Oliver Pocher ist kein Fan von Influencer*innen, die auf Instagram für Produkte werben. Dagegen zieht er seit einiger Zeit in den Kampf – unter dem Deckmantel "Ist ja nur Comedy". Dass er dabei unfair und unfassbar scheinheilig handelt, stört ihn genauso wenig, wie der Schaden, den er damit anrichtet.

Seit einigen Wochen zieht Oliver Pocher jeden Tag gegen einen neuen Feind in die Schlacht. Seine Feinde sind keine bösen Hexen oder feuerspeienden Drachen, nicht die AfD oder Nestlé, nein, viel schlimmer! Es sind Influencer*innen, die ihre Reichweite in den sozialen Medien nutzen, um für Produkte zu werben. Pochers Waffen sind nicht Schwert und Schild, sondern IG TV und Humor: Er parodiert die dämlichsten Instagram-Werbe-Aufsager, die er so finden kann, zieht die Produkte durch den Dreck, für die geworben wird, und stellt alle, die es wagen, durch Social Media Geld zu verdienen, an den Pranger.

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Die zu befreiende Prinzessin? Ist in Pochers Augen nicht das schlafende Dornröschen, sondern die Gesamtheit der Gesellschaft, die er wachrütteln möchte. Zeit genug zum Totschlagen hat er: Pocher sitzt gerade passenderweise selbst wie Rapunzel eingesperrt im Quarantäne-Turm, denn er und seine Frau Amira sind beide positiv auf Corona getestet worden.

Das Drama beginnt in Dubai

Das ist ziemlich kacke und tut einem auch wirklich leid. Als Pocher anfing, vor einigen Wochen privilegierte Menschen zu kritisieren, die sich a) nicht an die (damals noch) freiwillige Ausgangssperre hielten und b) trotz Pandemie-Ausnahmesituation munter weiter für allerlei Produkte warben, war man deshalb auch noch komplett bei ihm und seinem Ärger: Ausgelöst wurde Pochers Feldzug übrigens durch Influencerin Sarah Harrison. Die ehemalige "Der Bachelor"-Kandidatin befand sich vor drei Wochen noch in Dubai. Während sich die Pandemie weltweit immer weiter ausbreitete und die ersten Ausgangssperren verhängt wurden, postet die 2,4 Millionen Follower schwere Influencerin fröhliche Strandbilder. In ihrer Instagram-Story nörgelte sie über die eingeschränkte Freiheit in Deutschland und überlegte, ihren Dubai-Urlaub zu verlängern, weil man da ja ungehindert das Luxus-Hotel verlassen könne. Dann warb sie noch schnell für den Streamingdienst Disney – autsch. Check your Privilege? Eher nicht so.

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Pocher-Boy, der vor Corona schon für seine grandiosen Wendler-Parodien gefeiert wurde, machte sich ein Spaß daraus, Harrison komplett zu verarschen. Mit Recht, wie ich finde. Denn Harris unreflektiertes Verhalten bot die beste Steilvorlage. Bis hierhin bin ich komplett bei Pocher, geile Aktion, Chapeau, hab’s geliebt.

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Aus Comedy wird Verleumdung

Wie mir ging es auch vielen anderen, das Video lief so gut, dass er begann, täglich neue Entertaining-Highlights zu posten. Mal ist es Senna Gamour, über die er sich lustig macht, weil die über einen eingerissenen Fingernagel klagt. Dann wieder sein Lieblingshassobjekt, die Harrisons: Erst kritisiert Pocher den Lebensstil des Paares, dann Sarahs Aussprache, später, dass sie ihre Tochter zu Marketing-Zwecken missbrauchen würde. Dann machte er sich über Geissen-Tochter Shania lustig, die auf naja, etwas zu plakativ-platte Weise Werbung für Sportklamotten machte, schließlich über Influencerinnen, die für Nahrungsergänzungsmittel und Protein-Shakes werben, für Hautpflegeprodukte und Detox-Tee.

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Aber irgendwo zwischen Teebeutel-Verriss und Gesichtsmasken-Bashing radikalisiert sich Oliver Pocher: Was am Anfang noch irgendwie lustig war, ist zu einer blinden Zerstörungswut des Komikers geworden. Statt einzelne, dämliche Beispiele aus dem Influencer-Universum zu parodieren, womit er am Anfang doch gut gefahren ist, ist es plötzlich seine Mission, eine ganze Branche zu zerstören.

Aus expliziten Beispielen werden "DIE": DIE bösen Influencer*innen. DIE bösen Menschen, die anderen Menschen Geld aus der Tasche ziehen würden. DIE, die nur für Müll werben würden. DIE, die sonst ja einen "richtigen" Job machen müssten, zum Beispiel an der Supermarktkasse sitzen. Und da fängt es an, verdammt kritisch zu werden.

