Serdar Somuncu und Florian Schroeder haben für RBB einen neuen Podcast gestartet. Direkt die erste Folge sorgt mit sexistischen Aussagen für Aufregung. Auf Twitter folgte die Diskussion, was Satire nun darf. Feministin und Hobby-Domina Suzie Grime hat eine klare Haltung – NOIZZ hat sie erklärt, warum.

Serdar Somuncu und Florian Schroeder haben in der ersten Folge ihres neues RBB-Podcasts Aussagen getroffen und über sie gelacht, die von vielen als rassistisch und sexistisch empfunden werden. Zwei Beispiele: "Ob das 'Zigeunerschnitzel' heißt oder 'Mohrenwirt', ist mir egal", hieß es. Und weiter: "Das Einzige, was ihnen geblieben ist, dass sie keine Schwänze lutschen können, sondern meinen, Kolumnen schreiben zu können". Die beiden weißen Männer sind Satiriker. Dürfen sie deswegen solche Sprüche klopfen? Nein – meinen viele Twitter-User*innen. Auf der Social-Media-Plattform sorgten Somuncu und Schroeder für einen großen Aufschrei.

Auch Mode-Journalistin, Feministin und Cannabis-Aktivistin Suzie Grime hat eine klare Haltung. Sie twittert: "Hab das Bedürfnis, Serdar Somuncu mit 'nem harten Strahl ins Gesicht zu squirten. Vielleicht hört er dann auf für ein paar Sekunden auf, sexistische Scheiße zu labern." Suzie Grime selbst erregt auf Social Media immer wieder Aufmerksamkeit. In ihren Highlights sieht man gelegentlich Sklaven, nackt mit Maske, die ihre Wohnung putzen und sich auspeitschen lassen. Doch im Gegensatz zu den vermeintlichen Satirikern versucht sie, Missstände aufzudecken. Im NOIZZ-Interview spricht sie über Satire und Inszenierungen.

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Suzie Grime im NOIZZ-Interview

NOIZZ: "Hab das Bedürfnis, Serdar Somuncu mit 'nem harten Strahl ins Gesicht zu squirten. Vielleicht hört er dann für ein paar Sekunden auf, sexistische Scheiße zu labern." Ein krasser Tweet. Was kann neben dem Squirten und geballter Feminist*nnen-Power helfen, damit solche sexistischen Kommentare nicht mehr fallen?

Suzie Grime: Da gibt es nichts, was von heute auf morgen schnell helfen kann. Das Einzige, was wir als Gesellschaft tun können ist, uns weiterhin zu bilden, was das Thema Sexismus und Rassismus angeht. Ich denke, Bildung ist das Allerbeste, was gegen Ignoranz hilft. Natürlich ist das aber auch eine Frage der Zeit. Wir alle werden im selben toxischen System groß, dass dieselben sexistischen und rassistischen "Beliefs" hat. Und dann ist das eine Frage des Generationenwechsels.

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Die "alten Dinosaurier", die an veraltete Rollenbilder und Klischees über verschiedene Hautfarben glauben, die werden irgendwann aussterben. Natürlich gibt es auch nachfolgende, junge Menschen, die sich rassistisch und sexistisch verhalten. Aber ich denke, dass die Zeit historisch auf jeden Fall gezeigt hat, dass auf lange Sicht das Leben für Menschen in unserer Gesellschaft immer besser wird. Auch wenn dieser Fortschritt sehr langsam vorangeht – er passiert. Also wird es hoffentlich nach einigen Generationen, in der Zukunft, keine Menschen mehr geben, die solche Aussagen tätigen. Und auch keine Menschen, die das einfach weglachen.

Die Verteidiger Somuncus argumentieren mit der Satirefreiheit. Schließlich wurde bei der satirischen Kolumne von Hengameh Yaghoobifarah ebenfalls gesagt, wie wichtig Satire ist. Nun gibt es bei Twitter eine Debatte, was gesagt werden darf und was nicht. Wie unterscheiden sich die beiden Fälle, warum darf das eine gesagt werden und das andere nicht?

