Auf die Kampagne #unhatewoman reagiert er mit Drohungen und Gewalt. Als ihn RTL am Kudamm spontan interviewen möchte, schlägt er zu. Währenddessen finden sich deutsche Rapmedien im alten Dilemma, im durch und durch sexistischen und diskriminierenden Genre Position beziehen zu müssen, ohne sich damit die eigene Existenz zu verbauen.

Mit der Aktion "#unhatewomen: Es ist Zeit, etwas zu ändern" hat der Menschenrechtsverein Terre des Femmes gezeigt, wie frauenverachtend die Texte deutscher Rapstars immer noch sind. Damit haben sie Recht. Warum Zeilen wie "Du bist ne Fotze, die schon nach zwei Bier auf der Theke tanzt, also laber uns nicht voll mit deinem Mädelskram. Eine Frau ist und bleibt auf Ewigkeit ein Gegenstand" nichts mit Kunstfreiheit zu tun haben, hat euch unsere Kollegin Silvia Silko bereits aufgeschrieben:

>> Dieses Video zeigt, wie sehr Deutsche Hip-Hop Frauen verachtet

Auch Fler gehört zu den im Video zitierten und muss sich den Vorwurf frauenverachtender Texte gefallen lassen. Ein Vorwurf, der weder neu, noch unberechtigt ist. Ganz im Gegenteil:

>> Shirin, warum gibst du dich für Flers homophoben Steinzeit-Rap her?

"Ich kann ja mal Täter werden"

Das will der Berliner Hitzkopf aber nicht einsehen. Als eine Journalistin das #unhatewomen-Video in ihrer Instastory verbreitet, reagiert Fler mit einer Drohung: "Ich kann ja mal Täter werden, wenn du mir weiter auf die Eier gehst." Auf sie und weitere feministische Frauen setzt Fler via Instagram Kopfgelder aus.

Hier die ganze Story:

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Die junge Frau wendet sich daraufhin an den Comedian Shahak Shapira, der einen Screenshot von Flers Drohung auf seinem Twitter-Kanal teilt. Fler slidet daraufhin auch in seine DMs und droht auch ihm mit körperlicher Gewalt: "Kumma, ich schwöre bei Gott, und wenn es mir richtig Probleme macht, und wenn ich dafür in den Knast gehen sollte: [...] Ich werde vor dir stehen und ich werde dir deine Nase brechen. Ich werde dir so lange auf dein Gesicht hauen, bis du nie wieder reden kannst. [...]"

Shapira geht damit zur Polizei. Prozess läuft.

Prügelei vorm Louis-V

Währenddessen ist Fler gemeinsam mit seiner Freundin am Kudamm shoppen und wird am Louis-V-Store von aufdringlichen RTL-Journalisten abgefangen, die den 37-Jährigen nach Eigenaussage in eine unangenehme und unangekündigte Interviewsituation zwingen wollen. Nicht die charmante Art von RTL, und nachdem das Videoteam partout keine Ruhe geben will, wird Flizzy handgreiflich, schlägt die Kamera weg und dem Mann dahinter eine Platzwunde an den Kopf, die im Krankenhaus behandelt werden muss.

So grenzüberschreitend das Verhalten der Journalisten auch gewesen sein mag, Flers Reaktion geht natürlich überhaupt nicht klar und wird mittlerweile ebenfalls juristisch verfolgt.

Auf Instagram äußert sich der Maskulin-Rapper dazu wie folgt:

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"Um mal zu zeigen, welche 'armen' Kameramänner jetzt angeblich die Opfer sind ... Ablauf:

Als ich den Louis-Store mit meiner Freundin verließ, gingen die zwei Männer und die Reporterin auf mich zu. Das sogenannte 'spontane Interview' war ein typisches "an den Pranger stellen der Boulevard-Presse". Das man meinen Standort über meinen Instapost festgestellt hat, um mich dann abzupassen, hat mit Spontanität wenig zu tun.

Bevor es zwischen mir und den zwei Männern überhaupt zu einem Streit kam, wurde die Reporterin mehrmals von mir gebeten, mich und besonders meine Freundin nicht zu filmen ... von Persönlichkeitsrechten scheint RTL nicht viel zu halten!

Als ich die Kamera runtergeschlagen habe, griffen mich beide an. Der erste Vogel musste nur ins Krankenhaus wegen 'nem Cut, der zweite konnte noch cool mit den Polizisten drei Stunden da rumhängen. Die Dame, die mich interviewen wollte, ließ Ihre Kollegen einfach linksliegen und verschwand in einem Hauseingang. Das bei dem ganzen Geschehen eine Frau an meiner Seite war, hat RTL auch nicht gestört. #unhatewomen".

Deutschraps Finest

Von Rapper Manuellsen erhält er dafür Lob in den Kommentaren: "Alles richtig gemacht, bester Mann. Ich hätte deren Mütter gefickt. Scheiß auf die." Körperliche Gewalt scheint für den Ruhrpottler also ein angemessener Umgang mit Konfliktsituationen zu sein.

Damit ist er nicht der Einzige. Weitere Szenegrößen supporten. Zum Beispiel Rapper Bass Sultan Hengzt. Der schreibt auf Twitter:

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"Ich verrate euch mal ein Geheimnis: Wenn du Personen auf den Sack gehst, musst du damit rechnen, auf die Fresse zu bekommen."