Denn ja, man darf Menschen des öffentlichen Lebens durch den Kakao ziehen, vor allem als Comedian. Man darf sich positionieren und es scheiße finden, dass einige Influencer*innen ihre Reichweite als verdammte Dauerwerbesendung nutzen, dass sie während einer weltweiten Pandemie Tee oder ihre Nahrungsergänzungsmittel als "immun-stärkend" verkaufen. Aber es gibt eine entscheidende Grenze, zwischen Spaß und Hetze, zwischen Einzelbeispielen und dem Verurteilen einer gesamten Branche – und die hat Pocher längst überschritten.

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Angriff auf eine gesamte Industrie

Was ist denn nun eigentlich Pochers genaue Agenda? So ganz klar ist das mittlerweile nicht mehr. Mal spricht er durchaus ernste Themen an, etwa, das einige Prominente die Privatsphäre ihrer Kinder, wie im Beispiel von Harris, missachten und sie so zum Beispiel den Augen von Pädophilen aussetzen würden. Eine Debatte, die sich durchaus auf hohem Niveau führen ließe.

Doch dann echauffiert er sich wieder wie ein trotziges Kind, das Influencer*innen überhaupt Geld verdienen würden. Hä? Entschuldigung, was ist an Geld verdienen bitte verwerflich? Sorry Olli, aber hast du das Konzept "Influencer" noch nicht verstanden? Wer nicht rafft, dass er sich bei vielen der perfekten Feeds um den Verkauf von Träumen handelt, dass es der Job dieser Personen ist, Dinge zu verkaufen, der ist vielleicht noch nicht ganz im digitalen Zeitalter angekommen. Er wirft ihnen außerdem vor, unlauter zu sein, weil sie für Fantasieprodukte werben würden. Denn laut Pocher wird armen Followern auf Instagram nur Mist angedreht. Anders als im Fernsehen, wo man ja für "richtige" Produkte, wie Autos oder Spülmaschinen werben würde.

Nur weil etwas von "Influencern" beworben wird, ist es nicht gleich schlecht

Wer immer noch glaubt, dass hinter Influencer-Werbung nichts weiter steckt, als das Bescheißen der Menschheit, sollte sich vielleicht mal ein paar Statistiken zu dem Thema anschauen: In einer Studie aus dem Jahr 2019 gaben 59 Prozent der befragten deutschen Unternehmen an, mit Influencer-Marketing für ihre Produkte zu werben. 59 Prozent! Na, sind das alles Fantasieprodukte? 990 Millionen Euro Marktvolumen wird der Branche 2020 prognostiziert. Wisst ihr, wie verdammt viele Jobs mittlerweile an diesem Wirtschaftszweig hängen? Aber das interessiert Oliver Pocher nicht. Er geht so weit, dass er Produkte namentlich so oft erwähnt, dass seine "Comedy" auch deutsche Start-ups, die sich auf Influencer-Marketing fokussiert haben (weil sie dadurch eben nun mal ihre Zielgruppe am besten erreichen) in wirtschaftliche Bredouille bringt.

Ein Berliner Kosmetikunternehmen, dem er vorwirft, überteuerte Cremes herzustellen, musste mittlerweile zum Beispiel zwei Vollzeitstellen streichen, weil Pocher so einen Shitstorm ausgelöst hat. Zwei Stellen, das sind zwei reelle Menschen, die jetzt mitten in der Corona-Krise arbeitslos geworden sind. Ganz großes Kino, wirklich. Dieses Unternehmen produziert Kosmetikartikel, keine Waffen! Und excuse me, wer ist bitte Pocher, dass er beurteilen kann, welchen Preis ein Unternehmen für sein Produkt verlangen kann? Schonmal 'ne Chanel-Creme gekauft? Kostet dreimal mehr und macht auch Influencer-Marketing, ist das jetzt auch eins schlechtes Produkt?

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Und dann ist da auch noch diese dämliche Täter-Opfer-Einteilung, die einfach nur lächerlich ist: Als wären Menschen nicht in der Lage, zwischen gesponsertem Content und Realität zu unterscheiden. Mit seiner ständigen Verurteilung hetzt Pocher nicht nur gegen Online-Schaffende, er unterstellt eigentlich auch jedem einzelnen Menschen, der Influencer*innen folgt, man sei selbst nicht mehr in der Lage, Kaufentscheidungen zu treffen.

