"Nein heißt Nein" – ein Satz so einfach und doch hat es Jahrhunderte gebraucht, um diese schwerwiegende Bedeutung gesetzlich zu manifestieren. Für mich hat es trotzdem eine lange Zeit gebraucht, bis ich das tatsächlich verstanden habe und davon Gebrauch machen konnte – auch in meiner Beziehung. Was schwingt also wirklich in diesem Satz mit und wieso ist es noch lange kein gesellschaftlicher Grundsatz?

Schon fast vier Jahre ist es nun her, dass das Sexualstrafrecht erneuert wurde und endlich dem Grundsatz "Nein heißt Nein" folgt. Einfach so ist das natürlich nicht passiert, ich selbst kann mich an zahlreiche Demonstrationen erinnern, die forderten, dass sexuelle Selbstbestimmung rechtlich geschützt wird und doch brauchte es die verheerenden Ereignisse der Kölner Silvesternacht 2015/16, in der um die 600 Sexualverbrechen gemeldet wurden.

Es war also ganz egal, was man sagte, weinte, wimmerte, solang es keine körperliche Gegenwehr gab, was bei traumatischen Ereignissen durch Panik und Schockstarre oft nicht möglich ist, kam es nicht zu einer Verurteilung wegen eines Sexualdeliktes.

2018 wurden in Deutschland rund 72.000 Verfahren geführt. In den Jahren vor der Reform lag die Zahl noch bei rund 53.000.

Die Probleme mit dem Wollen

Leider ist das Verbalisieren des eigenen Willen nicht immer so deutlich und vor allem nicht nachweisbar. Während man sich früher auf Blessuren oder ähnlich Verteidigungsverletzungen konzentrierte, müssen sich heute viele Opfer von sexueller Belästigung, angedrohter Gewalt und sexuellen Übergriffen einer akribischen Befragung stellen, bei der der Tathergang mehrfach durch exerziert wird und viele der Prozesse endeten mit Enttäuschung. Dennoch ist das Gesetz ein wichtiges Zeichen für ein würdevolles Verständnis von sexueller Selbstbestimmung.

Zu diesem Verständnis gehört aber nicht nur das "Nein" in einem klaren sexuellen Überfall, bei dem man gewaltvoll zu sexuellen Handlungen gezwungen wird, sondern auch das "Nein" in einer Beziehung, das "Nein" wenn einem während des Aktes etwas nicht gefällt und das "Nein" wenn man doch lieber nur knutschen will. Die Regel setzt einen freien sexuellen Willen voraus, wobei doch alles dafür getan wird, genau diesen zu beeinflussen, zu manipulieren und zu formen. "Nein heißt Nein" ist in diesem Sinne also einfach nicht konsequent genug und sollte schon viel früher einsetzen.

>> Heimliche Klo-Videos auf Fusion und Monis Rache: Die perfide Spanner-Story mehrerer Festival-Sommer

Ich wünschte, dass mir jemand diese Regel eingebläut hätte, noch bevor man mir erklärte, wie die Eizelle vom Sperma befruchtet wird. Derzeit geht die Bildung und die Gesellschaft bei der Aufklärung immer noch von einem biologischen Akt aus, dabei ist Sexualität wohl der grundlegendste, gesellschaftliche Faktor. Wieso wurde mir also erklärt, wie ich einen Tampon benutze, bevor mir und vor all meinen Kumpels jemand sagt, dass dieses Blut wirklich nicht ekelig ist?! Wieso wurde mir zuerst gesagt, wie ich ein Kondom benutze oder mit der Pille verhüte, bevor mir jemand erklärt, dass es okay ist auch einem Menschen, den ich mag zu sagen, dass mir das, was er da tut, nicht so gefällt ?! Und wieso wurde mir genauestens beschrieben, wo was liegt, bevor mir erklärt wurde, dass ich keinen Orgasmus vorspielen muss, wenn ich keinen hatte?!

Als Berlinerin, bin ich zwischen unzähligen Plakaten großgeworden, die mit sexualisierten Bildern um meine Aufmerksamkeit buhlten. Filme, Lieder und Bücher haben mir eingebläut, dass es letztlich nur um Sex geht und auch die großen deutschen Dichter und Denker haben die Welt nach Macht und Sex geordnet und dabei habe ich als junges Mädchen immer den Kürzeren gezogen!