Ehm? Sorry, wie alt bist du? Was ist das bitte für eine zurückgebliebene Moralvorstellung, in der man Menschen körperliche Gewalt zufügen darf, wenn sie einen – nerven? Für den Düsseldorfer Farid Bang scheint das alles hingegen sehr lustig zu sein.

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Flers Vorgeschichte: Etliche Verurteilungen

Farid Bang kommentiert mit "Du bist echt krank" und versieht seinen Kommentar mit vier Tränen lachenden Smilies. Haha, lustig. Fler wurde in seiner Vergangenheit übrigens bereits mehrfach wegen Körperverletzung, Bedrohung und Sachbeschädigung verurteilt. Haha, lustig?

Kumpel Sido hat ebenfalls ein Wörtchen mitzureden. In seiner Insta-Story sagt die Deutsche Rap-Legende:

"Also, jetzt mal ohne Spaß, ihr lieben Journalisten: Bevor ihr losfahrt, mit einer Kamera und einem Mikrofon, weil ihr ein Statement von irgendwem haben möchtet – denkt ihr dann kurz nach, wie das laufen könnte und wen ihr da trefft? Oder fahrt ihr dann mit Absicht los, weil wir wisst, Fler ist sehr aufbrausend und wird sich wahrscheinlich darüber ärgern? Dann finde ich, eine Anzeige und das so an die große Glocke zu hängen sehr unfair. Weil ihr wisst, wem ihr aufgelauert seid mit einem Mikrofon, einfach so, ohne einen Termin zu vereinbaren.

Ehm? Sorry, heißt, weil man von einem gewalttätigen Menschen weiß, darf man sich nicht beschweren, wenn er gewalttätig wird? Leider nicht, Sido. Es stimmt, RTL hat sich nicht gerade sensibel und professionell verhalten und hätte Fler ab dem Zeitpunkt in Ruhe lassen sollen, als er sie darum gebeten hat. Das rechtfertigt trotzdem keine körperliche Gewalt, die ist nämlich strafbar, solange es keine Selbstverteidigung ist. Das war es aber nicht, Fler hätte einfach weggehen können.

Neues Statement auf Instagram macht nichts besser

Heute (Dienstag) äußerte sich der Unruhestifter dann schließlich öffentlich auf Instagram zur #unhatewomen-Kampagne. Als Bild verwendet er das von der Kampagne gewählte Banner mit seiner kritisierten Textzeile – "Ich will keine Frauen, ich will Hoes. Sie müssen blasen wie Pros."

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"Die Bezeichnung Hoe gilt im Rap-Jargon für das perfekte Schönheitsideal. In dieser Zeile wird nicht nur die Frau, sondern auch der männliche Interpret auf seine Sexualität reduziert. Wenn 'Sie blasen kann, wie ein Pro', gilt dies als Kompliment. Eine Frau hat in der Milleau-Hip-Hop-Welt, was Klartext sprechen betrifft, immer dieselben Rechte wie der Mann! Das große Problem an Eurem Posting: Die Frau is keine Hoe, sondern ugly! #unhatewoman", schreibt Flizzy.

Ein Statement, das falscher nicht sein könnte und unfreiwillig attestiert, wie wenig sich der Rapper über die Bedeutung seiner Texte und von seinen eigenen männlichen Privilegien bewusst ist. Denn: "Hoe" ist kein Kompliment, sondern eine Bezeichnung, die Frauen als fickbaren Körper liest. Ebenso wie "Sie müssen blasen, wie ein Pro" – was heißt hier "müssen"? Gegen ihren Willen? Oder um etwas Wert zu sein? Um akzeptiert zu werden? Eine Frau, die ihren Wert in der Bedürfnisbefriedigung des Mannes findet? Blanker Sexismus.

Man kann sich außerdem nicht selbst diskriminieren. Wie soll das gehen?

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Deutschrap 2020: Das alte Dilemma

Tja, so sieht es aus im Deutschrap. Fler läuft quasi Ammok, hält Rückendeckung anderer deutscher Rapgrößen und die Medien befinden sich im alten Schlamassel: Was tun, um sowohl kritisch sein zu können, ohne sich dabei in Zukunft Interview-Chancen mit den Künstlern zu verbauen, die für die eigene Reichweite und Existenz lebensnotwendig sind? "16Bars" hat es mit einem kritischen Text versucht – gegenüber Shapira, der das Medienportal dafür angeklagt hatte, sich Fler gegenüber nicht kritisch genug distanziert zu haben. 16Bars hat es auch auf Twitter mit einem Statement gegen Shapira versucht – und erhält dafür überwiegend negatives Feedback in den Kommentaren. Auf YouTube haben sie weiterhin ein Foto von Fler als Titelbild, das Werbung für ihr aktuelles Interview macht. Inwieweiv, das Teil eines im Vorfeld abgeschlossenen Werbedeals ist? Weiß man natürlich nicht. So oder so wäre ein Statement der großen Rap-Portale wünschenswert.

Auf der anderen Seite hat sich unter anderem Nachwuchs-Journalist Alexander Barbian mit einem ausführlichen Statement auf Twitter gegen Fler positioniert und das auch noch mal mit nachträglichen Tweets unterstrichen.

>> Ein Plädoyer für mehr Liebe im Deutschrap

  • Quelle:
  • Noizz.de