Nachruf auf Boris Trivan, Chefredakteur von NOIZZ Serbien

Manuel Lorenz

Editorial Director NOIZZ
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Er starb mit 39 Jahren während des Internationalen NOIZZ Summit in Berlin.

D’Artagnan-Bart, weit ausgeschnittenes T-Shirt. So hab ich Boris kennengelernt, den Chefredakteur von NOIZZ Serbien. Es war vor anderthalb Jahren, wir hatten gerade NOIZZ Deutschland gelauncht und saßen im selben Videocall – er in Belgrad, ich in Berlin.

Sein Ruf eilte unserem Call voraus: Influencer mit einer halben Million Twitter-Followern, wichtige Stimme gegen die allzu Mächtigen und Rückwärtsgewandten in Serbien. Ein Kolumnist, ein Satiriker, dem die freie Meinungsäußerung und Pressefreiheit wichtiger war als ein geruhsames Leben. Einer, der die serbische Wirklichkeit formte. Hunderte Texte, Hunderttausende Leser. Ein sturer Kopf der guten Sache. Auch im Verlagshaus, auch bei NOIZZ.

In den vielen Videokonferenzen, die darauf folgten, auf den internationalen NOIZZ-Gipfeltreffen hatte ich Gelegenheit, diesen passionierten Menschen besser kennenzulernen. Seine Intelligenz, seine geistige Schnelligkeit, seine spitze, aber nie verletzende Zunge, seinen schwarzen Humor, seine Fähigkeit, bei aller Haltung und Selbstgewissheit auch über sich selbst lachen zu können.

Boris und ich waren immer die lautesten, wir buhlten gleichsam um die Lacher, ums Publikum, gönnten einander aber auch den Applaus.

So auch am Donnerstag, kurz bevor er starb. In Räumlichkeiten in Berlin-Kreuzberg sollte wieder ein NOIZZ-Treffen stattfinden, 70 Leute waren angereist. Polen, Ungarn, Slowaken, Rumänen, Deutsche und Serben – unter ihnen Boris. Der Tag fing gut an, wir sahen einander, grüßten einander, umarmten uns halb.

Bei meiner Präsentation suchte ich oft seinen Blick, fand ihn, und er schenkte mir sein sphinxhaftes Lächen.

Vielleicht hatte Boris es sich ja tatsächlich bei einem Löwenmenschen abgeschaut. Vor seiner journalistischen Laufbahn hatte er Archäologie studiert, in Belgrad, Schwerpunkt: Altes Ägypten. Er war an internationalen Ausgrabungen beteiligt, vor allem in Amarna, am Ostufer des Nils. Das einte uns, unsere eher sperrige universitäre Vergangenheit. Bei mir war es das Mittelalter. Beide trieb es uns von dort aus ins Nachtleben.

Dann war Boris an der Reihe. Dass er Angst hatte, vor Leuten zu sprechen, erfuhr ich erst im Nachhinein. Man sah es ihm kein bisschen an. Er machte seine üblichen Witze, alle lachten. Er machte einen Punkt, alle nickten. Und dann kippte er plötzlich um. Schräg nach hinten, mitten im Satz.

Panik, Fassungslosigkeit.

Er starb noch vor Ort – mit 39 Jahren.

Unmöglich, vollständig aufzuzählen, wofür er stand, was wir verloren haben. Die Frage wird jeder, der ihn kannte, vermutlich anders beantworten. Für mich war er vor allem auch ein Weltenbürger mit Herz für sein Land. Einer, der für den Gedanken brannte, Menschen zusammenzubringen, nicht zu zerschlagen. Die Vielfalt unseres Daseins zu feiern. Überhaupt zu feiern, zu leben – als sei's der letzte Tag der Welt.

Meine, unsere Gedanken sind in diesen Tagen bei jenen, die Boris näherstanden als wir, bei seinen Angehörigen, Freunden und Kollegen von Ringier Axel Springer und NOIZZ Serbien.

Wer sein Beileid bekunden möchte, kann dies in einem digitalen Kondolenzbuch tun.

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