Trotz bundesweiter Kritik hält Horst Seehofer daran fest, keine Studie zu Racial Profiling innerhalb der deutschen Polizei durchführen zu wollen. Laut dem Innenminister sei Racial Profiling verboten – demzufolge gäbe es die rassistische Praxis auch nicht. Wie häufig Menschen in Deutschland aufgrund ihres physischen Erscheinungsbilds von der Polizei kontrolliert werden, weiß Rapper Kex Kuhl wie viele andere zu genau. Der Türke ist in Bayern aufgewachsen.

Ich wusste an Tag eins in Bayern, dass ich dort nicht bleiben wollte. Genauer: An meinem ersten Schultag, an dem mir ein Florian in den Nacken klatschte und sagte: "Willkommen in Bayern, Kanake!" Von dem Tag an hat sich die Beziehung zwischen mir, einem in Deutschland geborenen Türken, und diesem Bundesland, das so viele Deutsche lieben, nicht wirklich verbessert. Bayern hat seine sehr eigene Kultur, die dort mit absoluter Vehemenz bewahrt wird. Deshalb war dort für mich als Türke kein Platz.

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Auf meine Begegnung mit Florian folgten etliche rassistische Erfahrungen. Mit sechs Jahren hatte ich ein Messer an der Kehle – weil ich Türke bin. Seitdem haben meine Eltern mich natürlich auf alles vorbereitet, was es gibt. Vor dem Scheiß-Gefühl, wie Dreck behandelt zu werden, nur weil du nicht deutsch aussiehst, konnte mich das allerdings nicht bewahren.

"Sie jetzt mitkommen!"

Ich kann mich noch erinnern, dass ich mit ungefähr 10 Jahren zusammen mit meiner Mutter in einem Drogeriemarkt war. Meine Mum stand an der Kasse, bezahlte den Einkauf, wir gingen raus – dann piepte plötzlich der Alarm an der Tür. Die Kassiererin stürmte auf uns zu und fing sofort an, in diesem lauten gebrochenen Deutsch, das ich heute nur zu gut kenne, mit meiner Mutter zu sprechen: "Sie jetzt mitkommen!" Meine Mutter, die im Übrigen perfektes Deutsch spricht und Preise für Integration abgeräumt hat, antwortete höflich aber bestimmt: "Entschuldigen Sie, das hat schon den ganzen Tag gepiept." Geglaubt wurde ihr nicht. Für mich als kleinen Jungen war die Situation superaufwühlend. Wir wurden in einem Raum gezerrt – die Polizei wurde gerufen, ohne dass meine Mutter überhaupt die Chance hatte, ihre Tasche zu zeigen. Rückblickend mit meinem heutigen Erfahrungsschatz bin ich mir sicher, dass die Situation anders ausgegangen wäre, hätte meine Mutter kein Kopftuch getragen. Wir haben übrigens den Laden verklagt.

Rapper Kex Kuhl

Das erste Mal wirklich realisiert, dass es so etwas wie Racial Profiling gibt, habe ich als Teenager. Damals wusste ich natürlich noch nicht, dass das Handeln der Polizei aufgrund von Stereotypen und äußeren Merkmalen so genannt wird. Ich war damals in Bayern in meinem Freundeskreis der einzige Türke. Wir fingen da gerade an, uns draußen zu treffen und zu trinken. Meistens wurde ich dann rausgezogen. Meistens wurde mein Ausweis geprüft. Meistens wurde ich mitgenommen. Also ganz klar: Racial Profiling. Was soll ich sagen, das hat sich scheiße angefühlt. Am Anfang lacht man es noch ein bisschen weg, man ist jung und denkt sich: "Ja, die Polizei halt." Und später realisiert man eigentlich, was da passiert.

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Ich könnte ein Buch mit Storys zu eindeutigem Racial Profiling schreiben. Das stand damals an der Tagesordnung. Angefangen damit, dass ich so ziemlich jedes Mal von der Polizei angehalten wurde, wenn mein Fuß das Gaspedal berührt hat. Bis hin zu "Personenkontrollen" an Bushaltestellen, an der ich nach meinem Ausweis gefragt wurde – und die restlichen deutschen Mitwartenden in Ruhe gelassen wurden.

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"Ausweise bitte", "Personenkontrolle"

Einmal war ich morgens mit meinem Bruder unterwegs zum Festtagsgebet in die Moschee, beide gut angezogen. Wir standen da, leicht müde, ganz entspannt, plötzlich: "Ausweise bitte." Ich fragte, warum. Der Polizist: "Personenkontrolle." Ich ließ mir das natürlich nicht einfach gefallen und fragte weiter: "Warum denn?" Mein Bruder verhielt sich anfangs noch sehr still, aber als ich dann meinen Ausweis dem Polizisten entgegenstreckte, wurde er laut – und reagierte auf die Ungerechtigkeit mit: "Ey was wollt ihr jetzt von uns?!" Eins kam zu anderen. Der Polizist packte meinen Bruder an, ich packte den Polizisten an. Und ja, was soll ich sagen, zum Morgengebet ist es auf jeden Fall nicht mehr gekommen. Es ging ab auf die Polizeistation.

Ich hab die Polizei jedes einzelne Mal konfrontiert. Entweder reagierten sie beleidigend oder legten mir Handschellen an und ließen mich dann fallen, während meine Hände auf den Rücken gebunden waren. Ja, das ist wirklich passiert. Oder sie reagieren abwehrend und versuchen ihr Verhalten zu verteidigen: "Nee nee, das stimmt nicht. Das ist Zufall", heißt es dann.

