Zurück in die Steinzeit.

Wow. Deutsch-Rap mal wieder at its best. Im (fast) alljährlichen "New Fall Festival", einem Düsseldorfer Festival für Popkultur, richtete Rap-Magazin "Hiphop.de" eine Gesprächsrunde aus, die sich mit der Frage "Welche Werte hat Hiphop?" beschäftigte. Moderiert wurde von "Hiphop.de"-Chefredakteur Toxik und Journalistin Meike Glass. Es diskutierten: Wissenschaftlerin Sina Nitzsche, "Hiphop.de"-Chefredakteur Aria Nejati sowie Ruhrpott-Rapper Manuellsen und der Berliner Rapper Prinz Pi.

Letzterer schloss seine Gesprächsteilnahme mit einem wohl gut gemeinten, aber leider schrecklich falschen, ignoranten und bestenfalls uninformierten Statement ab:

"[...] Ich persönlich, ich habe das nie irgendwie erlebt, dass in dieser Hip-Hop-Szene irgendwie jemand diskriminiert wurde wegen seinem Geschlecht oder wegen seiner Herkunft."

Hallo, Deutschrap, könnt ihr das bitte kommentieren? Mit aller Schärfe?

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Der komplette Wortbeitrag des mittlerweile 40-jährigen Familienvaters aus gutem Elternhaus, der sich früher als Prinz Porno verdingte und heute auf Instagram Bücher seiner beeindruckenden Privat-Bibliothek empfiehlt:

"Ich sehe diese Hip-Hop-Kultur auf einem sehr, sehr guten Weg. Leute aus allen Backgrounds und Communities fühlen sich komplett frei, hier Musik machen können, und ich finde, es kommt wahnsinnig gute Musik raus. Und ich persönlich, ich habe das nie irgendwie erlebt, dass in dieser Hip-Hop-Szene irgendwie jemand diskriminiert wurde wegen seinem Geschlecht oder wegen seiner Herkunft."

Lieber Prinz, in welcher Welt lebst du eigentlich? Bisschen viel in deinen stattlichen vier Wänden gehaust, was? Bisschen viel Bücher mit schönen Illustrationen geschmökert, was? Aber kein Problem, I got your back. Hier, exklusiv für dich, eine kleine Übersicht an Sexismus, Rassismus, Antisemitismus und Homophobie der letzten Jahre Deutsch-Rap.

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Da war zum Beispiel Moderatorin und Journalistin Helen Fares, die im Sommer 2017 ihre Zusammenarbeit mit "Hiphop.de" kündigte und sich mit einem Facebook-Post aus der Rap-Szene zurückzog, weil sie nicht mehr bereit war, mit dem alltäglichen Sexismus zu leben, dem sie sich als Frau im Deutschrap ausgesetzt sah.

Kommt dir die Geschichte vielleicht doch bekannt vor? Zum Beispiel von Moderatorin Visa Vie, die sich 2015 von "16bars" trennte, weil sie keinen Bock mehr auf den Sexismus hatte? Kannst du zum Beispiel auf "rap.de" nachlesen. Da wird gleich auch auf einen "JUICE"-Artikel der Moderatorin Salwa Houmsi hingewiesen, die berichtet, mit welchen YouTube-Kommentaren man sich als weibliche Moderatorin im Deutschrap herumschlagen muss – "der würde ich gerne brav ihr Arschloch lecken" und so was.

Aber das sind "nur" Einzelfälle. SXTN (Juju und Nura), Shirin David oder Jule Wasabi können die gleichen Geschichten erzählen. Ich persönlich habe noch von keiner Frau im Deutschrap gehört, die nicht regelmäßig mit Sexismus konfrontiert ist.

Journalist und "Podcast Machiavelli"-Betreiber Jan Kawelke äußerte sich auf Twitter zu Prinz Pis Aussage: "Kann mich nur wiederholen: Falls ihr euch fragt, was "check your privilege" ist, das ist es nicht."

