Ein schonungsloser Blick hinter die Kulissen.

"Haben sie Champagner da? Nicht? Dann bitte zwei Gläser von Ihrem besten Sekt."

Januar 2016. Ich bin 23 Jahre alt und sitze einem rauchenden Menschen gegenüber, der mir gerade den besten Schaumwein meines Lebens spendiert. Zwischen uns liegen ein paar Papiere, unter die wir soeben feierlich unsere Unterschriften gesetzt haben. Ich ein wenig skeptisch. Er nicht.

Mein letztes Jahr (2015) war ein Rausch aus Arbeit und Erfolg. Über ein Internet-Battle-Rap-Turnier (VBT) habe ich innerhalb weniger Monate 17 Songs plus Musikvideos produziert, hunderttausende Klicks auf YouTube bekommen, wurde plötzlich auf der Straße nach Selfies und Autogrammen gefragt. Ich habe nie danach verlangt, aber es war ein Traum: die ganze Zeit Musik machen, deutschlandweit vernetzt arbeiten, immer besser werden und täglich hören, wie cool das Leute finden.

Jetzt das hier: Mein goldenes Los in eine professionelle Musikkarriere, ein Labeldeal. "Label" heißt in diesem Fall: ein reicher Typ mit Kontakten in die Rapszene nimmt mich unter Vertrag. That's it: Er, sein Geld und ich. Nichtsahnend sippe ich diesen köstlichen Sekt auf Kosten meines neuen Chefs, rauche seine Zigaretten und gehe noch mal alles mit ihm durch.

"Ich habe kein Geld für einen Anwalt, um den Vertrag richtig checken zu lassen. Ich habe auch keine Kontakte zur Musikindustrie. Ich will aber unbedingt Musiker werden. Mir bleibt also keine andere Wahl, als dir blind zu vertrauen. Kann ich dir vertrauen?" Das sage ich frei heraus und versuche, in seinen Augen zu lesen, worauf ich mich da einlasse.

"Du kannst mir voll und ganz vertrauen"

"Klar, du kannst mir voll und ganz vertrauen. Ich liebe Rap und finde es einfach toll, wenn talentierte Newcomer durchstarten. Wenn ich da meinen Teil zu beitragen kann und vielleicht sogar noch ein bisschen was dabei verdiene, dann: liebend gerne!"

Herbst 2018. Knapp drei Jahre später ist der schlimmste Labeldeal vorbei, den ich mir hätte vorstellen können: Tausende Euros Verlust, keine Auftritte, kein Marketing, verschluderte Merch-Produktionen, kein Streaming-Geld, keine mediale Präsenz, unzählbar viele gescheiterte Versuche von mir, meinen Labelboss irgendwie davon abzuhalten, mir durch sein Nichtstun die Karriere zu zerstören. Das war kein Deal, das war ein Grabstein.

Das ist meine Geschichte: Vom Rap-Newcomer mit riesigem Internet-Hype zum katastrophalen Label-Deal, der mir keine Steine, sondern gleich einen ganzen Berg in den Weg gelegt hat.

"Das ist Standard, andere Verträge werden überhaupt nicht abgeschlossen."

Was ich da unterschrieben habe, ist ein sogenannter 360-Grad-Vertrag. 360 Grad bedeutet: Ich (Künstler) gebe ihm (Labelchef) für Vertragszeit (drei Jahre) sämtliche Exklusiv-Rechte an meiner Kunst. Und das meine ich, wenn ich "sämtlich" kursiv schreibe:

Alle Musik, die während der Vertragszeit entsteht, gehört ihm auf Lebenszeit, und er kann damit machen, was er will. Nur er darf meine Musik verkaufen, vermarkten und zum Streaming anbieten. Nur er darf meine Musik veröffentlichen. Exklusiv-Rechte für Merchandising: Er darf unter meinem Künstlernamen alle Produkte herstellen und verkaufen, die er will. Liveauftritte müssen über ihn abgewickelt werden. Er könnte mir bei einem Auftritt sagen "Nein, den machst du nicht" und mich beim nächsten dazu zwingen, aufzutreten, auch, wenn ich nicht will. Er könnte mich tatsächlich bei jeder x-beliebigen Gelegenheit zwingen, als "Frank Hemd" aufzutreten: bei KiKa, bei der AfD, beim Musikantenstadel. Er darf mit meinen Social-Media-Kanälen machen, was er will (Instagram, Twitter Facebook). Er darf nach Belieben und ohne meine Zustimmung Remixe meiner Songs produzieren lassen. All das über eine Vertragsdauer von drei Jahren.

