Wer sich keine Mühe gibt, den Namen einer anderen Person richtig auszusprechen, bringt dieser nicht nur keine Wertschätzung entgegen – es ist auch einfach zutiefst arrogant, ausgrenzend und respektlos.

Ich erinnere mich ungern zurück an meine ersten Jahre in der Schule, als unsere Namen alle vorgelesen und aufgerufen wurden. Eigentlich etwas ganz Normales, aber mir war das immer unheimlich peinlich, weil mein Name nicht Müller, Meier oder Hermann war.

Eigentlich hatte ich keinen Grund, mich zu schämen, denn wer sucht sich schon seinen Namen aus. Und allgemein sollten sich ja gerade Erwachsene nicht über Namen lustig machen. Andere Kinder hatten auch "ungewöhnliche" Nachnamen, schämten sie sich genau so wie ich, wenn die Lehrerin oder der Lehrer ihre Namen falsch aussprach und sich dann darüber lustig machte?

In der Oberschule ging das Theater weiter, ich wurde von Lehrenden nicht Tuana, sondern Johanna oder Joana genannt, hingegen kamen meine Mitschüler*innen mit meinem Namen gut zurecht. In der Schulbibliothek, meist beim Bücherabholen, musste ich mir immer wieder folgende Szenarien geben: "Können sie mir noch mal ihren Nachnamen buchstabieren, der ist ja unmöglich, wie geht denn so was", "Ay ... was? Tragen sie doch bitte einfach selbst ihren Nachnamen ein" und immer das spöttische Gelächter. Wirklich, wirklich peinliche Momente für einen Teenager. Dabei sollten diese Situationen für diejenigen peinlich sein, die einen mit ihren Sprüchen versuchen auszugrenzen und zu degradieren und dabei respektlos gegenüber der Identität und Kultur der Person sind.

Später, an einer renommierten Universität studierend, dachte ich endlich, der Spuk wäre vorbei, bis ein Dozent vor versammelter Studentenschaft meinte, er müsse oldschool-mäßig unsere Vor- und Nachnamen aufsagen. Als er auf meinen vermeintlich komplizierten Nachnamen stoß, kamen alte Schamgefühle hoch und die Stimme in meinem Kopf flehte an alle Götter des Universums: "Bitte lasst ihn es nicht tun, bitte macht, dass er es nicht tut!"– und er tat es, lauthals versuchte er, meinen Nachnamen auszusprechen. "Junge, lies doch einfach Buchstabe für Buchstabe – und du willst Dozent sein?", dachte ich mir. Alles eine Farce, denn lesen konnte er, er hatte einfach nur Lust, sich über den Namen lustig zu machen. Idiot.

Wie durch ein Wunder können Namen aus "angeseheneren" Sprachen ausgesprochen werden

Nach sechs schlecht geschauspielerten Versuchen gab er es auf und sagte: "Das kann man doch gar nicht aussprechen, das geht doch gar nicht, oder?" Und ich entgegnete ihm trocken und wirklich, wirklich innerlich angepisst: "Sie können doch sicher auch Ai Wei Wei aussprechen, oder?" Da musste er zugeben, dass er anders klingende Namen doch aussprechen konnte. Denn Ai Wei Wei, der berühmte chinesische Künstler, unterrichtete zu der Zeit an unserer Universität Kunst. Dieses Beispiel gab mir zum wiederholten Mal das Gefühl: Menschen, die sich weigerten, meinen ach-so-komplizierten Nachnamen richtig auszusprechen, waren nicht unfähig – sondern respektlos, arrogant und ignorant. Mir drängte sich der Gedanken auf, dass sie mir absichtlich das Gefühl geben wollten, ich sei anders oder komisch.

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Der berühmte Tweer zum Thema Namen falschaussprechen

Denn was ich in all den Jahren auch beobachten konnte: Wenn es um Namen aus vermeintlich angeseheneren Sprachen wie Französisch ging, waren sie alle begabte Sprachtalente, die sich äußerst viel Mühe gaben – nur bei meinem taten sie es nicht. Dabei beinhaltet er nicht mal "fremde" Zeichen oder Buchstaben.

Namen sind wichtige Anker für die eigene Identität

Namen sind eng mit der kulturellen Identität verbunden und assoziieren Herkunft, Familie und für viele auch ihre eigene Persönlichkeit, schreibt Dr. Punita Rice, Autorin des Buches "South Asian American Experiences in Schools: Brown Voices from the Classroom ". Sie bezeichnet das immer wiederkehrende falsche Aussprechen des Namens als Mikroagression, die eine betroffene Person ausgrenzt.

Wenn man einen Namen falsch ausspricht, ignoriert man die Identität der Person, deren Name nicht richtig ausgesprochen wird. Die Verstümmelung des Namens einer Person ist ein Akt der Ausgrenzung, ob beabsichtigt oder nicht. Was dadurch kommuniziert wird, ist: "Dein Name ist komisch, gehört nicht dazu und ist mir fremd. Er ist meine Zeit nicht wert, er ist es nicht wert, richtig ausgesprochen zu werden."

So entsteht das Gefühl, dass alle anderen "normal" sind – nur man selbst nicht. Zurück zum Thema Wertschätzung: Namen wie Ai Wei Wei, Delevigne und Chalamet werden auch richtig ausgesprochen. Wenn du diese Namen richtig aussprichst, aber meinen "verstümmelst" und als zu kompliziert abstempelst, sagst du mir damit, dass ich es nicht wert bin, meinen Namen normal auszusprechen.

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Was kannst du tun, um nicht arrogant, ignorant und respektlos zu sein?

Hier sind ein paar Tipps von Gerardo Ochoa, Direktor des Portland Campus des Linfield College, aus seinem 2019 gehaltenen TedTalk zu dem Thema:

  • Es ist okay, Hilfe zu benötigen, es ist nicht schlimm, freundlich (!) nachzufragen, wie der Name richtig ausgesprochen wird. No big Deal. Außerdem gibt es immer die Option, einen Namen mehrmals im Kopf zu wiederholen, bis man ihn richtig ausspricht.
  • Wirst du Zeuge, wie jemand versucht, einen Namen auszusprechen, den du selbst kennst, interveniere und helfe der Person, deren Namen womöglich gleich falsch ausgesprochen wird.
  • Versuche niemals, den Namen einer Person zu ändern, weil du zu faul und arrogant bist, ihn richtig auszusprechen.
  • Falls du den Namen trotz aller Bemühung doch falsch aussprichst: Nicht so schlimm, solange du dich entschuldigst oder noch mal nachfragst, ohne der Person mit dem "andersklingenden" Namen respektlos zu begegnen.

Quelle: Noizz.de