Tragödie und Komödie zugleich.

Die Goldsteak-Affäre um den FC-Bayern-Profi Franck Ribéry sagt so viel über ihn, den Fußball von heute und unsere Gesellschaft aus, dass Netflix schleunigst Drehbuchautoren auf die Geschichte werfen sollte. Dramen sind aus solch einem Stoff gemacht, Komödien, Tragödien – hier wohl am ehesten eine Tragikomödie in fünf Akten.

1. Akt: Franck wächst in einfachen Verhältnissen im Norden Frankreichs auf. Als er zwei ist, erlebt er einen Autounfall. Brutale Narben prägen seither sein Gesicht.

2. Akt: Franck kämpft sich hoch. 2007 unterschreibt er beim FB Bayern München, 2013 wird er beinahe Weltfußballer. Es folgen zahlreiche nationale und internationale Titel.

3. Akt: Franck besucht in Dubai das „Nusr-Et“-Restaurant von Star-Metzger Salt Bae. Er bestellt ein mit Blattgold überzogenes Ribeye-Steak für 1200 Euro und postet ein Video davon auf Instagram.

4. Akt: Franck erntet dafür einen Shitstorm.

5. Akt: Franck rastet aus. Er beleidigt seine Hater mit folgenden Worten: „F*ckt eure Mütter, eure Großmütter und euren gesamten Stammbaum.“

Wow! Was für Höhen und Tiefen! Wie viel Mitleid und Bewunderung, Verwunderung und Verachtung, Missgunst, Enttäuschung, Hass ... Staunen.

Was wir dabei über Ribéry lernen? Falls wir ihn schon länger beobachten, vielleicht gar nicht mal so viel. Es ist das typische Fußballmärchen, in dem sich ein armer, talentierter Junge mit viel Fleiß nach oben kickt – vom Ghetto-Kid zum Millionär. Aber das reicht nicht. Ein Märchen ist nicht genug. Damit man es glaubt, man selbst, die anderen, damit es wirklich Wirklichkeit wird, braucht es materialle Entsprechung: Lambo, Schampus, Rolex – Goldsteak.

Das „Nusr-Et“ ist ein Laden für solche Lebensläufe. Er befindet sich in Dubai, jener märchenhaften Stadt, die „Tausendundeiner Nacht“ entsprungen zu sein scheint; Star-Metzger Salt Bae, der vor ziemlich genau zwei Jahren große Berühmtheit erlangte – vor allem durch seinen Signature-Move: Steaks mit effeminiert-verkünstelter Geste mit Fleurde de Sel zu bestreuen –, findet dort das perfekte Publikum für seine bei Alnatura-Stammkunden und Noma-Ultras verpönte Küche.

Und so ist Ribéry natürlich nicht der erste Fußball-Star, der bei Salt Bae essen geht. Es waren quasi schon alle da, von Maradonna bis Kevin de Bruyne.

Ex-Sterne-Koch Alfons Schuhbeck hat Blattgold-Food jetzt als „schillernde Vorliebe der ,Bling-Bling‘-Gesellschaft“ qualifiziert. Er wollte es damit herabwürdigen, so wie wenn ein Mercedes-Fahrer über einen Gold-Lambo die Nase rümpft. Aus Versehen traf er aber ins Schwarze.

Denn genau dazu ist Fußball geworden: zu einer Bling-Bling-Gesellschaft à la Gangster-Rap. Man protzt, um zu zeigen, dass man's geschafft hat. Man stellt den neuen Reichtum ungeniert aus. Auf seinem Instagram-Profilbild sitzt Ribéry als König auf dem Thron, mit Krone und Hermelinumhang, so wie eins Rap-King Biggie Smalls.

Andere Fußballer inszenieren sich zwar dezenter, orientieren sich aber längst auch am Hip-Hop. Am prominentesten Bayern-Profi Boateng, der sich letztes Jahr als Rapper verdingte und mittlerweile sogar sein eigenes Lifestyle-Magazin namens „Boa“ hat. (Der vorläufige Höhepunkt seiner Swagness war seine Kollabo mit dem hippen Berliner Modemagazin und Fashion-Label „032c“.)

Fußball ist längst nicht mehr der Uncool-Sport, der er noch Anfang der Nullerjahre war. Fußballer sind mittlerweile Lifestyle-Vorbilder, die den Instagram-Hashtag #GoodLife genau so selbstverständlich verwenden wie Erfolgs-Rapper im Stile eines Bonez MC.

Andersrum tragen Deutschrapper mittlerweile selbstverständlich Fußballtrikots; im vergangenen Jahr standen Fußballtrikots bei Hipstermarken wie Gosha Rubchinskiy hoch im Kurs wie nie zuvor. Bei Hypebeasts ist der Pariser Verein Saint-Germain besonders beliebt – dass die kredibile Basketballmarke Air Jordan wie die It-Brand Bape gemeinsame Sache mit ihm macht, zeigt, wie der Coolnes-Status-quo des Fußballsports ist.

Fußball holt gegenüber Basketball auf – vielleicht gerade wegen seiner einstigen Sprödigkeit. Für Fußballspieler bedeutet das: Sie dürfen jetzt den Swag rauslassen (was manchmal nach hinten losgeht, wie eine wunderbare Facebookseite dokumentiert).

