Wenn zwei Neonazis dir erklären wollen, dass "HKNKRZ" auf einem Jutebeutel für den hippen Trendbezirk "Haken. Kreuzberg" stehen würde. Thilo Mischkes Doku auf ProSieben macht sprachlos und führt einmal mehr vor Augen, was in Deutschland falsch läuft – und wir uns dringend mit diesem Problem beschäftigen müssen.

Es ist nicht so häufig, dass ein Fernsehsender wie ProSieben an einem Montagabend zur Primetime eine 2-Stunden-Doku ohne Werbeunterbrechung zeigt – und dann auch noch über die neuen Rechten in Deutschland. Journalist Thilo Mischke, der schon aus Nordkorea, über IS-Kämpfer in Syrien, aber auch über Sexthemen berichtete, hat mehr als anderthalb Jahre im rechtsradikalen Milieu recherchiert und daraus die Doku "Rechts. Deutsch. Radikal" gemacht.

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Und macht da vor allem eine Sache anders als viele seiner Journalistenkollegen, die mit Pegida, AfD, Identitären und Co. reden wollen: Er hört erst mal zu.

So kommt er an Statements, die sonst nur wenige kriegen. Gleichzeitig lässt er die verstörenden Aussagen seiner Neonazi-Protagonisten nicht unkommentiert. Thilo Mischke geigt ihnen mutig die Meinung – so mutig, dass manche von ihnen da selbst gar nicht mehr so Recht Wissen, was sie noch so zu ihrem ideologischen Bullshit sagen sollen. Er trägt ein Regenbogen-Armband auf einem Rechtsrock-Festival, eine rosa Jacke bei der Pegida-Demo, ein Muhammad-Ali-Shirt beim rechten Kampfsport-Veranstalter.

"Rechts. Deutsch. Radikal." gibt einen Einblick in eine Szene, die unsere Demokratie gefährdet

Thilo Mischke in Dresden beim Pegida-Jubiläum

Dass man mit ernsten politischen Inhalten erstaunlicherweise auch beim jungen Publikum punkten kann, hat ProSieben schon des Öfteren gemerkt, wenn Joko und Klaas ihre freie Sendezeit für Seenotrettung im Mittelmeer, Obdachlosenhilfe, Alltagssexismus oder gegen die AfD eingesetzt haben. Auch Thilo Mischkes Doku hat einen Spitzenwert von 14,6 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen erreicht. Zu Recht. Denn die Ergebnisse seiner Recherche rütteln uns alle wach. Und zeigen: Aus besorgten Bürgern können schnell Terroristen werden, wenn wir sie nicht abholen.

Es ist traurig, sich dieses zermürbende Umfeld anzuschauen, immer wieder die gleiche, ideologisch, manchmal pubertär witzelnde Scheiße zu hören. Da muss sich auch Reporter Thilo Mischke im Gespräch manchmal ganz schön zurückhalten. Eine Bombe wurde schon vor Ausstrahlung der Sendung bekannt: Der früheren Pressesprecher der AfD-Bundestagsfraktion, Christian Lüth, wurde heimlich bei einem Treffen mit einer Bloggerin in einer Bar gefilmt – und soll dort laut Gedächtnisprotokoll gesagt haben:

Die AfD ist wichtig; und das ist halt schizophren, das haben wir mit Gauland lange besprochen: Je schlechter es Deutschland geht, desto besser für die AfD. (...) Wir können die nachher immer noch alle erschießen, das ist überhaupt kein Thema, oder vergasen, oder wie du willst, mir egal.

Nun wurde Lüth aus seiner Partei geworfen. Ohne Vertuschung, ohne Umwege – es ist bemerkenswert, wenn eine journalistische Recherche so etwas erreichen kann. Aber es war nur eine von vielen Momenten während der knapp 124 Minuten, bei denen man immer wieder den Kopf schütteln muss. Vielleicht die Spitze des Eisberges. Hier sind die vielleicht krassesten Momente der Doku.

1. Sanny Kujath ist erst 18, wirkt intelligent und der Posterboy der "Jungen Revolution"

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Längst wissen wir, dass die neue Rechte sich cooler geben will als die Skinhead-Neonazis der Neunziger. Die Identitäre Bewegung, inzwischen vom Verfassungsschutz als verfassungsfeindlich eingestuft, versucht mit Aktionen im Greenpeace-Style über Instagram, YouTube und Co. mit coolem Hipster-Image vor allem junge Leute für ihre Ideen zu begeistern.