Das verdiente Geld wird dann geteilt, in der Regel 50/50. So in etwa kann man sich das vorstellen und so funktionieren Label-Deals auch im Allgemeinen. Zurück zum Sekt. Er sagt mir, was ich hören will: "Es geht im Endeffekt nur darum, dass du dich auf deine Kunst konzentrieren kannst und ich dir alles andere abnehme." Damit hat er mich.

Frank Hemd im VBT 2015 Foto: Amelie Frahm

Willkommen in der Label-Hölle

Ich kaufe die Katze im Sack, öffne den Sack und finde einen Albtraum darin: Dieser Typ besitzt auf einmal Exklusiv-Rechte an allem, was mir heilig ist und macht damit – nichts. Das Schlimmste ist, es sind Exklusiv-Rechte. Heißt: Allein er ist befugt, damit zu arbeiten. Ich nicht mehr. Auch kein anderes Label oder irgendwer sonst. Er hat die komplette Macht und Verantwortung über mich, und jeder Mini-Schritt meiner Karriere muss über ihn laufen. Ich darf keinen Song rausbringen – nur er darf das. Ich darf keine CDs pressen – nur er darf das. Ich darf keine T-Shirts von mir verkaufen – nur er darf das.

Hier sind ein paar Katastrophen-Highlights meiner gut 30 Monate Labeldeal für euch. Lehnt euch zurück und genießt, dass ihr das einfach lesen könnt, ohne dass es euch selbst passiert ist. Viel Spaß mit meiner Label-Hölle!

Aktuelles Frank Hemd Merch Foto: Max Strecker

Das Merch-Gate

Wenige Wochen, nachdem ich unterschrieben habe, hatten wir zwei Shirt-Motive fertig für die Produktion. Zu der Zeit wurde ich über Monate täglich von Fans bombardiert, wann es endlich Merch zu kaufen gäbe. Als die Teile über ein Jahr später immer noch nicht produziert und online waren, haben wir neue Motive gemacht. Die waren dann tatsächlich ganze zwei oder drei Monate online, bis der Shirt-Vertrieb, den mein Chef an Land gezogen hat, wort- und spurlos über Nacht verschwunden ist. Etliche Fans haben mich angeschrieben, dass sie bezahlt hätten, aber das Shirt nie angekommen sei.

Scheiße fürs Image, scheiße fürs Portemonnaie. Wir haben nicht einmal die Produktionskosten wieder gutmachen können, und so habe ich in über zweieinhalb Jahren Vertragszeit keinen Cent der Shirtverkäufe gesehen. Merch-Game einfach nur von vorne bis hinten verkackt und an die Wand gefahren.

Frank Hemds Teeschale Foto: Frank Hemd

Das Deluxe-Boxen-Gate

Dann wollte ich eine Teeschale für meine Deluxe-Box designen. Dafür brauchten wir eine Teeschale und einen Shop, mit dem wir zusammenarbeiten können.

"Du musst dich einfach damit abfinden, dass deine Wünsche zu exzentrisch sind. Ich habe jetzt gesucht, und in Deutschland gibt es so eine Schale einfach nicht, wie du sie dir vorstellst."

20 Minuten später hatte ich in eigener Recherche eine gefunden. Ich habe wochenlang am Design gearbeitet, wir haben die Dinger produziert und die Deluxe-Boxen restlos ausverkauft.

Deluxe-Box von Frank Hemd 2016 Foto: Max Strecker

Signiertes Poster, CD, Booklet mit Tagebucheinträgen der gesamten Album-Produktion und die Teeschale: Das war meine Box.

