Na, steckst du auch schon mittendrin, in der spannenden Seifenoper, die sich gerade bei den US-Demokraten abspielt? Nein? wie kann das sein? Quatsch, ich verstehe schon, wer keinen Fetisch für die amerikanische Kultur und Politiklandschaft hat, so wie ich, kriegt wohl nur am Rande mit, dass sich gerade demokratische Präsidentschaftskandidat*innen bei Debatten die Köpfe einschlagen.

Alle wollen das sogenannte Ticket, also von der Partei ausgewählt werden, um sich im direkten Kampf gegen Donald Trump an der Wahlurne zu behaupten. Während zu Beginn mehr als 20 Kandidaten ihr Glück versuchten, sind mittlerweile nur noch acht Kandidat*innen im Rennen, darunter die beiden augenscheinlichen Favoriten Bernie Sanders und Joe Biden. Abgesehen von der Hawaiianerin Tulsi Gabbard, haben alle nicht-weißen Kandidat*innen wie Andrew Yang, Kamala Harris und Julian Castro ihre Kampagnen leider bereits beendet. Wir haben die fünf Demokrat*innen mit den besten Umfragewerten mal unter die Lupe genommen und sie danach sortiert, wie feministisch ihre politische Agenda und ihr privates Verhalten ist.

#5: Michael Bloomberg, 78, New York

Bloomberg ist der einzige Kandidat, zumindest nach dem Wissen der Öffentlichkeit, der in Verbindung mit seiner Firma in drei Verschwiegenheitserklärungen involviert ist. Darauf wurde er von Elizabeth Warren kürzlich bei einer TV-Debatte angesprochen, worauf er mit Aussagen reagierte wie: "Vielleicht mochten sie den Witz nicht, den ich gemacht habe." Als seine Konkurrentin ihn darauf ansprach, ob er die Frauen, die die NDAs unterzeichnet hatten, nun live im TV davon befreien würde, lehnte er ab. Sie hätten sich dafür entschieden nicht darüber reden zu wollen und das solle akzeptiert werden.

Mittlerweile hat sich Bloomberg auf seiner Webseite dazu geäußert und seine Meinung revidiert: "Ich habe das Unternehmen dazu gebracht, seine Unterlagen noch einmal durchzugehen, und sie haben drei NDAs identifiziert, die wir in den letzten 30 Jahren mit Frauen unterzeichnet haben, um Beschwerden zu Kommentaren von mir zu bearbeiten. Wenn eine von ihnen aus ihrem NDA entlassen werden möchte, damit sie über diese Vorwürfe sprechen kann, soll sie sich an das Unternehmen wenden und eine Freigabe erhalten. Ich habe in den letzten Tagen viel über dieses Problem nachgedacht und beschlossen, dass wir, solange ich das Unternehmen leite, keine Vertraulichkeitsvereinbarungen mehr anbieten, um Ansprüche wegen sexueller Belästigung oder Fehlverhaltens in Zukunft zu klären."

Nichtsdestotrotz vergleichen viele den Milliardär, der um ein vielfaches reicher ist als Trump, mit genau dem. Seine Aussagen über Frauen, Lesben und trans* Menschen, die er in den letzten Jahrzehnten von sich gegeben hat, sprechen für sich. Das machte Warren bei der besagten Debatte ebenfalls zum Thema. "Ich möchte darüber sprechen, gegen wen wir hier antreten", sagte die Senatorin: "Ein Milliardär, der Frauen 'fette Weiber' und 'Lesben mit Pferdegesicht' nennt. Und nein, ich spreche nicht von Donald Trump. Ich spreche von Bürgermeister Bloomberg."

Der Unternehmer setzt sich laut seinem Wahlprogramm für "gerechte und gender-neutrale bezahlte Elternzeit", das Recht auf Abtreibung und den Kampf gegen Gewalt an queeren Menschen, vor allem "trans* Frauen of Color" ein.

Fazit: Michael Bloomberg gibt so viel Geld wie niemand sonst für Wahlwerbung aus, vielleicht gerade weil er einige sexistische und queerphobe Kommentare und Verhaltensweise unter den Teppich kehren muss. Seine Wahlversprechen wirken im Abgleich mit seinem persönlichem Verhalten wie nichts als heiße Luft.

