhalte von Drittanbietern
Um mit Inhalten von Drittanbietern zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Sex-Toys für Männer: Stigma und Tabu

Wenn Frauen erzählen, sie benutzen Dildos und Vibratoren, dann ist das heute normal, wahrscheinlich sogar cool und selbstbewusst. Wenn Männer erzählen würden, sie hätten eine Doll, Silikonbrüste im Nachtschrank oder ebenfalls einen Dildo, dann würde das ganz anders aufgenommen werden, oder? Und jetzt denkt bitte nicht an euch selbst, sondern an den Schnitt in der Gesellschaft: Was ist wohl eher akzeptiert: Die Frau, die sich mit einem Vibrator befriedigt, oder der Mann, der sich einen Dildo in den Po schiebt und gerne mit seiner Gummipuppe schläft?

Wenn man mal "Sex-Toys, Men, Stigma" googlet, erscheinen etliche Berichte, die genau das thematisieren: Spielzeuge für Männer sind tabuisiert. Nachzulesen auf "Independent", "Dazed" oder "Vice". Was lernen wir daraus?

Masturbieren & Chill: ein weiter Weg für Männer

Masturbieren ohne Pornos, ohne Tabu und ohne Stress. Wie viele Männer können das von sich behaupten?

Menschen, die ihre Sexualität mit Pornos "kennenlernen", verglichen mit Menschen, die sich einfach mit sich und vielleicht einem Toy ins Bett legen und ganz frei von Bildern ausprobieren, entwickeln unterschiedliche Zugänge zu sich, und haben das Masturbieren auch komplett anders besetzt. Die einen auf Köper, Oberflächlichkeiten und Monitore fokussiert, die anderen mit sich und ihrer Fantasie im Einklang. Wenn ich an mich und meine Zeit als Teenager zurückdenke, dann gehörten ich und quasi alle Jungen, die ich kannte, zu den heimlichen Porno-Wixxern.

An dieser Stelle findest du Inhalte von Drittanbietern
Um mit Inhalten von Drittanbietern zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Tja, und dann sind Sextoys für Männer einfach nicht so angesehen, wie die für Frauen. Wer also einmal die Pornos hinter sich gelassen hat und ganz ohne Bildschirm mit sich spielt, der hat sich auf seinem Weg zum Toy direkt mit dem nächsten gesellschaftlichen Tabu herumzuquälen. Vom einen Tabu ins andere sozusagen. Stressig.

>> Diese Next-Level-Sextoys machen die Corona-Isolation zum Orgasmusfest

>> Ein Sextherapeut erklärt, warum Leute gerade auf Corona-Pornos abfahren

  • Quelle:
  • Noizz.de