Die "Querdenken"-Demonstration am Wochenende war unterlaufen von rechtsextremer Symbolik und Aluhut-Trägern. Dabei hatte das anfängliche Anliegen der Corona-Demonstrant*innen nichts mit Nazis und Reichsbürgern zu tun. Es wird Zeit, dass die ernsthaften Kritiker*innen ihre eigene Stimme finden. Dies ist ein Brief an sie.

Liebe Corona-Demonstrant*innen, die ihr noch nicht in antidemokratisches Feindesdenken abgedriftet seid: Es gibt euch noch. Auch wenn die Reichsflaggen-Träger und die Aluhut-Fraktion nach diesem Wochenende die Schlagzeilen bestimmen: Irgendwo zwischen ihnen seid auch ihr am Samstag mitgelaufen – und fühltet euch bei deren Parolen nicht so wirklich wohl.

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Wie viele es noch von euch gibt, ist unklar – auf der "Querdenken"-Demo am Samstag waren es circa 38.000 Demonstrant*innen. Einige von ihnen trugen Nazi- und Reichsbürgersymbolik, andere forderten auf ihren T-Shirts Solidarität, etwa mit der bekannten Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck. Und wieder andere trugen – bittere Ironie – einen dem Judenstern nachempfundenen Aufnäher mit der Aufschrift "Ungeimpft". Holocaust-Leugnung trifft Holocaust-Relativierung.

Die anfänglichen Fragen waren sinnvoll

Dabei fing doch alles mit berechtigten Fragen an. Zu Beginn der Corona-Pandemie wurde es euch unheimlich, wie schnell und scheinbar widerspruchslos Dinge entschieden wurden: die Quarantäne, die Maskenpflicht, das Absagen von Veranstaltungen. Was mit dem Argument des Infektionsschutzes gerechtfertigt wurde, wurde von vielen nicht hinterfragt, so euer Gefühl. Wer doch hinterfragte, wie sinnvoll die Verbote seien, wurde schnell in die Verschwörungsecke gedrängt. Und das war euer Verhängnis.

Verschwörungstheorien vereinnahmten den Diskurs

Denn gleichzeitig wie bei euch regte sich auch in Menschen Widerstand, die nicht wirklich daran interessiert waren, dass die Politik transparenter entscheidet und die Maßnahmen besser erklärt werden. Es waren Menschen, die ihren Platz in der Welt suchten – und ihn dort fanden, wo die Erklärungen einfach und die Probleme nie selbstverschuldet sind: im Abgrund der Verschwörungstheorien.

Warum Menschen an Verschwörungstheorien glauben, hat verschiedenste Gründe – doch die meisten von ihnen haben etwas mit Angst zu tun. Mit Verunsicherung und dem Wunsch, die Wahrheit zu kennen und zu verstehen. Einige der Menschen bündelten diese Angst mit dem Wunsch danach, etwas Besonderes zu sein und Motiven aus altbekannten Verschwörungsgeschichten – et voilá, die Schuldigen für die Pandemie waren gefunden: Die Theorien strotzen selbstverständlich nur so vor Antisemitismus und anderen verheerenden Narrativen.

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Doch so weit hergeholt und verrückt diese Theorien auch waren: Die Menschen, die sie vertraten, waren die einzigen, die auf die Straße gingen, um die Corona-Politik der Regierung zu kritisieren. Wem all die neuen Regelungen unheimlich waren, für den war das Naheliegendste also: mit diesen Menschen mitlaufen.

Einzige Möglichkeit: Mitlaufen?

Und noch heute lauft ihr mit ihnen mit – weil es scheinbar keine andere Alternative gibt, um seiner Angst davor Luft zu machen, dass die Versammlungsfreiheit nach Corona vielleicht nicht wiederkommt. Und der Wut darüber, dass euch wegen der anfänglichen Fragen ein Stempel aufgedrückt wurde, den ihr nun nicht mehr los werdet – und mit dem ihr euch langsam anfangt, zu arrangieren.

Startet eigene Demos!

Doch wisst ihr was? Ihr müsst nicht auf Demos mitlaufen, die von Menschen mit Reichsflaggen und Aluhut dominiert werden. Denn wenn ihr still neben ihnen herlauft, macht ihr euch mit ihnen gemein – und ganz nebenbei, fangt ihr irgendwann an, ihre hasserfüllten Parolen mitzubrüllen. Was hält euch davon ab, eigene Demonstrationen abzuhalten – Demonstrationen, auf denen Nazi-Symbolik und Todesdrohungen verboten sind? Wie viel ernster würde die Öffentlichkeit eure Anliegen nehmen, wenn ihr nicht mit Aluhut, sondern mit Anliegen die Rednerbühne beträtet!

Eure Demonstration wäre kleiner – und doch würde sie zeigen: Wir benutzen Corona nicht als Vorwand, um rechten Ideologien Vorschub zu leisten. Wir wollen ernsthafte und manchmal auch konstruktive Kritik an einem System üben, von dem wir uns gerade allein gelassen fühlen.

Liebe ernsthafte Corona-Demonstrant*innen: Warum gebt ihr euch mit Nazis ab? Tretet aus ihrem Schatten heraus – und findet eure eigene Stimmte.

  • Quelle:
  • Noizz.de