#4: Joe Biden, 77, Delaware

Biden ist mittlerweile bekannt dafür, dass er ein "touchy" Typ ist und gerade Frauen oft an Stellen anfasst, die diese für nicht angebracht halten. Lucy Flores, eine Politikerin aus Nevada, hatte sich in einem Essay dazu geäußert, wie unangemessen sich Biden ihr gegenüber verhalten hat. Er habe während eines politischen Events an ihrem Haar gerochen und ihr einen Kuss auf die Stirn gegeben. Kein Wunder, dass er den Spitznamen "Creepy Uncle Joe" hat – oder? Nachdem sich Flores geäußert hatte, berichteten immer mehr Frauen von ähnlich unangenehmen Erfahrungen. Der 77-Jährige hat mittlerweile übrigens Besserung gelobt. "Soziale Normen verändern sich. Ich verstehe das und ich höre, was diese Frauen zu sagen haben", äußerte er sich bei Twitter.

Bidens politische Agenda ist ebenfalls nicht geradlinig. Jahrelang war der Demokrat gegen Abtreibungen, hat für viele Gesetze gestimmt, die diese verbieten. Als Antwort auf die Entscheidung des Supreme Court, der 1973 Abtreibung mit dem Fall "Roe v Wade" legalisierte, sagte Biden, die Richter seien "zu weit gegangen" und eine Frau sollte nicht das "alleinige Recht haben, zu sagen, was mit ihrem Körper geschehen soll." Außerdem hat er sich in der Vergangenheit mit seiner Stimme gegen finanzielle Unterstützung für Abtreibungen für sozialschwache, schwangere Frauen im Rahmen von Medicaid eingesetzt. 1991 hat er als leitender Senator bei der Anhörung von Anita Hill, die den Supreme-Court-Kandidaten Clarance Thomas anklagte, sie sexuell belästigt zu haben, maßgeblich dazu beigetragen, dass das mutmaßliche Missbrauchsopfer bloßgestellt wurde. Mittlerweile zeigt er Einsicht, mehr dazu hier:

Heute ist Biden laut eigenen Angaben Pro-Choice und hat in letzter Zeit für dementsprechende Gesetze gestimmt, äußert sich allerdings nur sporadisch zu dem Thema. Auf seiner Webseite zeigt er sich auch als Unterstützer von finanziellen Mitteln für Planned Parenthood und spricht sich für die "Verteidigung des Gesundheitsschutzes für alle, unabhängig von Geschlecht, Geschlechtsidentität oder sexueller Orientierung" aus. Mehr zu seinen politischen Einstellungen kannst du hier nachlesen.

Fazit: Biden basiert seinen möglichen Erfolg gegen Trump vor allem darauf, dass er Einigung zwischen Demokraten und Republikaner bringen kann. Der Politiker stammt allerdings maßgeblich aus einer Zeit, in der sexuelle Belästigung an der Tagesordnung war. Obwohl er sich mittlerweile für Frauenrechte einsetzt, ist Biden wohl nicht unbedingt der Präsident, der für die USA zu Zeiten von #MeToo stehen sollte.

#3: Pete Buttigieg, 38, Indiana

Lange haben Kritiker geglaubt, Pete Buttigieg würde mit seiner Kampagne nicht weit kommen. Doch der ehemalige Bürgermeister der Stadt South Band in Indiana hat viele Sympathisanten. Das liegt zum einen daran, dass er ein Politiker der Mitte, wenig radikal und offen homosexuell ist. Doch auch bei Frauen kommt er gut an, denn er hat bereits Ende 2019 einen Plan veröffentlicht, mit dem er für die Gleichberechtigung von Frauen kämpfen will. 26 Seiten beinhaltete seine Agenda zu dem Thema. Viele Versprechen daraus, machen auch andere Demokraten, doch Buttigieg beweist darin auch, dass er bewusst weitergeht als sie.

Er hat sich verpflichtet, sollte er ins Weiße Haus gewählt werden, mindestens 50 Prozent Frauen für die Positionen in seinem Kabinett und in Gerichten zu nominieren. Er will sich dafür einsetzen, dass die Gender-Pay-Gap geschlossen wird und hat konkrete Pläne, wie dies geschafft werden soll. Zum Beispiel sollen Firmen verpflichtet sein, die eigenen Gehälter zu veröffentlichen um Benachteiligungen von Frauen und PoCs offenzulegen. "Durch Transparenz kann die Öffentlichkeit Unternehmen für die faire Behandlung von Frauen zur Rechenschaft ziehen und Frauen entscheiden, wo sie dort arbeiten und welches Gehalt ausgehandelt werden soll", erklärt er in seinem Wahlprogramm. 10 Milliarden möchte er in den Kampf gegen Belästigung am Arbeitsplatz investieren, sowohl als auch kostenfreie Abtreibungen in alle Krankenversicherungen integrieren.

