Das Fashion-Magazin hat etwas Grundlegendes nicht verstanden.

Was das deutsche "Elle"-Magazin sich mit seiner November-Ausgabe geleistet hat, ist schlichtweg rassistisch. "Back to Black – Schwarz ist wieder da: Unwiderstehlich!" – so der Titel der neusten Ausgabe des Fashion-Magazins , das Cover bis auf den pinkfarbenen "Elle"-Schriftzug komplett in schwarz-weiß, geziert wie immer mit einem weißen Model.

So weit, so gewöhnlich. Im Heft selbst wird allerdings nicht nur alles zum "Kleinen Schwarzen" und Co. behandelt. In der Redaktion dachte man anscheinend: Farbe Schwarz – da klingelt was! ... Wie wäre es, wenn wir mal "Models of Colour" vorstellen?

Ein Schwarzes Model auf das Cover zu nehmen, war der Redaktion dann wohl doch zu extrem. Man griff lieber zu altbekannten Mitteln und setzte ein weißes, blondes Model aufs Cover, die Dänin Gertrud Hegelund. (Die ziert in diesem Jahr zum zweiten Mal die Titelseite des Magazins, während wir seit fünf Jahren kein Schwarzes Model auf dem Cover der deutschen "Elle" gesehen haben.) Um dem Motto dann doch irgendwie noch gerecht zu werden, wurde kurzerhand alles in schwarz-weiß getaucht. Der Mangel an Sensibilität, der daraus spricht, lässt sprachlos werden.

Schwarzsein ist kein Trend

Aber hey, es hat immerhin für eine Doppelseite im Magazin gereicht. Unter den Überschriften "Super, girls!" und "Black is back" ist da von "schönen, erfolgreichen, engagierten" "Models of Colour" zu lesen, die "nie so gefragt waren wie jetzt". Damit wird impliziert, dass man Schwarzsein offensichtlich für einen Trend hält. Schwarze Models werden dargestellt, wie eine Ware, eine neue Kollektion, die in der schnelllebigen Fashion-Welt jetzt gerade in ist, nächste Woche vielleicht aber wieder out.

Ganz deutlich wird auch, dass die "Elle"-Redaktion offensichtlich den Unterschied zwischen "People of Colour" und "Black people" nicht kennt. Mit dem fröhlichen Durchmischen der Begriffe unterminiert man die Diversität der Erfahrungswelten von Schwarzen Menschen und anderen People of Colour – impliziert im schlimmsten Fall, dass die Unterscheidung keine Rolle spielt.

Schwarze Menschen kämpfen tagtäglich um Sichtbarkeit

Als ob das alles noch nicht genug wäre, wird auch noch das Model Naomi Chin Wing verwechselt und in der Bildbeschreibung fälschlicherweise als Janaye Furman bezeichnet. (Letztere hat, by the way, im Jahr 2017 [!!!] als erstes Schwarzes Model überhaupt seit Beginn der 163-jährigen Geschichte des legendären Modehauses eine Show von Louis Vuitton eröffnet.) "Elle" bedient damit nicht nur uralte, rassistische Vorurteile (à la "Die sehen doch eh alle gleich aus"), sondern drückt auch ganz plakativ aus: Uns ist im Grunde egal, wer da abgebildet ist.

Einer geht noch, dachte man sich anscheinend bei "Elle" und reihte Joan Smalls, das Supermodel aus Puerto Rico, seit Jahren eine Größe im Model-Geschäft, im Jahr 2012 sogar zum Nummer eins Model der Welt gekürt, kurzerhand mit in die Newcomer ein – eine absolute Respektlosigkeit. Die gesamte Ausgabe ist ein Schlag ins Gesicht für alle Schwarzen Menschen, die in der Modewelt sowieso schon jeden Tag um Visibility und Gleichberechtigung kämpfen müssen.

Die Ausgabe trieft von White Privilege

Die Ausgabe trieft nur so von White Privilege, von der absoluten Unkenntnis, gar Ignoranz dem gegenüber, dass Schwarz eben nicht nur einfach eine (Haut-)Farbe oder biologische Eigenschaft ist, dass Schwarze Menschen ihre Haut nicht einfach abstreifen können wie das Kleine Schwarze aus der Sommer-Saison 2019: Schwarze Menschen sind täglich mit ihrer Hautfarbe konfrontiert, werden durch sie auf bestimmte Art und Weise wahrgenommen, nicht selten rassistisch motiviert.