Suzie Grime: Meine persönliche Meinung zu Satire: Satire tritt im besten Fall immer nach oben und nicht nach unten. Im Falle von Sexismus und Rassismus würde das natürlich bedeuten, dass man weiße Menschen und Männer auf den Arm nimmt – sich nicht aber lustig macht über Frauen, Schwarze Menschen und andere Minderheiten.

Darüber hinaus erfordert Satire auch eine Art doppelten Boden, um der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten, was ihre Mängel angeht. Diesen doppelten Boden habe ich in den Aussagen, die Somuncu getätigt hat, nicht gesehen. Ich habe nicht gesehen, dass er der Gesellschaft in irgendeiner Weise gezeigt hat, dass und wie sie sich bessern soll. Meiner Meinung nach hat Serdar einfach nur nach unten getreten, um "edgy" zu sein.

Satire bedeutet nicht, dass du einfach nur ein Arschloch sein kannst. Satire bedeutet, dass du ein Arschloch bist – im Dienste dessen, die sozialen Missstände aufzudecken. Und das hat er nicht getan. Im Gegenteil. Er selbst ist durch seine Aussagen zum Teil der sozialen Missstände geworden.

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Serdar Somuncu

Viele glauben, die Aussagen im Podcast seien "nur" bewusste und gezielte Provokationen. Schröder selbst meint "anders als im Privaten sei das, was man in der Öffentlichkeit verbreitet, Inszenierung". Nun bist du jemand, der im Netz ebenfalls mit Inszenierungen für Provokation sorgt. Inwiefern darf man mit Inszenierungen provozieren?

Suzie Grime: Natürlich darf man mit öffentlicher Inszenierung provozieren. Die Frage, die sich dabei aber stellt, ist, zu welchem Nutzen? Was ist das "bigger picture", auf das man hier hinarbeitet? Zeigt man mit Satire die Missstände auf oder ist man einfach nur ein edgy Meme-Lord mit schwarzem Humor, der Rassismen und Sexismen reproduziert?

Was das mit meiner Hobby-Tätigkeit als Domina zu tun hat? Da sehe ich gar keinen Zusammenhang. Abgesehen davon ist die Tatsache, dass ich Domina bin, eine feministische Performance-Art – die wiederum den Zustand in unserer Gesellschaft anprangert, dass weiße, heterosexuelle Männer in allen möglichen Machtpositionen zu finden sind. Ich stelle diesen Zustand einmal auf den Kopf, drehe das um – und halte so der Gesellschaft den Spiegel vor das Gesicht. Damit zeige ich: Hey, Frauen können auch diejenigen sein, die in der Kontrolle sind.

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Der Unterschied: Wenn ich meine Diener an der Leine spazieren führe, dann mögen das manche als reine Provokation ansehen – ich sehe das als Hobby und Performance. Als Allererstes erfülle ich damit aber eine Dienstleistung, für die ein Kunde bezahlt. Niemand hat Serdar gebeten, rassistisch und sexistisch zu sein. Keine Frau und keine Schwarzen Menschen haben ihn darum gebeten, sich öffentlich über sie lustig zu machen und sie zu diskriminieren.

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Weiter kritisiert Schroeder, es gebe auch eine Grundhaltung, dass alles, was man öffentlich äußere, auch das sei, was man privat denke. Nehmen wir mal an, all das was die Herren von sich gegeben habe, ist ihre Grundhaltung. Wie soll die Medienlandschaft, mögliche, zukünftige Auftraggeber*innen der beiden, Hörer*innen, Twitter-User*innen (...) damit umgehen?

Suzie Grime: Im besten Fall sollten Medienschaffende so damit umgehen, dass sie Frauen und Schwarzen Menschen Plattformen geben – anstatt Menschen, die sexistische und rassistische Aussagen tätigen und reproduzieren. Es wäre und ist eine gute Entwicklung, wenn mehr Minderheiten einen Platz am Tisch bekommen, der bisher weißen, heterosexuellen Männern vorbehalten war.

In dem Moment, wenn man solchen Leuten eine Plattform bietet, in diesem Moment unterstützt man ihre Aussagen doch auch – mit seiner Reichweite, mit seinem Geld.

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Quelle: Noizz.de