Auch in der Kulturlandschaft möchte der Bürgermeister Frauen in den Fokus rücken und sich dafür starkmachen, dass mehr Statuen von wichtigen Frauen erbaut werden. Der Bau eines Smithsonian Women’s History Museum ist von dem 38-Jährigen ebenfalls geplant. Michael Bloombergs sexistische Kommentare hat er übrigens auch öffentlich verurteilt und verlangt, dass er dafür zur Rechenschaft gezogen wird.

Kritik gibt es für den Präsidentschaftskandidaten vor allem dafür, dass seine Kampagne sehr elitär ist, er Geld von großen Investoren annimmt und eher die Symptome des Patriarchats und des strukturellen Rassismus kitten will, statt den Ursprung solcher Dynamiken zu verändern.

Fazit: Ob sich diese Pläne so einfach umsetzen lassen, wie es der junge Politiker in seinem Programm aussehen lässt, ist fraglich, gerade weil er bisher nur Lokalpolitik gemacht hat. Auf dem Papier klingt Pete Buttigieg wie ein Feminist, der weitergeht, als nur den Konsens der demokratischen Partei zu vertreten, sein Programm ist außerdem ein Zugeständnis daran, dass Feminismus in allen Bereichen des öffentlichen Lebens stattfinden muss. Wegen seiner ansonsten sehr moderaten Politik liegt er dennoch hinter Sanders und Warren, die beide die amerikanische Gesellschaft grundlegend verändern wollen.

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#2: Bernie Sanders, 78, Vermont

Der Sozialist ist für viele Frauen die erste Wahl auf dem Stimmzettel, doch Bernies Beliebtheit bei Frauen jeglicher Herkunft wurde vor Kurzem ins Wanken gebracht, als seine direkte Konkurrentin Elizabeth Warren von einer Begegnung der beiden berichtet. 2018 habe Bernie ihr gesagt, dass er nicht glaube, dass eine Frau die Wahl gewinnen könnte. Bei einer Debatte im Januar bestritt der Demokrat die Aussage und bezeichnet es als absurd, dass ein Mann wie er so etwas glauben würde. In der Tat hat er bereits in den 80ern jungen Mädchen in Schulen gesagt – das belegt ein Wahlvideo – dass auch sie eines Tages Präsident der USA sein könnten.

Trotz dieser Konfliktsituation bei der TV-Debatte im Januar hat der Senator aus Vermont weiterhin viele Unterstützer*innen, die gerade maßgeblich dazu beitragen, dass er der Favorit für die Nominierung der US-Demokraten ist. Seit Jahrzehnten kämpft er bereits für die Rechte von Frauen, wie Videos auf seine YouTube-Kanal und seine Erfolgsbilanz beweisen und genau dieses langjährige Engagement wird ihm hoch angerechnet. Gerade weil sein wohl größter Konkurrent, Joe Biden, wären seiner ebenfalls langen Karriere oft die Rechte von Frauen eingeschränkt hatte. Seine Standpunkte bei den sogenannten Women's Issues sind für den selbsternannten Feministen klar: Er ist seit Beginn seiner Karriere Pro-Choice, will Planned Parenthood vom Staat finanzieren lassen und macht sich für die Rechte von LGBT*-Communitys stark.

Kritiker haben allerdings zurecht angemerkt, dass Bernie 2017 einen Demokraten unterstützt hat, der Pro-Life ist. Damals erklärte er, dass man für das Pro-Choice-Movement kämpfen müsse, man andere Parteimitglieder allerdings nicht wegen einer Thematik ausschließen sollte.