Diesen Ansatz verfolgt auch der aus Zwickau stammende Sanny Kujath, den Mischke ebenfalls trifft. Er hat die Jugendbewegung "Junge Revolution" ins Leben gerufen, die Jugendcamps organisiert und natürlich ziemlich rechts ist. Daraus macht Sanny auch kein Geheimnis. Er findet, dass die Klischee-Rechten, besoffen und in schwarz-weiß-roter Jogginghosen-Uniform eigentlich gar keine echten Rechten sind. Er aber sei es.

Er wolle nur seine politische Gesinnung fördern, sagt er. Wenn er redet, merkt man, dass man es eigentlich mit einem ziemlich klugen, jungen Mann zu Tun hat. Zu klug, um offen sich zu Fragen über den Zweiten Weltkrieg oder jüdisches Leben zu äußern. Dann wird er aber auch auf einmal ein ziemlicher Milchbubi. Aber nichts sagen ist eben auch eine Aussage. Das macht Menschen wie Sanny so gefährlich.

2. Der seltsame Gesinnungswandel der rechten Vloggerin Lisa Licentia

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Ähnlich wie Sanny Kujath ist wohl auch Lisa Licentia einzuordnen. Denkt man zumindest am Anfang. Sie nimmt die krasseste Rolle in Mischkes Narrativ ein, sie ist es, die dafür verantwortlich ist, das Lüths schockierendes AfD-Zitat an die Öffentlichkeit gelangte. Aber eins nach dem anderen. Lisa Licentia war eine erfolgreiche YouTuberin. Sie macht hochemotionale Videos, in denen sich die hübsche junge Frau Mitte 20 darüber echauffiert, wie wir einfach bei der drohenden Islamisierung unserer Gesellschaft einfach zuschauen könnten.

Das ist natürlich ganz nach dem Geschmack der AfD – obwohl Licentia damals noch Mitglied der Jungen Union, also der Jugendorganisation der CDU, war. Für die AfD gehört sie zu den "freien" YouTuber*innen, mit deren Hilfe die AfD ihre Botschaften unter das Volk bringt. Bis zu 40.000 Abonnenten hatte sie zu Spitzenzeiten. Mischke will mit Lisa eine Lesung bei der AfD im Bundestag besuchen. Dort wird ein islamkritisches Buch vorgestellt, dessen Autor in einem Raum des Deutschen Bundestages fordert: Der Islam gehöre verboten. Lisa ist dort eingeladen, weil die AfD hofft, sie berichtet darüber.

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Bereits vor diesem Besuch bei der AfD-Pressekonferenz sagt sie, es "sind nicht alle wahnsinnig" in der AfD: Doch dann passiert etwas, das alles bei Lisa ins Wanken bringt. Bei dem Event ist auch der rechte Blogger Oliver Flesch vor Ort, der sich munter drei Flaschen Wein gönnt. Mischke will bei der Pressekonferenz ein Interview mit einem AfD-Politiker machen – da pöbelt ihn eben jener betrunkene Flesch aggressiv an.

Schnitt. Danach sieht man die YouTuberin im Foyer. Sie bricht in Tränen aus. Sie wollte "die ganze Scheiße nie", das gefährde ihre Kinder und sei vollkommen aus dem Ruder gelaufen. "Türken-Hure", "Dreckiger Jude" – das müsse sie sich anhören.

Sie erklärt am nächsten Tag: "Ich bin nur am Kommentare löschen." Sie selbst werde aufs Ungeheuerlichste beschimpft, wenn sie einmal aussagen treffe, die nicht AfD-konform seie. Sie sagt den Tränen nahe:

Ich weiß, wenn das Ganze ausgestrahlt wird, dann habe ich niemanden mehr.

Doch ihr Entschluss steht fest, sie will das nicht mehr. Also trifft sie sich mit Lüth in einer Bar. Um zu zeigen, wie die AfD wirklich hinter verschlossenen Türen spricht. Den Rest kennen wir. Ihr Wandel kommt aus dem Nichts, alle sind verwirrt. Selbst Mischke weiß nicht so recht, was er davon halten soll. Aber es zeigt umso mehr, wie rücksichtslos die Szene ist, was sie mit den Menschen macht. Inzwischen ist Lisa in einem Aussteigerprogramm. Über ihrem Twitter-Account wird sie massiv bedroht. Es ist ein trauriges Fanal.