Der freie sexuelle Wille wird permanent von Außen beeinflusst

Zwischen Slutshaming und Passivität

Die Broschüren und Aufklärungskampagnen des BZgA (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) haben mir ein weiches, romantisiertes Bild von Sexualität präsentiert, blieben dabei aber sehr unkonkret. Auch wurde detailliert aufgeschlüsselt, zwischen welchen Altersgruppen Sex verboten ist, und durchaus gab es einen Reiter über meine Rechte und den Hinweis, dass man nicht dazu gezwungen werden darf, trotzdem wird mit keinem Wort die sexuelle Selbstfindung thematisiert, die Hand in Hand mit den verschobenen Werten unseres sexualisierten Alltags geht.

Zur Auswahl standen mir als unsicherer Teenie also: Die passive Rolle, der immer verfügbaren Frau, die ihrem Mann alles unterordnet. Die 'Hure' die sich nimmt, was sie will und sexuell selbstbewusst auftritt. Und schließlich das verklärte, traumhafte, romantische Bild der Aufklärungsgeschichte, wo es immer "Der Richtige" und "Die Richtige" miteinander schlafen, nichts wehtut und beide haben zusammen ihr erstes Mal in einem Bett aus Rosenblättern.

>> Fem as Fuck #5: Wieso dürfen Frauen nur an Halloween "Schlampen" sein?

Über die Pubertät hat sich also nicht nur bei mir, sondern bei all meinen Freundinnen ein Druck breitgemacht und eine gewisse, unterschwellige Erwartungshaltung. Mit 16 habe ich bewusst mein Jungfernhäutchen kaputtgemacht, weil ein wirklich netter Junge zu mir sagte, "er habe kein Bock auf die blutige erste Nummer." Damit war ich nicht allein und gerade Freundinnen, die lange gewartet haben, verbergen ihre Unerfahrenheit. Und als es für mich dann endlich soweit war und ich sogar jemanden herausgepickt hatte, der scheinbar Respekt vor mir hatte, war Sex nur noch dieses Ding, was ich jetzt auch mal tun sollte und das ja auch irgendwie zu einer Beziehung dazu gehört und von mir erwartet wird.

Ich zwang mich zum Akt und tat Dinge, die mir nicht gefielen, schwieg, wenn eine Stellung weh tat

"Nein heißt Nein", geriet absolut in den Hintergrund und es dauerte nicht lange bis ein "Vielleicht" auch reichte und Pflichtgedanken in Kombination mit meiner sexuellen Unerfahrenheit letztlich dazu führten, dass ich mich zum Akt zwang und Dinge tat, die mir nicht gefielen, schwieg, wenn eine Stellung weh tat oder versuchte meine Tränen zu verstecken, wenn etwas nicht nach Plan lief. Und weil Männer immer stark und erhaben sein müssen, hat auch er nicht reagiert und nachgefragt, sondern Souveränität vorgegaukelt. Parallel zu all diesen Erfahrungen kämpfe und demonstriere ich laut für "Nein heißt Nein", gegen Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe, dabei habe ich selber nicht einmal verstanden, dass auch ich dieses harte Wort benutzen darf, obwohl mich mein Partner liebt.

Und das ist kein trauriges Schicksal einer zarten, blumigen Frau, die 'zu jung' war, es ist die bittere Realität von mir, meinen Freundinnen, von deren Freundinnen und deren Freundinnen. Natürlich haben wir darüber geredet aber die allgemeine Auffassung war eher "Augen zu und durch" - schließlich hatte man sich ja schon irgendwie ausgezogen und damit doch ein okay gegeben. Diese Fälle gehören in keine der strafbaren Kategorien, bleiben unbesprochen und gehören zu einer leisen Wahrheit, über die man lieber schweigt, die man verdrängt und doch so offenkundig falsch ist.

Es gab kein Gespräch, keine sexuelle Aufklärung, die mich in irgendeiner Art wachgerüttelt hatte und erst mehrere Jahre Erfahrung haben mich verstehen lassen, dass Sex kein unterschriebener Vertrag ist, keine Abo-Falle und kein rasender ICE. Nein heißt nicht nur Nein, sondern "Nein" ist immer gültig und vor allem immer möglich. Ein Grundsatz, der dem "Nein heißt Nein" zu Grunde liegen sollte, der früher zählt und früher zählen sollte. Es ist ein Gedanke, der Straftaten zu Straftaten machen kann, der sensibilisiert und ansatzweise ausgleichen könnte, was tausend Einflüsse in jungen Mädchen auslösen.

>> Dieses Video zeigt wie sehr deutscher Hip-Hop Frauen verachtet

>> Wien kämpft jetzt offiziell gegen Manspreading in der U-Bahn

Quelle: Noizz.de