Und auch die Hauptpunkte des Wahlprogramms des 78-Jährigen mögen auf den ersten Blick nicht besonders feministisch wirken, sind es aber dennoch. Mit Medicare for All ist er bereits 2016 als demokratischer Kandidat ins Rennen gegangen. Eine universelle, verpflichtende Krankenversicherung ist vor allem für Frauen, die im Durchschnitt mehr medizinische Behandlung benötigen, ein großer Gewinn. Vor allem auch, weil sein Plan die Kosten für Abtreibungen abdeckt. Auch die Klimakrise, die er mit dem Green New Deal angehen will, ist eine feministische Thematik, da die Folgen einer Klimakatastrophe überproportional Frauen treffen. Bernie plant außerdem ebenfalls wie Elizabeth Warren einen Mindestlohn von 15 Dollar pro Stunde, ein Gesetz, das vor allem nicht-weiße Frauen, die in den meisten schlecht bezahlten Jobs arbeiten, finanziell und damit sozial stärken.

Fazit: Bernie Sanders ist ein feministischer Kandidat, den mal aus Frau guten Gewissens wählen kann. Seine lange Karriere beweist, dass er bereits seit Jahrzehnten für die Gleichberechtigung von Frauen und anderen Minderheiten kämpft. Das Nachsehen gegenüber Warren hat er trotz seinem beeindruckenden Track Record in kleineren Punkten, wie das er bisher kein Versprechen abgegeben hat, dass er eine 50-prozentige Frauenquote für sein Kabinett plant und sich bei Michael Bloombergs NDAs sichtlich zurückgehalten hat.

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#1: Elizabeth Warren, 70, Massachusetts

Die Senatorin aus Massachusetts ist bekannt dafür, dass sie die Korruption in Washington beenden und vor allem Wall-Street-Firmen und großen Kooperationen im Namen der Arbeiterklasse den Kampf ansagen will. Diese Einstellung ist auch im Herzen ihrer feministischen Agenda zu finden. Warren kämpft gleichzeitig für Frauenrechten und für die Rechte von Arbeitern – höhere Löhne sind ein großer Teil ihres Programms – die in ihren Augen untrennbar sind. Sie stützt sich vor allem auf die Förderung der finanziellen Situation von sozialschwachen, arbeitenden Frauen und drückt immer wieder ihre Unterstützung für alleinerziehenden Frauen aus, ein Thema, dass andere Kandidaten fast gänzlich vernachlässigen.

Dass sie sexistisches Verhalten nicht toleriert, hat sie spätestens bei ihrem öffentlichen Angriff auf Michael Bloomberg bei der Debatte in Nevada klargemacht, den sie auf seine drei Verschwiegenheitserklärungen angesprochen hat. "Ich hoffe ihr habt seine Verteidigung gehört: Ich war zu einigen Frauen nett. Das ist einfach nicht gut genug", positionierte sich die 70-Jährige bei der Diskussion mit dem ehemaligen New Yorker Bürgermeister.

"In unseren ersten 100 Tagen als Präsidentin werde ich jedes Rechtsinstrument einsetzen, um sicherzustellen, dass LGBTQ+-Personen frei von Diskriminierung leben können", schreibt die ehemalige Havard-Dozentin zu ihrem ausführlichem Wahlprogramm, das die Rechte von allen queeren Menschen schützen sollen. Außerdem versprach sie im Januar 2020, einige Monate nach Konkurrent Buttigieg: "Ich werde ein Kabinett und ein Führungsteam aufbauen, das die volle Vielfalt Amerikas widerspiegelt, einschließlich mindestens 50 Prozent der Kabinettspositionen, die von Frauen und nicht-binären Personen besetzt werden." Die Muttersterblichkeitsrate, das Recht auf sichere und legale Abtreibungen, sowie die Unterstützung von Frauen of Color sind ebenfalls wichtige Themen für Warren, die sie in öffentlichen Foren regelmäßig anspricht.

Fazit: Elizabeth Warren ist eine leidenschaftliche Feministin, die vor allem durch die Revolutionierung der Wirtschaft im Land Frauen unterstützen will. Sie ist die einzige Kandidatin, die sich explizit und mit viel Leidenschaft für die Gesundheit und finanzielle Lage von alleinerziehenden Müttern, einer der benachteiligsten Gruppe von Frauen, einsetzt. Ihr einziger Nachteil ist wohl, dass sie, im Gegensatz zu Bernie Sanders, nicht bereits seit Jahrzehnten in der Politik ist und dort aktiv für Frauen gekämpft hat. Damit, dass sie Sexismus jeder Art auch öffentlich anprangert, egal ob von Bernie oder Michael Bloomberg, hat sie es am Ende doch auf unseren Platz eins geschafft.

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Quelle: Noizz.de