Dass Europäer*innen Asiat*innen anscheinend schwerer unterscheiden können, als Menschen, die ihnen selbst ähnlich sehen, liegt am sogenannten Cross-Race-Effekt. Doch der ist keine Entschuldigung für Rassismus: Warum werfen viele Asiat*innen gleiches Aussehen vor? Und warum ist die Unterstellung, gleich auszusehen, eigentlich so problematisch?

In der vergangenen Woche ging ein Tweet viral, bei dem man zweimal hinsehen musste. Darauf zu sehen: Sechs deutsche Influencerinnen – die aussahen, wie ein und dieselbe. Weißer Pulli, lange blonde Haare, exakt das gleiche Make Up, der gleiche verträumte Blick in die Kamera, die gleichen leicht gespitzten Lippen. Zu seinem Tweet schrieb der Account "Influencerreality": " 'Asiaten sehen alle gleich aus!' Deutsche Influencerinnen:"

Das sollte zeigen: Gleiches Aussehen unterstellen viele Deutsche nur Asiat*innen, obwohl deutsche Influencer*innen teilweise zum Verwechseln ähnlich aussehen.

Hier ist der Tweet:

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Tweet traf den falschen Nerv

Damit schien der Account einen Nerv zu treffen – aber leider den falschen. Denn während sich die meisten Kommentare den klassischen "Influencer sind ein Armutszeugnis für die Gesellschaft"-Content lieferten, ist der viel spannendere Teil des Tweets doch der Anfangssatz: Nämlich das Vorurteil, dass Asiat*innen alle gleich aussehen. Und das Aufzeigen des Problems: Europäer*innen wird das – auch wenn es dazu einen echten Anlass gibt (exakt gleiches Styling) – nicht vorgeworfen.

Warum ist das so? Zum einen gibt es einen wissenschaftlich belegten Grund dafür, warum es für Europäer*innen oft schwieriger ist, Menschen aus asiatischen Ländern, die sie nicht kennen, an äußeren Merkmalen zu unterscheiden. Das gleiche passiert übrigens auch andersherum. Doch bevor wir zur wissenschaftlichen Erklärung kommen, sollte eines klargestellt sein: Sie ist nicht der alleinige Grund dafür, dass bei Europäer*innen und Asiat*innen hinsichtlich ihres vermeintlich ähnlichen Aussehens mit zweierlei Maß gemessen wird. Doch dazu später mehr.

>> Hautaufhellungscremes sind extrem gefährlich und zutiefst rassistisch – warum sind sie trotzdem so beliebt?

Warum fällt es Europäer*innen schwer, Asiat*innen zu unterscheiden – und andersherum?

Der Mensch kann andere leichter unterscheiden, wenn diese die gleiche Hautfarbe und ethnische Herkunft haben, wie er selbst: Dieses Phänomen nennt sich Cross-Race-Effect. Bewiesen und untersucht wurde dieser Effekt unter anderem in einer Studie eines Teams von Psycholog*innen der Uni Stanford von 2019, die im Fachmagazin PNAS veröffentlicht wurde.

Für ihre Studie testete das Team 20 weiße Personen, die Fotos von Schwarzen und weißen Personen gezeigt bekamen. Dabei wurde ihre Gehirnaktivität per Magnetresonanztomografie dokumentiert.

Das Ergebnis: Fast alle Teilnehmer*innen wiesen eine höhere Gehirnaktivität in den Bereichen für die Gesichtserkennung auf, wenn sie Fotos von weißen Personen sahen. Die Forscher*innen dieser Studie, so wie auch andere Forscher*innen, die ähnliche Untersuchungen durchführten, halten es für erwiesen, dass Menschen Personen aus einer anderen ethnischen Gruppe auf einer sehr frühen Ebene der Wahrnehmung weniger individuell wahrnehmen und somit schlechter unterscheiden können.