3. Dortmunder Nazi-Merch, der keiner sein soll

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In Mischkes Doku werden unendlich viele menschenverachtende Hass-Zitate aneinander geschnitten. Auf Pegida- und Nazi-Demos, von jungen rechten Influencern, von AfD-Politiker*innen. Das ist krass und man schüttelt den Kopf, wenn etwa ein aus dem Westen stammende Björn Höcke die ostdeutsche Masse damit aufstachelt, dass man bald lebe wie in der DDR. Woher will er das wissen, er hat nie in diesem Unrechtsstaat gelebt!

Noch unglaublicher ist aber eine Szene, in der Mischke sich mit zwei Dortmunder Neonazis trifft, die der Kleinstpartei "Die Rechte" angehören. Sie zeigen im Stolz ihr Merch-Lager, mit dem Die Rechte nicht nur politisch aktiv ist, sondern auch Geld verdient. Da verkaufen sie grenzwertige Artikel wie Jutebeutel mit der Aufschrift "I <3 NS", was angeblich für "Natursekt" stehe, oder aber "HKNKRZ" – das stehe laut eigener Angabe eher für "Haken Kreuzberg", weil man den angesagten Berliner Stadtteil gerne möge.

Mischke geht auf Konfrontation: "Wie kann man damit Geld verdienen?! (...) Das sind eindeutig Referenzen an eine Zeit, die niemanden in Deutschland etwas Gutes gebracht haben." Die Nazis stottern: "Da stehen Buchstaben!" Außerdem könne man sich eh nicht frei äußern, aber natürlich spiele man mit Provokation. Ah ja. Später fragt Mischke, was denn passiere, wenn die Rechten endlich an der Macht sein – was geschehe dann mit Leuten wie ihm, die nicht dieser Meinung sind?

Die werden danach, im neuen Deutschland, nicht mehr glücklich.

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4. Wenn der Chef des Thüringer-Verfassungsschutz ganz offen sagt, er mache sich "ernsthafte Sorgen um unsere Demokratie"

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Klar, ein Besuch bei einem Rechtsrock-Festival in Ostritz oder ein Talk mit "Kampf der Nibelungen"-Initiator (Anm. d. Red.: Beim "Kampf der Nibelungen" treten rechtsextremistische Sportgruppen zu einem Kampfsport-Wettbewerb an. Quasi Training für den Ernstfall) Klaus Theweleit, der über seine Beweggründe, in die Szene einzusteigen, lediglich sagt, "Weil's Stärke ausstrahlt. Die ganze Ideologie strahlt Stärke aus", sind natürlich spektakulärer als ein Interview am Schreibtisch des Thüringer Verfassungsschutz. Aber es ist eine Schlüsselszene.

Wie bewertet der Verfassungsschutz die neue Rechte, fragt Mischke fast naiv. Die Antwort von Verfassungsschützer Stephan Kramer, Leiter der Behörde in Thüringen, ein Bundesland , indem die rechte Szene besonders aktiv und gewaltbereit sein soll, macht sprachlos:

Vor ein paar Jahren hätte ich noch zu Ihnen gesagt: Wir müssen uns zwar Sorgen machen, aber wir sind noch nicht die Weimarer Republik. Aber wenn ich mir die Entwicklungen in den letzten fünf Jahren anschaue, muss ich offen gestehen, mache ich mir ernsthafte Sorgen um unsere Demokratie.

Die Gruppierungen würden kaum noch im Untergrund agieren. Sie seien extrem selbstsicher, sie klauen am laufenden Band in den Sicherheitsbehörden – ob Militär oder Polizei – Munition und Sprengstoff. "Ich muss das Ganze nicht gefährlicher beschreiben, als es ist. Aber es macht uns zu Recht große Sorgen", sagt Kramer.

Deutschland hat ein Problem mit Rechtsradikalismus

Wer "Rechts. Deutsch. Radikal." noch nicht gesehen hat, sollte es schnellstens nachholen. Nur wenige Tage nach dem Gedenktag an den rechtsradikalen Anschlag auf das Oktoberfest vor 40 Jahren, kurz vor 30 Jahre deutsche Einheit, ist diese Doku der Beweis für eine Entwicklung, bei der wir vielleicht viel zu lange weggeschaut beziehungsweise verharmlost haben.

Diese Doku ist traurig und hat für Kenner der Szene natürlich wenig Neues zu bieten, sie zeigt aber endlich dem Mainstream, wie krass das alles ist. Was Mischke auch hoch anzurechnen ist: Er zeigt, dass rechtsradikale Denkmuster nicht nur ein ostdeutsches Problem sind. Es it überall in Deutschland zu finden. Und wir dürfen nicht mehr weg schauen.

[Text: Zusammen mit dpa]

  • Quelle:
  • Noizz.de