Mal weg vom Sexismus, lieber Prinz. Das war natürlich nicht alles. Da war zum Beispiel "Rap am Mittwoch"-Gründer und Moderator Ben Salomo, der sich 2018 ebenfalls aus der Szene zurückzog und "Rap am Mittwoch" dicht machte – wegen Antisemitismus. Nachzulesen im Interview mit "Watson", du liest doch so gerne. Jetzt fragst du dich – Deutschrap und Antisemitismus? Aber ja, da war ja noch was. Der Echo 2018, dieser endlos überflüssige Preis für die, die am meisten verkaufen. Da haben Farid Bang und Kollegah der Boss gewonnen – trotz ihrer mindestens geschmacklosen Line "mein Körper ist definierter als Auschwitz-Insassen".

"Zur Erinnerung: Es wird seit Jahren immer wieder von Rappern das N-Wort gedroppt, es gibt Antiziganismus, Antisemitismus in Rap-Texten. Wer einmal mit Frauen spricht, die in der Szene arbeiten, bei Medien, Labels und so weiter, wird unzählige Geschichten über Sexismus hören", schreibt der freier Autor Johann Voigt auf Twitter als Reaktion auf Prinz Pi.

Kollegah, den kennst du doch noch? Ihr wart mal zusammen auf Tour, "Donnerwettertour", 2007. Und ihr habt diesen Song zusammen gemacht, "Dschungelabenteuer", 2015. Ein übertrieben langer Storyteller, der mich persönlich an "Armageddon" von Kollegah erinnert, ein Song, der für sein antisemitisch anmutendes Musikvideo stark kritisiert wurde und deshalb mittlerweile nicht mehr auf YouTube existiert.

Weiter geht's? Wie wär's mit Fler, der erst auf einem seiner neuesten Würfe "Shirinbae" eine homophobe Line rappt? Ein Einzelfall? Schon mal "no homo" gehört? "No homo" – das ist nichts anderes als lupenreiner Schwulenhass und steht in Deutschrapsongs immer noch an der Tagesordnung.

Und – ach ja, fast vergessen: Wie wär's, wenn wir uns mal zwei Wochen freinehmen und zählen, wie oft weiße, deutsche Rapper in den letzten 20 Jahren die N-Bombe haben platzen lassen? Das rassistischste Wort der Welt? Übrigens! Zwei Plätze zu deiner linken saß Manuellsen, ein Schwarzer Rapper, der Anfang des Jahres bei "Germania" preis gab, unter welchen rassistischen Umständen er in Deutschland aufgewachsen ist. Sicher, Deutschland ist nicht gleich Deutschrap. Aber hättest du die Folge gesehen, wüsstest du, warum man als weißer Mensch nicht N**** sagen darf. Da hättest du eins und eins zusammen zählen können und – schwups – gewusst, wie rassistisch Deutschrap ist.

"Eure ganzen Schlampen fressen aus der Hand. Geh und kauf ihr tausend Rosen, doch sie schmeckt nach meinem Schwanz" (Bonez MC auf "Millionär")

Und was machen wir mit Deutschlands berühmtesten Straßenrappern, die man namentlich besser nicht erwähnt, weil sonst ad hoc die nächste Abmahnung reinfliegt? Lies doch einfach selbst, ich hab keine Lust mehr, deine Hausaufgaben zu machen: "Musikexpress". Was machen wir mit Bausa, der "sogar Lesben umdreht"? Was machen wir mit den neuesten Ergüssen des Avantgardisten Yung Hurn auf seinem Song "Ponny": "Kleine Bitch, ist mein Pony. Sie macht Sport, ja, sie hat gute Kondi". Oder auch: "Sie hat Wichse auf ihrem Gesicht, sie braucht Zewa". Prinz Pi, was ist das alles für dich, he?

Und falls du da mitgehen solltest, und meine Beispiele auch als Sexismus, Antisemitismus, Homophobie und Rassismus siehst – wo warst du die letzten 20 Jahre?

Tja. Hab gerade echt kurz überlegt, ob ich jetzt noch deine eigenen Texte durchgrinden soll, um da eventuell was Diskriminierendes zu finden. Aber ich bin hier erst mal fertig. Wegen Männern wie dir ist Deutschrap so eklig, wie er ist. Wegen Männern wie dir schäme ich mich manchmal, Mann zu sein. Hättest du nicht so eine Scheiße von dir gegeben, hätte ich die letzten Stunden mit einem coolen Thema verbringen können. Danke für gar nichts.

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Quelle: Noizz.de