Kontakt mit Vertreter*innen anderer Gruppen ausschlaggebend

Bei europäischen Proband*innen scheint die Schwierigkeit, Menschen mit anderer ethnischer Herkunft zu unterscheiden jedoch etwas stärker ausgeprägt zu sein. Das ist laut einem deutschen Psychologen darauf zurückzuführen, dass Asiat*innen etwa über Filme häufiger "Kontakt" zu europäischen Gesichtern haben als umgekehrt.

Dies zeige: Die Erfahrung bzw. der persönliche Umgang mit Vertreter*innen der anderen Gruppe ist ein sehr wichtiger Faktor in Bezug auf den Cross-Race-Effect. Menschen, die viel und nicht nur oberflächlichen Kontakt zur anderen Gruppe haben, fänden nicht, dass etwa Personen aus Asien gleich aussähen, so der Psychologe Jürgen Kaufmann gegenüber der "Neuen Zürcher Zeitung".

Gegen den Cross-Race-Effect handeln

Dass du manchmal Schwierigkeiten hast, etwa dir unbekannte Asiat*innen zu unterscheiden, ist also nicht gleich ein Zeichen für Rassismus. Der Cross-Race-Effect existiert schließlich auch in die andere Richtung, wie Videos wie dieses zeigen:

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Was aber sehr wohl rassistisch ist, ist die Schlussfolgerung: "Dann müssen die eben damit leben, dass ich sie nicht unterscheiden kann". Denn wie die Studien gezeigt haben, liegt es sehr wohl in deiner Macht, etwas dagegen zu tun. Wer sich bewusst macht, dass es den Cross-Race Effect gibt, kann die eigene Fähigkeit, Menschen einer anderen Ethnie zu unterscheiden, verbessern. Wenn dir das bisher extrem schwerfällt, könnte das darauf hindeuten, dass es nicht nur deinem persönlichen Umfeld, sondern auch dem Cast der Filme, die du guckst, extrem an Diversität mangelt. Daran kannst du leicht etwas ändern.

"Gleiches Aussehen" als rassistische Herabwürdigung

Wenn dir denn etwas daran liegt. Und jetzt kommen wir zum ursprünglichen Problem. Das Vorurteil, dass etwa Asiat*innen gleich aussehen, ist in einigen Teilen unserer Gesellschaft ein seltsamer Grundkonsens, der oftmals mit rassistischen Stereotypen einhergeht. Denn häufig wird "gleiches Aussehen" Asiat*innen von Menschen attestiert, die dies nicht wertfrei meinen und ihre eigene Fähigkeit, Asiat*innen gut zu unterscheiden gar nicht trainieren WOLLEN.

Warum nicht? Weil man hinter dem augenscheinlich harmlosen Argument des gleichen Aussehens eine Weltanschauung verstecken kann, die sagt: "Asiat*innen sind eine homogene Gruppe, die weniger individuell und deshalb weniger wertig ist, als die der unterscheidbaren Europäer*innen." Dieses rassistische Stereotyp des homogenen asiatischen Kontinents ist in der westlichen Gesellschaft weit verbreitet, zum Beispiel auch in Bezug auf Essen.

>> Ist es rassistisch, von "asiatischem Essen" zu sprechen?

Influencer-Post führt uns Ambivalenz vor Augen

Doch kommen wir zu Ursprungsfrage zurück: Warum werfen viele Asiat*innen ihr gleiches Aussehen vor, Europäer*innen, wie den exakt gleich gestylten Influencerinnen aber nicht? Die Antwort: Weil "gleiches Aussehen" am liebsten denen attestiert wird, von denen sich der/ die Redner*in aus rassistischen Gründen distanzieren will – das vermeintlich gleiche Aussehen soll also eine konstruierte Hierarchie ausdrücken. Blonde, deutsche Influencerinnen werden von solchen Menschen aber als "dazugehörig" eingestuft – gleiches Aussehen wird ihnen nicht vorgeworfen.

Der Post mit den exakt gleich gestylten Influencerinnen führt uns vor Augen, wie scheinheilig viele Menschen in Deutschland mit zweierlei Maß messen, wenn es um Asiat*innen und Europäer*innen geht.

>> Wie sich Rassismus wirklich anfühlt

Quelle: Noizz.de