Geständnisse eines ehemaligen Junkies.

Wenn wir jetzt alle im Kreis auf grauen Klappstühlen sitzen würden, dann wäre das womöglich für mich der Moment, in dem ich das Wort ergreifen würde: "Hallo. Ich bin Luisa, und ich habe mich das letzte Mal vor 4 Wochen bei Netflix eingeloggt!" (Stellt euch vor, dass irgendjemand im Hintergrund schockierend raunt, vielleicht schnappt irgendjemand vor Überraschung auf).

Vor noch einem Monat hätte ich mir das nie vorstellen können. Serien schauen war für mich so, wie für andere Radio hören. Morgens beim ersten Kaffee eine Folge "Fresh Prince of Bel-Air", beim Kochen eine Doku über Cambridge Analytica, beim Nachhausekommen eine Folge der dritten Staffel "Haus des Geldes". Nach der Arbeit, der Uni, dem Training war es für mich das absolut Schönste, mir etwas Geiles zu kochen und meine Sucht-Serie des Monats weiterzusehen.

Zum Klartext: Ich bin kein unsozialer Mensch. Ich habe einen guten Freundeskreis, Hobbys und einen Job. Und trotzdem habe ich mich Zuhause am allerliebsten zurückgezogen, vor meinen Laptop, in die Serienwelt – da wo alles spannend war, und einfach so passierte. Jede Woche hatte ich eine neue Serienempfehlung für meine Freunde parat, weil ich mich extrem schnell durch Serien durcharbeitete.

Das, gepaart mit dem Streaming-Dienst Netflix, der jeden Monat neue, geile Eigenproduktionen droppt ist eine gefährliche Kombo. So wie ein trockener Waldboden und ein Zigarettenstümmel, Freibier und eine Gruppe pubertierender Kids, ein neugieriges Kind und eine heiße Herdplatte. Auf Netflix ist es genau so, wie im Heimwerkerbetrieb deines Vertrauens: Wer es drauf ankommen lässt, der hat immer was zu sehen. Yippie ya ya yippie yippie yeah – nicht.

Denn andauernd Serien zu schauen, trennt dich von der echten Welt. Wirklich, Leute.

Been there, done that – ist scheiße

Newsflash: Es gibt die echte Welt, in der du durch deine Handlungen eine echte Geschichte beeinflussen kannst. In der Serien-Welt passiert alles einfach so – ohne dass du dich regen musst. Und genau deswegen schauen wir auch so gerne so viele Geschichten, die sich auf Bildschirmen abspielen. Weil da alles einfach so passiert. Wir müssen keinen Finger krumm machen. Wir sparen Energie (eigentlich ein sehr gesunder menschlicher Instinkt) und regenerieren mental nach einem stressigen Alltag, ohne dabei auf Erlebnisse zu verzichten. 

Blöd nur, dass du bei so viel Serien-Konsum am Ende kein richtiges Leben mehr übrig hast. Du wirst passiv, schaust nur noch anderen Geschichten zu, anstatt deine eigene zu leben.

So ging mir das auch. Ich habe mich so gerne mit den Geschehnissen von fiktiven Figuren beschäftigt, dass ich mich auch im Alltag anfing, als Beobachter wohler zu fühlen. Dabei ist es viel geiler, Dinge selber zu tun, aktive Entscheidungen zu treffen und eigenes Drama zu erleben.

Das habe ich gelernt, als ich den Cold-Turkey-Entzug wagte. Der passierte quasi ungewollt und unerwartet, als ich kürzlich in einen drei-wöchigen Urlaub flog. Ich war gezwungen, das mit dem Binge-Watchen zu lassen. Im Urlaub störte das auch gar nicht – alles war geil, ich hatte die Zeit deines Lebens, war megaentspannt und hatte Menschen um mich herum, die ich lieb‘ hatte.

Als ich wieder nach Hause kam, war ich dann irgendwie verwirrt

Als ich das erste Mal wieder alleine in meinem Zimmer saß, wartete ich auf das Bedürfnis, eine Serie schauen zu wollen. Die Realisation: Ich suchte im Moment gar keine Serie! Schlichtweg, weil ich durch meinen Urlaub drei Wochen lang nichts Neues angefangen hatte. Dann der nächste Geistesblitz: Ich hatte absolut null Bock, mich vor meinen Laptop zu setzen und wie ein lebloses Gemüse einen Film zu schauen. Zum Schluss dann das Feuerwerk: Die Unlust, eine Serie zu schauen, hatte mir gerade den ganzen Abend frei geräumt.

Ich fühlte plötzlich Lust, Dinge zu tun, die ich sonst nie freiwillig machen wollte. Ich räumte meinen Schreibtisch zum ersten Mal seit Monaten auf (an dieser Stelle nochmal sorry an den Beitragsservice, dass ich eure Briefe übersehen habe, und an die TK, ich weiß ihr meint es gut mit mir). Ich nahm mir ein Buch ("Per Anhalter durch die Galaxis"), setzte mich auf mein Fensterbrett, und las. Und: Es war so schön.

Dieser Abend wurde der erste von vielen, an denen ich einfach komplett bei mir war und Dinge tat, die im Gegenzug mir guttaten.

Mit dem Serien-gucken vernachlässigt man die Sachen, die das Leben wirklich einzigartig machen. Musik machen, Bücher lesen, durchatmen, auf keine Bildschirme schauen, malen, oder auch einfach mal wirklich wirklich wirklich einfach nichts zu tun. Am Fenster sitzen, nach draußen schauen, durchatmen, vielleicht Musik hören – diese Sachen regenerieren viel mehr, als jede Serie dieser Welt. Deine Augen entspannen sich, du gibst deinem Gehirn Zeit, wirklich abzuschalten, anstatt es nur abzulenken von den Sachen, die es davor angestrengt haben.

Außerdem will Netflix Binge-Watching mit einer neuen Veröffentlichungs-Strategie eh abschaffen – insofern der perfekte Zeitpunkt, dich und dein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Und wenn ich das kann, dann schafft ihr das erst recht.

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Quelle: Noizz.de