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"Wo ist denn die Tasche von dem Türken?"

Auf meiner "Stokkholm"-Tour 2018 ging es mit dem ersten Stopp nach München. Wir waren keine zwei Minuten in Bayern, schon hat der Zoll uns rausgezogen. Ehrlich gesagt: Ich hatte nichts anderes erwartet. Zwei Beamte durchsuchten uns. In meiner Bauchtasche fanden sie dann CBD. Ich kann mich noch genau an das triumphierende "So, jetzt hammas!" des einen Polizisten erinnern. Mein Kumpel und ich nahmen das erstmal Augen rollend hin. Mittlerweile standen da sechs Polizisten um uns. Wir mussten alle Taschen aus dem Wagen holen. Als mein Kollege gerade dabei war, hieß es dann: "Wo ist denn die Tasche von dem Türken?" Absoluter Hammer. Mein Kumpel ist daraufhin ausgerastet, ich wurde auch laut. Beruhigen konnten die Beamten uns dann natürlich direkt, mit der Drohung, dass wir gar nicht mehr weiter fahren dürften. Am Ende war das Ganze ein sehr trauriger Tag für die Polizei. Sie wurden erstens nicht fündig und wussten nicht, was CBD ist. Der eine fragte mich zum Schluss noch, ob es sich dabei um Cannabis-Light handelt. Auf der einen Seite lustig – auf der anderen Seite war mal wieder klar, dass das verdammte Rassisten gewesen sind.

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Was Racial Profiling mit Betroffenen macht? Ich habe mich schlichtweg noch nie akzeptiert gefühlt. Obwohl ich hier geboren bin, hier zur Schule gegangen bin, diese Sprache spreche, besser als meine eigentliche Muttersprache. Ich weiß nicht, was noch getan werden muss, um nicht als Ausländer zu gelten. Muss ich Schwarz-Rot-Gold bluten? Ich versteh’s nicht. Das macht mich so sauer und gleichzeitig traurig. Ganz schwieriges Gefühl. Ich denk, so fühlt es sich für die meisten an.

Neben Racial Profiling hat mich natürlich wie schon erwähnt auch der "ganz normale" Alltagsrassismus in meiner Jugend begleitet. Die Türken-Witze, zu denen man nichts sagen darf, weil "ist ja nur ein Witz, du bist ja der nette Türke, die anderen sind die Scheiß-Türken."

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Das Problem mit Racial Profiling im Vergleich zu anderen rassistischen Handlungen ist, dass Polizisten Macht besitzen. In anderen Situationen kannst du selbst noch etwas drehen: Wenn der Türsteher mich nicht in den Club gelassen hat, weil ich einen türkischen Nachnamen habe, dann habe ich meinen Schülerausweis gefälscht, mir 'ne Brille aufgesetzt, versucht, so Deutsch wie möglich auszusehen, und bin in den Club reingekommen.

Türkischer Nachnahme in Deutschland? Existenzängste vorprogrammiert

Bewerbungsverfahren hingegen sind auch schlimm, weil die Unternehmen auch die Macht besitzen, dich auszugrenzen. Bei meinem Onkel führte das zu so starken Existenzängsten für meinen Cousin, dass er ihn den Nachnamen seiner deutschen Mutter annehmen hat lassen. Mein Onkel wurde einfach selbst so oft wegen seines türkischen Nachnamens abgewiesen. Das wollte er für seinen Sohn nicht.

Was das mit der Psyche von ‘nem kleinen Jungen macht? In meinem Fall hat sich daraus, glaube ich, ein ganz starker Gerechtigkeitssinn ergeben. Ich möchte immer, dass Leute Gerechtigkeit erfahren, auch schlechte Menschen. Und – ganz ehrlich – ich würde niemals, wenn ich nicht unbedingt müsste, die Polizei rufen. Wozu denn? Wozu sollte ich jemanden rufen, der mein Leben lang scheiße zu mir war? Damit er oder sie mir hilft? Das ergibt keinen Sinn. Und das ist nicht die Schuld von ein zwei Polizisten, das ist das gesamte System und die bekanntlich rassistischen Strukturen, die es innerhalb dieser Institution gibt.

"Racial Profiling"-Studie innerhalb der deutschen Polizei: abgesagt

Die abgesagte "Racial Profiling"-Studie innerhalb der deutschen Polizei ist der größte Witz auf dieser Welt. Innenminister Seehofer sagt, Racial Profiling ist verboten, deshalb gibt es das nicht und deshalb braucht es auch keine Studie zu dem Thema. Ein Beispiel für alle, die nicht sofort merken, was für ein Schwachsinn das ist: Cannabis ist verboten. Dann brauchen wir auch keine Streife, die guckt, ob ich Weed in meinen Taschen habe – oder? Wie sieht’s mit Steuerhinterziehung aus? Verboten. Warum gibt es dann die Steuerprüfung? Schaffen wir das doch einfach alles ab, wenn wir hier schon auf Vertrauensbasis pokern. Das würde ich Seehofer gerne mal sagen, wenn er mir zuhören würde. Eigentlich natürlich ganz andere Sachen. Aber dazu vielleicht mehr auf meinem Twitter-Account.

Protokolliert von Lisa Kempke

Quelle: Noizz.de