Ein Hauptgrund für diese neue Lust am Swag dürfte allerdings sein, dass immer mehr Fußball-Profis Migrationshintergrund haben. Ihre Eltern kommen aus Afrika, der Türkei oder Ex-Jugoslawien. Und Migrantenkinder waren schon immer cooler – nicht ohne Grund wird Deutschrap von ihnen beherrscht.

Geld raushauen, glamourös leben, Goldsteaks essen – einfach, weil man's kann

Fußballer – wie Rapper – sind ja eigentlich Nerds. Jahrelang am Durchbruch arbeiten, schwitzen, ackern, kämpfen, verzichten, während andere das Leben genießen, PlayStation spielen, auf Partys abstürzen. Das Goldsteak ist auch die Rache des Nerds. Schaut her, jetzt ist die Gönnung endlich unser! Geschmack spielt dabei keine Rolle. Worauf es ankommt, ist der Effekt.

Und wie auf der Straße dreht Ribéry sofort durch. Bäm! Voll auf den Solar plexus! So wie einst Zidane gegen Materazzi. Der Diss-Tweet als verbaler Kopfstoß. Auch Zidane kam aus einfachen Verhältnissen. Dann wurde er dreimal Weltfußballer.

Wahrscheinlich war Ribéry über die Reaktion auf seine Reaktion sogar überrascht. Auf der Straße hätte man einfach zurückgeschlagen, und dann wär wieder alles gut gewesen. Auf den Bildschirmen ist man empört und rümpft die Nase. Die – Zitat Ribéry – „Hater“ denken sich: Wer so viel verdient, muss sich auch benehmen ... können. Ribéry denkt sich (höchstwahrscheinlich): Wer so viel verdient, muss das auch zeigen ... dürfen. Was für ein Missverständnis auf beiden Seiten.

Ribérys Verhalten ist unentschuldbar. Aber mit ein bisschen Einfühlungsvermögen, mit der Übersicht eines gebildeten Menschen kann man es nachvollziehen, es verstehen. Komplizierter gelagert ist der Hass, der sich in Deutschland immer dann entfaltet, wenn jemand zeigt, dass er wohlhabend ist. Auf allzu offensichtlichen Luxus reagieren die Deutschen allergisch bis panisch. Geld zeigt man nicht, Geld hat man. In Deutschland soll schön jeder gleich sein – beziehungsweise gleich (er)scheinen.

Was ist der Grund für diese Luxus-Phobie? Das alte Lied vom deutschen Neid? Ich weiß nicht, das scheint mir irgendwie zu platt. Ich glaube, hier sind andere Gefühle im Spiel – vor allem Angst.

1. Angst, den eigenen Status zu verlieren – finanziell und/oder kulturell

2. Angst vor südeuropäischer, orientalischer Sinnlichkeit

Tatsächlich ist in Deutschland ja nicht jeder gleich – auch wenn man es vielleicht nicht sofort sieht. Das hat im vergangenen Jahr überzeugend das Docupy-Projekt „Ungleichland“ gezeigt. Das soll aber natürlich niemand wissen – auf dass die Ungleichheit bestehen bleibt.

Ribérys Goldsteak führt armen Deutschen vor Augen, was man sich leisten kann, wenn man aufbegehrt und danach strebt, seiner Armut zu entfliehen. Solche Motivations-Entäußerungen – so albern sie auch sein mögen – lösen eine Dynamik aus, die den Status quo gefährdet. Das kann Wohlhabenden nicht gefallen.

Auch die Bourgeoisie fühlt sich vom Goldsteak bedroht – aber aus einem ganz anderen Grund. Ihr Status hängt schon lang nicht mehr am Geld, denn Geld hat sie schon lang nicht mehr. Was ihr bei all ihrem finanziellen Abstieg aber geblieben ist: kulturelles Kapital. Das Bildungsbürgertum verfügt über – genau – Bildung. Es sagt, was sich gehört und was nicht. Was ethisch ist und – Obacht! – was man isst. Und diese Distinktionsfähigkeit, das einzige, was man noch besitzt, will man sich nicht von einem dahergelaufenen Proll wegnehmen lassen.

Über den zweiten Punkt, die Angst vor Sinnlichkeit, die Italiener, Türken und Araber und Weiß-Gott-wer-noch einfach gepachtet hat, was vielleicht einfach auch daran liegt, dass in ihren Ländern halt Zitronen blühen, könnte man ganze Bücher schreiben. Um mal eine Bildungsreferenz zu nennen: Schon Thomas Mann hat auf das tiefe Vorurteil hingewiesen, das die Deutschen gegenüber allem Schönen, Körperlichen, Sinnlichen empfinden.

„Oberflächlich“ ist hierzulande ein Schimpfwort. Hier muss alles Tiefgang haben, Geist. Luxus, l'art pour l'art, Exzentrik, Kaprizen, einfach mal ein Goldsteak essen, obwohl es totaler Unsinn ist – was es, bei Gott!, ohne Zweifel ist! –, bringen einen nicht näher zum Heil.

Hach, was für ein Stoff ist die Goldsteak-Affäre. Und während ich gespannt darauf warte, dass Netflix meinen Traum wahr macht, pult Ribéry sich mit einem 100-Euro-Zahnstocher von Louis Vuitton die Fleischreste aus den Zähnen.

Quelle: Noizz.de