Auf Instagram warb VW kürzlich auf rassistische Weise für den neuen Golf. Das Netz reagierte empört. Schnell nahm VW den Clip runter und rechtfertigte sich mit Kreativität. Der Konzern hat sich mittlerweile entschuldigt. Besser macht das allerdings nichts.

Es waren nur wenige Sekunden – die waren allerdings ausreichend, um einigermaßen viral zu gehen: VW schaltete gestern ein kurzes Werbesnippet in die Insta-Stories. Darin zu sehen: Der neue Golf steht am Straßenrand. Davor eine Schwarze Person, die von einer überdimensionalen, weißen Hand nach hinten geschoben und letztendlich in das dahinterliegende "Café Colon" geschnipst wird. Daraufhin werden die Worte "Der neue Golf" eingeblendet – allerdings materialisieren sich zunächst fünf Buchstaben, danach der Rest. Für Sekunden steht dadurch das N-Wort über dem Golf.

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Screenshot aus dem rassistischen VW-Clip.

Rassismus, ick hör dir trapsen.

Natürlich wurde nicht lange gefackelt: Auf Instagram wurde vor allem von User xanax_attax reagiert. Er spielte den Clip in seinen Insta-Stories ab, inklusive kritischer Verurteilung. Dies wurde mehrfach geteilt – teilweise wütend, teilweise ungläubig. Immerhin wird hier eine schwarze Person in das "Café Colon" geschnippt. Man braucht kein Geschichte-Ass zu sein, um hier direkt an Kolonialisierung zu denken. Die eingeblendeten Buchstaben tun ihren Rest.

Hier der Clip zur Ansicht auch noch mal auf Twitter:

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Wenn es nicht so verstörend wäre, könnte man fast meinen, es sei eine echte Leistung, so viel Rassismus und Fails in nur zehn Sekunden zu quetschen. Zumal es sich bei VW um einen global agierenden Riesenkonzern handelt und dieser Clip durch zahlreiche Hände gegangen sein muss, ehe er veröffentlicht wurde. Aber wie heißt es so schön: Nichts ist unmöglich – Toyota! Oh huch, falsche Automarke!

VW reagierte auf wütende Posts auf Instagram mit einer ziemlich laschen Reaktion, die man eigentlich kaum als Rechtfertigung, geschweige denn als Entschuldigung werten kann:

Erklärung von Volkswagen

VW äußerten, wie schockiert sie seien, dass der Clip derartig missverstanden wurde. Es war doch nur, wie sie selbst sagen, kreativer Umgang mit dem Format Instagram Story als ob dieser Clip in einem anderen Format weniger rassistisch gewesen wäre. Da kann man nur sagen: die Armen! Tun uns richtig leid, die VWs. Da machen die einen schicken Clip für dieses neumoderne Social Media und da kommen dann die ganzen Erbsenzähler um die Ecke und versalzen einem die Werbe-Suppe. So in etwa wirkt das VW-Statement: Diejenigen, die kritisieren sind offenbar zu dumm, um den Clip zu verstehen. Es ging nämlich gar nicht um die Herkunft der Person im Snippet! Aber worum ging es dann?

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VW zielte gar nicht auf Rassismus ab

Wir fragen uns ernsthaft, was eigentlich als Pointe vonseiten VWs für den Clip angedacht war. Selbst wenn man den Rassismus-Aspekt für einen Moment unbeachtet lässt: Was will uns diese Werbung sagen? Auf Anfrage von NOIZZ kam gestern Abend nur dasselbe halbgare PR-Gefasel, das auch unter den kritischen Insta-Posts zu finden war. Darüber hinaus gab es noch diese Info: "Das 'Petit Colón' ist das Café neben dem "Teatro Colón“, dem nach Christoph Kolumbus benannten bekanntesten Theater in Buenos Aires."

Klasse. Hätten wir nach einem Reisetipp für Lateinamerika gefragt, wäre diese Antwort vielleicht hilfreich gewesen! Aber selbst wenn man hiervon absieht, selbst wenn wir das Cafè Colon außer acht lassen: Die Message, dass hier ein Schwarzer passiv und unmündig von einer weißen Macht durch die Gegend geschoben wird, ist ziemlich eindeutig. Da braucht es noch nicht mal die eingeblendeten Buchstaben um sich zu fragen: Was zur Hölle geht eigentlich bei VW ab?!

Wenn man die Buchstaben von unten nach oben und rechts nach links liest, ist die Message eindeutig.

Ist VW ignorant oder tatsächlich rassistisch?

Mittlerweile hat VW nachgelegt und sich tatsächlich entschuldigt: "Wir können die Empörung und Wut als Reaktion auf das Video verstehen. Ganz ohne Frage: Das Video ist falsch und geschmacklos. Wir distanzieren uns davon und entschuldigen uns dafür. Wir werden aufklären, wie das passieren konnte – und Konsequenzen daraus ziehen."

Gut gemeinter Tipp an VW: Wenn Verantwortliche in euren Reihen einen solchen Clip absegnen, solltet ihr vielleicht mal ganz andere Fragen als nur bezüglich dieses Clips stellen. Denn entweder besteht die VW-Chefetage aus lauter weißen, sehr ignoranten, weltfremden und egozentrierten Menschen, denen jegliche Debatten um Rassismus in den letzten Wochen, Monaten und Jahren nicht aufgefallen ist, weil offenbar allesamt im Schrank pennen.

Oder aber hier wurde ganz bewusst und scheinbar kalkuliert Werbung gemacht: aktiv eingesetzter Rassismus um Aufmerksamkeit zu generieren und gezielt zu provozieren. Als weitere alternative Erklärung bleibt ansonsten nur, dass tatsächlich ein paar Leute "subtilen" Rassismus praktizieren wollten.

Was auch immer passiert ist: Keines der möglichen Szenarien wirft ein gutes Licht auf den Autohersteller. Genauer genommen wissen wir selbst nicht, was von all dem schlimmer ist: Unwissen und Ignoranz oder Rassismus als Werbezweck? Die Tatsache, dass wir uns diese Frage überhaupt stellen und dass wir einem Konzern wie VW einen solchen Artikel widmen müssen zeigt in letzter Konsequenz, dass wir es als Gesellschaft offenbar immer noch nicht hinbekommen divers, gleichberechtigt und jenseits von Rassengrenzen zu denken. Und das ist vor allem eines: sehr beunruhigend.

  • Quelle:
  • Noizz.de