Natürlich wäre es Labelsache gewesen, sich um die Produktion und den Vertrieb der Boxen zu kümmern. Lol. Wisst ihr, wie das abgelaufen ist? Ich musste mehrere Tage am Stück mit Hilfe von Freunden 250 Boxen packen, polstern, frankieren und verschicken. Mein Label bekam 40 Prozent der Einnahmen, weil es, vertraglich vereinbart, dafür den Vertrieb übernehmen muss – und hat den Vertrieb einfach nicht übernommen. So sah meine Wohnung aus:

Meine Wohnung, als ich die Deluxe-Boxen gepackt habe Foto: Frank Hemd

Das Vertriebs-Gate

Noch ein Knaller. Teil des Labeldeals war ein Vertriebsdeal. Heißt: Mein Labelchef organisiert ein Unternehmen, das sich um die CD-Produktion kümmert und dafür sorgt, dass Saturn, Media Markt, Amazon und alle Streaming-Anbieter mit meiner Musik versorgt sind. Deals und Absprachen mit dem Vertrieb liefen dabei nie über mich, sondern immer über mein Label. Ich weiß bis heute nicht, wer da genau was verkackt hat, aber mein Labelchef hat mir das damals so geschildert:

Als mein Album fertig war, hat unser Vertrieb mehr CDs an die Händler geschickt (Saturn, Media Markt ...), als abgesprochen. Die Händler haben also nur einen Bruchteil der CDs verkauft, die sie von meinem Vertrieb bekommen haben und die übrig gebliebenen CDs im Anschluss wieder an meinen Vertrieb geschickt. Jetzt der Clou: Die Retourkosten musste ich bezahlen. Mein Album war auf einmal so sehr im Minus, dass ich vom Vertrieb nie wieder einen Cent der Einnahmen gesehen habe, die ich eigentlich mit CD-Verkäufen und Streaming gemacht habe.

Von meinem Vertrieb habe ich dazu nie ein Wort gehört. Vielleicht alles erfunden? Vielleicht ein Fehler meines Labels? Keine Ahnung. Auf jeden Fall ein unfassbarer wirtschaftlicher Schaden, der komplett außerhalb meiner Reichweite entstanden ist und zu 100 Prozent von mir getragen wurde.

Videodreh zu "Legend in Progress" 2017 Foto: Viktor Hrkac

"Ich schreibe E-Mails und so"

Irgendwann im Laufe des Jahres 2016 hatte ich dann eine Mail vom ehemaligen SXTN-Management in meinem Postfach: "Hey, wir finden deine Musikvideos richtig cool und würden gerne mit dir zusammenarbeiten. Wie ist denn der Stand der Dinge bei deinem kommenden Album?"

Tja. Sorry Guys, der Zug ist abgefahren. Lass doch in drei Jahren noch mal quatschen, oder?

Die Spitze der Dreistigkeit: Ich bin so unfassbar oft zu meinem Labelchef hingefahren, um vor Ort zu besprechen, dass es so nicht klar geht und was mir fehlt. Wisst ihr, was der mir ernsthaft gesagt hat? "Ja, ich mache ja auch extrem viel hinter den Kulissen, was du gar nicht unbedingt mitbekommst. E-Mails schreiben und so."

"Fruity Gang" ist der letzte Song, den ich über mein Label herausgebracht habe. Danach, im Spätsommer 2018, konnte ich mich einvernehmlich vorzeitig von dem Vertrag entbinden. Über 30 Monate 360-Grad-Exklusivrechte hinter mir. Ready?

Das ist die Bilanz meines Deals:

Der Typ hat keinen einzigen Auftritt organisiert. Er hat keine einzige Promo-Aktion oder -Kampagne gestartet. "Ich kann dich in jedes Hip-Hop-Magazin bringen" wurde zu: Die einzigen Magazine, die über mich berichtet haben, habe ich selbst an Land gezogen. Er hat insgesamt zwei Beat-Produzenten besorgt, von denen einer ein unbegabtes Arschloch war und der andere so teuer, dass mein Label mir nachher Vorwürfe für seine Preise gemacht hat.

