Die Schlagzeilen zu ihrer neuen Musik zeigen: Künstlerinnen werden immer noch auf die Männer um sie herum reduziert.

Selena Gomez begegnete mir zum ersten Mal als Darstellerin in der Disney-Serie "Die Zauberer von Waverly Place". Danach hat sie mir als Sängerin den ein oder anderen belanglosen Ohrwurm beschert. "Naturally" muss man mir nur einmal vorspielen und er ist für Tage in meinem Kopf. Gut produzierter, eingängiger Massenpop, der schrecklich-klebrig und trotzdem irgendwie catchy ist.

>> Selena Gomez bekam Spender-Niere von ihrer Freundin

Nun hatte Selena Gomez eine nicht ganz einfache Zeit hinter sich. Seit vier Jahren – da veröffentlichte sie ihr bis dato letztes Album "Revival" – hatte sie nur einzelne Singles veröffentlicht. Sie kämpfte mit der Autoimmunerkrankung Lupus und war deswegen sogar auf eine Nierenspende angewiesen. Inzwischen steht Selena wieder Mitten im Leben – und hat deswegen zwei neue Singles kurz hintereinander veröffentlicht.

Die beiden Songs über die das halbe Netz tratscht und die meine sozialen Medien fluten, tragen die bedeutungsschwangeren Titel "Look At Her Now" und "Lose You To Love Me". Selena singt da Zeilen wie "It was her first real lover. His too till he had another" und "Took a few years to soak up the tears. But look at her now. Watch her go" oder "In two months, you replaced us. Like it was easy. Made me think I deserved it in the thick of healing, yeah“.

Hier kannst du beide Singles hören:

An dieser Stelle findest du Inhalte aus YouTube
Um mit Inhalten aus YouTube und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.
An dieser Stelle findest du Inhalte aus YouTube
Um mit Inhalten aus YouTube und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Kein Wunder, dass die Fans und vor allem die internationale Klatschpresse nicht aufhören können, sich das Maul zu zerreißen: Singt sie da etwa über ihren Ex, Justin Bieber? Ganz ehrlich: vielleicht. Aber auch: Wen interessiert das eigentlich?

Vielleicht war das Ganze auch clever kalkuliertes Marketing von Gomez selbst. Der Trubel war eigentlich vorprogrammiert und generierte eine ähnlich ungeteilte Aufmerksamkeit nach einer längeren musikalischen Pause, wie Taylor Swift es schaffte, als sie 2017 "Look What You Made Me Do" veröffentlichte.

Auch da lief die Medienmeute heiß: Ist das ihr Rachesong gegenüber Kanye West? Mit dem Rapper hatte die Popsängerin nämlich spätestens seit den MTV VMAs 2009 ein gaaaanz schwieriges Verhältnis. Kanye fand damals nämlich, dass Taylor den Preis nicht verdient habe.

Danach ging die Fehde hin und her, am Ende gab es sogar Drohanrufe und keiner wusste mehr so richtig, wieso man sich eigentlich hasste. Das Video inklusive Schlangen-Marketing und geheimnisvollen Insta-Countdowns schlug ein wie eine Bombe.

An dieser Stelle findest du Inhalte aus YouTube
Um mit Inhalten aus YouTube und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Künstlerinnen werden immer noch in Abhängigkeit zu einem Mann gesehen

Es einte Tay Tay mit Selena Gomez aber auch in einer ziemlich unschönen Sache: Nämlich das Künstlerinnen noch immer viel zu oft auf ihr Verhältnis zu einem Mann reduziert werden. Da spricht dann plötzlich nicht mehr das Kunstwerk selbst, sondern der Kontext drum herum.

Wenn man dann Schlagzeilen liest wie "Hailey & Justin Bieber: Drama nach Selena-Gomez-Song – Droht jetzt die Scheidung?" (OK!-Magazin), "Selena Gomez' neuer Song: Kampfansage an Hailey Bieber?" (vip.de) oder "Neuer Song: Singt Selena hier über Justins Affären? (Promiflash) könnte man eigentlich nur im Strahl kotzen. Als ob Selenas einziger Sinn und Zweck im Leben darin bestehe, Justin Bieber das Leben schwer zu machen und seine Ehe zu zerstören.

Befeuert wird diese Theorie auch noch durch Hardcore-Fans, sowohl an der Justin-Bieber-Front als auch bei der Selena-Gomez-Fraktion. Sie sehen in den beiden immer noch das perfekte Paar. Für alle, die nicht so Klatsch-und-Tratsch-fest sind wie ich, hier noch mal ein kurzes Update: Von 2010 bis 2013 waren Selena und Justin DAS Traumpaar der Popszene. So in etwa wie Britney Spears und Justin Timberlake damals in den Nuller-Jahren. Beide zwei Teeniestars, die sich gefunden haben.

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Instagram
Um mit Inhalten aus Instagram und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Dann die Trennung, Eskapaden auf Justins Seiten, Selena hielt sich dezent zurück, führte eine Beziehung mit dem deutschen DJ Zedd und war ganz kurz mit Sänger The Weeknd zusammen. 2017 dann das Liebescomeback. Allerdings hielt das nicht lange, bereits Anfang 2018 trennten sich beide wieder – und Justin heiratete kurz darauf das Model und Jugendfreundin Hailey Baldwin.

Könnte uns eigentlich egal sein, würde daraus nicht so ein Ding gemacht werden.

Um es klar zu sagen: Ja, Popmusik spielt gerne mit bekannten Referenzen, vor allem wenn der oder die Sänger, Sängerin im Rampenlicht und damit in der Öffentlichkeit steht. Allerdings ist nicht jeder Song eins zu eins autobiographisch oder ein Seelenstriptease. Ja, sie hat an beiden Songs zwar mitgeschrieben, aber neben ihr auch noch sechs andere Menschen, nämlich Ian Kirkpatrick, Julia Michaels, Justin Tranter, Julia Michaels und Mattman & Robin.

>> Selena Gomez ist nicht mehr die Nummer 1 auf Instagram

Ja, beide Stücke sollen eine emotionale Nähe, ein Mitfühlen und Mitfiebern der Fans bewirken, aber das ist bekanntlich auch Teil der Magie: Alles kann, nichts muss. Wer weiß schon, was real ist? Genauso gut kann man Selenas Stücke auch als Empowerment-Hymnen sehen. Eine Frau, die eine emotionale Krise hatte – aus welchen Gründen auch immer – und sich wieder aufgerappelt hat.

Wäre Selena nicht mit Justin Bieber zusammen gewesen, sondern einem Toby Milligan, den keine Sau kennt, alle hätten beide Songs einfach nur als energiegeladene Power-Hymnen gefeiert, die zeigen, dass sie Songwriting-mäßig mehr drauf hat als ein belangloser Popstar und schon mit Ariana Grande und Taylor Swift mithalten kann. Nicht mehr und nicht weniger.

  • Quelle:
  • Noizz.de