Meine Fresse, lass die Leute doch gesponserte Beitrage liken, wenn sie das wollen. Lass sie "überteuerte" Cremes kaufen, wenn sie sich damit besser fühlen! Wer bist du, anderen vorzuschreiben, für was sie ihr Geld nicht auszugeben haben? Früher haben die Leute Teleshopping betrieben, für meine Oma war QVC der Himmel, stundenlang saß sie vor der Glotze und hat sich von Kaufempfehlungen berieseln lassen. Meinst du, da wurden nur sinnvolle Dinge zum Verkauf geboten? Lass die Menschen doch Produkte kaufen, für die ihre "Vorbilder" werben! Was ist daran verwerflicher, als Schauspieler, die in Hochglanz-Magazinen von Parfumwerbungen lächeln oder im Fernsehwerbespot an Espresso nippen, der aus kleinen umweltschädlichen Alu-Patronen stammt? Nichts! Es ist Werbung. Nicht mehr, nicht weniger. Ja, manche der Produkte, für die auf Instagram geworben wird, sind scheiße. Andere sind gut! Wie überall!

Pocher nutzt Aufmerksamkeit für Aufmerksamkeit, nicht aus moralischen Gründen – und macht sich durch die Wahl seiner Gesprächspartner lächerlich

Was die ganze Aktion noch schlimmer macht, ist die Scheinheiligkeit, mit der Oliver Pocher an die Sache rangeht. Denn wie großartig wäre es, wenn er den Diskurs über Influencer*innen, Werbung im Netz und Produktversprechen ernsthaft führen würde? Aber das ist nicht sein Anspruch. Bestes Beispiel: Um über einige Firmen herzuziehen, die Abnehm-Shakes verkaufen (machen übrigens auch Apotheken, sind die jetzt auch böse?), lädt Pocher sich einen "Experten" in seinen Livestream ein. Funny: Der sogenannte Experte ist kein ernst zunehmender, unabhängiger Ernährungswissenschaftler.

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Es ist ein Typ, der haha, selbst Nahrungsergänzungsmittel im Netz verkauft und dessen Freundin, haha, selbst Influencerin ist! Pocher hetzt also nicht nur gegen bestimmte Unternehmen, gleichzeitig bietet er der Firma des Typen eine Plattform, um Werbung für seine eigenen Produkte zu machen. Denn Pocher ist mittlerweile ja auch "Influencer": Innerhalb kürzester Zeit ist seine Followerschaft von 200.000 auf 1,9 Millionen Abonnenten gewachsen. Er hat mittlerweile also mehr Einfluss, als viele der Internet-Promis, die er auf seiner Plattform durch den Dreck zieht. Aufmerksamkeit ist Macht, das weiß Pocher. Aber ob er wirklich nicht checkt, wie er seine Macht gerade selbst missbraucht?

Neben dem enormen wirtschaftlichen Risiko, in das er gerade viele Firmen und Privatpersonen drängt, verändert er mit seinen Videos gerade nämlich auch die Stimmung im Netz. Immer mehr seiner Zielpersonen, so muss man sie mittlerweile leider nennen, sehen sich mittlerweile Online-Mobbing und sogar Morddrohungen ausgesetzt. Aber das hindert ihn nicht, weiterzumachen. Mittlerweile wurde er von den Ersten angeklagt: Üble Nachrede, Verleumdung, Rufschädigung. Auch das thematisiert Oliver Pocher in seinen Videos – sei doch bloß Comedy, habt euch doch nicht so!

Auch sehr interessant: Ganz zufällig ist es Oliver und Amira genau jetzt eingefallen, dass sie ja mal einen Podcast starten könnten. Könnte man auch einfach mal unterstellen, dass seine Videos nur dazu da waren, für dieses neue Projekt Aufmerksamkeit zu schüren. Promo auf Kosten anderer? Wäre perfide, aber ziemlich genial.

Lieber Olli, warum suchst du dir nicht mal jemanden aus, der wirklich schaden anrichtet?

Prinzipiell lässt sich also leider nur sagen: Oliver Pocher hat komplett die Kontrolle verloren, über das, was er da losgelöst hat. Denn ja: Es gibt viele Influencer*innen, von denen man halten kann, was man will. Viele der Produkte, für die von einigen Menschen geworben wird, sind nicht cool. Aber schwarze Schafe gibt es überall – über sie zu versuchen, eine ganze Branche zu verurteilen, ist lächerlich. Influencer-Marketing ist eine Frucht des Kapitalismus, wenn er damit nicht zurechtkommt, muss er sich ein Land suchen, in dem eine andere Wirtschaftsordnung herrscht.

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In einer Krise Einzelpersonen so runterzumachen, dass Menschen ihre Existenz bedroht sehen, ist so ziemlich der ekligste Move, den man gerade an den Tag legen kann – und irgendwie auch der Schwachsinnigste. Lieber Olli, such dir doch richtige Gegner! Mobilisiere deine 1,9 Millionen Follower zum Beispiel, um etwas gegen den Klimawandel zu tun. Lege dich mit Waffenexporteuren an. Mit radikalisierten politischen Gruppierungen. Mit Kosmetikfirmen, die Tierversuche machen oder großnamige Lebensmittelkonzerne, die Kinderarbeit unterstützen. Oder sind dir diese Gegner zu groß, um "Comedy" über sie zu machen?

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  • Quelle:
  • Noizz.de