Ich habe kein einziges mal Streaming-Geld bekommen. Bei meinen monatlichen 6.000 bis 8.000 Hörern auf Spotify, sind das auf ganzer Vertragslänge mehrere Tausend Euro. Wir hatten ganze zwei bis drei Monate Merch online. Etliche Fans haben bezahlt und nichts bekommen. Ich will gar nicht wissen, wie viele Tausende Euros da verloren gegangen sind, wenn man überlegt, dass wir das Merch auch zum Zeitpunkt des Hypes hätten bringen können und es danach einfach kontinuierlich online geblieben wär.

Ich musste alle Deluxeboxen (250) selber packen, frankieren und verschicken. Nach Vertrag eigentlich Arbeit des Labels. Ich hätte alle drei Monate eine schriftliche Abrechnung inklusive Überblick bekommen müssen. Das stand mir vertraglich zu. Eine einzige habe ich wirklich erhalten. Mir fällt keine Zahl ein, mit der man festhalten könnte, wie oft ich danach gefragt und verlangt habe. Bis heute weiß ich nicht, wie die Finanzen wirklich ausgesehen haben. Wir haben (schätzungsweise; ich habe ja nie eine Rechnung erhalten) mehrere Tausend Euro Minus gemacht, weil der Vertrieb zu viele CDs an die Stores geschickt hat (siehe "Vertriebs-Gate").

Muss ich noch extra erklären, mit was für einem Stresspegel ich durch meinen Alltag gegangen bin – ich, der unbedingt Musiker werden wollte und dafür alles gegeben hat, in "Zusammenarbeit" mit diesem Typen? Oder wollen wir uns lieber kurz bekreuzigen und an was anderes denken? Bin für Letzteres.

Ich bin mir sicher, wenn ich Geld in einen Anwalt stecken würde, könnte ich ihn verklagen und würde gewinnen. Aber ich will meine Zeit nicht mit Anzeigen und Gerichtsprozessen verbringen. Außerdem bin ich bis heute nicht sicher, ob mein alter Labelchef ein kalkulierender Business-Hai ist oder einfach nur der faulste und unzuverlässigste Mensch der Welt. Falls das alles wirklich ohne Kalkül abgelaufen ist, würde ich sowieso keinen Prozess wollen.

Ich glaube auch, dass er sich verletzt und vor den Kopf gestoßen fühlen wird, wenn er diesen Text hier liest (und er wird ihn bestimmt finden). Weil er nicht versteht, dass er mir durch sein Nichtstun ein riesiges Sprungbrett verbaut hat. Dass er mich durch sämtliche Exklusivrechte an sich gekettet, und durch sein Nichtstun in eine Sackgasse gefahren hat. Dass er mir jeden Prozess und Arbeitsschritt doppelt und dreifach anstrengend gemacht hat. Dass er mir mein liebstes Hobby zur Qual gemacht hat.

Ich bereue trotzdem nichts und finde, ich habe damals die richtige Entscheidung getroffen, als wir bei Sekt und Zigaretten zusammen in dieser Kneipe saßen. Der Deal war eine Farce, aber ich weiß heute, dass ich gegen alle Widerstände der Welt mein Ding machen kann. Lehrgeld wurde geblecht, und so eine Chose passiert mir niemals wieder.

Heute bin ich frei. Ohne an diesen katastrophalen Typen gebunden zu sein, habe ich die schönste Musik meines Lebens gemacht. Der Hype ist vorbei, die Klickzahlen kleiner. Erfolg ist mir aber auch nicht mehr besonders wichtig: Will ich meine Zeit mit Musik verbringen oder nicht? Solange ich diese Frage mit Ja beantworten kann, mache ich weiter. Der Rest ist egal.

Mein neues Album "One Dollar Smile" ist jetzt draußen. Massala (mein Produzent) und ich haben progressiven Trap gemacht und ein Soundbild und einen Vibe kreiert, den es so nicht gab. Die letzten eineinhalb Jahre daran zu arbeiten, war ein Traum – ähnlich wie die Zeit im VBT.

>> Eine NOIZZ-Rezension zu "One Dollar Smile" findet ihr hier

[Disclaimer: Till Böttcher alias Frank Hemd arbeitet als freier Redakteur für NOIZZ.]

Quelle: Noizz.de