Die Bezeichnung Schwarze Menschen selbst sogar bezieht sich auf die gemeinsame Rassismuserfahrung. Eine politische und soziale Komponente, die der "Elle" offensichtlich absolut unbekannt ist. Ironischerweise wird die Blindheit, Unwissenheit, Ignoranz genau in dem Zusammenhang deutlich, als man sich in die "Black is beautiful"-Bewegung mit einreihen und Lorbeeren abräumen will.

Kulturelle Aneignung von Schwarzer Kultur

Genau hier tritt eine weitere Problematik zutage: Wieder einmal redet man über Schwarze Menschen, nicht mit ihnen. "Elle" will sich als "socially aware" und divers darstellen, alle positiven Begleiterscheinungen mitnehmen, ohne sich real mit der Thematik auseinanderzusetzen. Das Engagement und die Wertschätzung für Schwarze Models geht nicht über die gedruckten Worte hinaus (sondern geht hier in erster Linie sowieso komplett nach hinten los).

Eine Wahrheit, die nur allzu bezeichnend ist für die Modewelt, in der die Schwarze Kultur gerne ausgeschlachtet und vermarktet wird, ohne Respekt, ohne Inklusion Schwarzer Menschen, ohne sie am Gewinn teilhaben zu lassen. Letztendlich weist der Skandal auch auf ein tieferliegendes Problem hin: Die Unterrepräsentiertheit von Schwarzen Menschen, PoCs und Minderheiten in den Redaktionen deutscher Zeitschriften und in der Fashion-Welt allgemein (und lange nicht nur da).

Mit einem "Sorry" ist es nicht getan

Mittlerweile gibt es ein Statement, in dem sich die "Elle"-Chefredakteurin stellvertretend für die gesamte Redaktion entschuldigt und genannte Fehler einräumt. Man habe die Farbe Schwarz von verschiedenen Blickwinkeln beleuchten wollen und als Teil davon, starke Schwarze Frauen, die in der Fashion-Szene als Models arbeiten, vorstellen wollen. Das Geschehene sei nun definitiv eine "Lernerfahrung".

Eine böswillige Absicht kann man der "Elle"-Redaktion sicher nicht unterstellen. Doch selbst die Stellungnahme lässt zu wünschen übrig, weist wieder darauf hin, dass das grundlegende Problem noch nicht verstanden wurde.

Wie kann so etwas passieren?

Wohl mit am schockierendsten an der ganzen Geschichte ist, durch wie viele Hände das Magazin gegangen ist, bevor es letztendlich veröffentlich wurde. Unter all diesen Menschen – von den Redakteuren bis zu den Grafikern – scheint niemandem aufgefallen zu sein, wie problematisch die Darstellung von Schwarzsein als Trend ist, dass ein Model vertauscht wurde, wie abstoßend der Titel "Schwarz ist wieder da: Unwiderstehlich!" ist im Zusammenhang mit der Vorstellung Schwarzer Models.

Dem weißen Team von "Elle" fehlt es offensichtlich an Kenntnissen, Sensibilität und schlussendlich auch der Erfahrung, um Themen wie diese entsprechend zu behandeln – womit wir letztendlich wieder bei dem Diversitätsproblem angekommen sind.

Aufgedeckt durch die Mode-Polizei "Diet Prada"

Aufgedeckt wurde der Skandal durch das Instagram-Kollektiv "Diet Prada", bekannt als der Wächter der Fashion-Szene und ihrer Fauxpas. Am Dienstag postete das Kollektiv den Auszug der "Elle"-Novemberausgabe und löste eine große Diskussion aus. Selbst Szene-Größen wie Naomi Campbell äußerten sich. Auf Instagram adressierte das Supermodel die "Elle"-Chefredakteurin Sabine Nedelchev direkt: "Ihr Fehler ist höchst beleidigend auf jede Art und Weise."

Wenn man sich schon als divers und "socially aware" darstellen will und mit in der ersten Reihe "Black is beautiful" schreien will, obwohl man bisher nichts getan hat, als den Status quo aufrechtzuerhalten (oder schlimmer), dann sollte man zumindest ein Mindestmaß an Sensibilität und echtem Interesse zeigen. Ist das wirklich zu viel verlangt?

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Quelle: Noizz.de