Von der Mitte des Pop zum rechten Rand.

Rapper 3Plusss nimmt ungern ein Blatt vor den Mund. Auf Twitter spricht er daher deutliche Worte gegen seine Musikerkollegen: Chefket, Kontra K, MoTrip und Klotz. Grund: Sie kollaborieren mit Xavier Naidoo für dessen neues Album. Das findet 3Plusss höchst fragwürdig und wundert sich, dass hier niemand ein Problem mit "AFD-nahen Verschwörungstheorien" und "Reichsbürger-Ansichten" Naidoos hat. Den gesamten Tweet gibt's hier:

Daraufhin schwoll ein lautstarker Beef zwischen den Beteiligten an. Es gab ordentlich Vorwürfe und Zickereien. Das gesamte Gezanke haben die Kollegen von hiphop.de sehr schön zusammengefasst.

Was es bis zum Ende nicht gab, war eine Antwort auf die von 3Plusss gestellte Frage: Warum kollaboriert man mit einem Musiker, der immer wieder mit seiner nationalistischen und unmenschlichen Haltung Schlagzeilen macht?

Dabei ist das Verhalten von Chefket und Co. nicht neu: Xavier Naidoo fällt seit Beginn seiner Karriere mit höchst fragwürdigen Statements auf. Die Reaktionen von anderen Künstlern darauf sind meist jedoch kollektives Schweigen und Wegsehen. Schlimmer noch: Sie arbeiten weiterhin mit ihm zusammen.

Der TV-Sender VOX packt Naidoo weiterhin in gefühlt jede Sendung und veröffentlichte 2015 eine unkritische Doku über den Mann, der es angeblich geschafft hat, die Liebe zum Soul im gemeinen Deutschen zu wecken. Als Künstler, der immer wieder missverstanden wird, wurde er von VOX bezeichnet.

Seine Musikerkollegen sind, wenn's um Naidoo geht, komischerweise scheinbar auch auf dem rechten Auge blind. Der NDR wollte den Soul-Großmeister und -Leierkasten 2015 zum ESC schicken, woraufhin sich großer Widerstand regte. Die Kritik: Warum schicken wir jemanden, der offen europakritisch und demokratiefeindlich ist, zu einem Contest FÜR Europa? Naidoo durfte doch nicht mitmachen und Branchen-Genossen wie Til Schweiger, Mario Adorf, Tim Bendzko, Jan Delay, Andreas Gabalier, Jan Josef Liefers, Anna Loos, Tim Mälzer oder Die Prinzen setzten ihre Unterschrift FÜR Naidoo.

Der Grund: Sei ein ganz toller Typ, der Xavier. Fanden alle doof, dass der so kritisiert wurde. Das Ding ist: Kann ja sogar sein, dass Naidoo supernett ist. Und musikalisch ist er definitiv talentiert – seine vielen Hits und Erfolge sprechen Bände. Das macht seine Überzeugungen nur leider kein Stück besser. Zum ESC wäre Naidoo ja nicht gefahren, um nett zu sein, sondern um unser Land zu repräsentieren. Gut, dass er davon abgehalten wurde.

Nun fragt man sich allerdings: Warum regt sich immer nur kurz Kritik gegen ihn? Nach jedem Skandal ist ganz schnell wieder alles vergessen und Rapper wie Chefket machen auf guten Freund auf Naidoos neuer Platte. Wieso? Weil Naidoo Geld hat? Weil er Reichweite hat? Weil die Betroffenen nicht wissen, wofür Naidoo seine Stimme erhebt? Oder weil es ihnen – noch schlimmer – einfach egal ist?

Xavier Naidoo ist ein bekennender Rassist

Bereits 1999 ließ Naidoo in einem Interview mit dem "Musikexpress" verlauten, er sei Rassist. Er führte aus: "Ein Rassist ohne Ansehen der Hautfarbe. Ich bin nicht mehr Rassist, als jeder Japaner das auch ist." Was genau da jetzt die Japaner mit zu tun haben, wissen wir nicht so ganz genau. Aber die Aussage bleibt: Xavier Naidoo zieht seine Grenze da, wo es um Rasse und Herkunft geht. Mit Toleranz hat das nichts zu tun. In einem weiteren Statement des Interviews bringt er seine Ansicht deutlich auf den Punkt: "Bevor ich irgendwelchen Tieren oder Ausländern Gutes tue, agiere ich lieber für Mannheim." Harter Toback.

Xavier und die Reichsbürger

Obwohl die rassistische Aussage schon bitter aufstößt, sind Naidoos Sympathien für die sogenannten Reichsbüger noch viel schlimmer. Reichsbürger kann man, wenn man möchte, als durchgeknallte Aluhut-Träger abstempeln. Sie glauben an ihr eigenes Königreich, weigern sich Steuern zu zahlen und basteln sich gerne mal ihren eigenen Führerschein. Was ein bisschen klingt wie eine Mischung aus niedlich grenzdebil und hart realitätsfern, ist ganz und gar nicht harmlos: Reichsbürger glauben an die Landesgrenzen von 1937, das Ende des Zweiten Weltkrieges akzeptieren sie in seiner historischen Faktizität nicht. Sie denken, dass Deutschland immer noch von Alliierten regiert wird – beziehungsweise von Amerika ferngesteuert ist und knallen schon mal einen Polizisten ab.

Jap – alles ziemlich krudes Zeug. Ordnet sich aber herrlich einfach in die Systemkritik rechter Bewegungen ein. Kein Wunder, dass Reichsbürger dem rechten Spektrum zugeordnet werden. Auch wenn nicht jeder Reichsbürger automatisch rechts oder per se wahnsinnig ist – nur für's Protokoll.

Vor genau diesen Leuten stand Naidoo im Oktober 2014 und hielt eine kurze Rede, bevor er alles noch schlimmer machte und einen seiner Schmalzsongs ins Mikro trällerte. Einen Mitschnitt gibt es davon auf YouTube:

Schon in dem Video, aber auch hinterher, behauptete der Musiker steif und fest, er sei im Namen der Liebe dort gewesen. Nach seiner Kundgebung stellte er sich übrigens auch noch zu den Linksgesinnten, damit diese – wie er selbst sagte – nicht so böse mit ihm seien.

Letzten Endes ist es auch egal, wo er sich hinstellt. Es reicht schon aus, dass er vor Menschen tritt, die für Menschenfeindlichkeiten, Nationalismus und komplette Realitätsferne bekannt sind und dass er Dinge sagt, mit denen er sich deren Beifall sichert. Anschließend sagte er, er habe nicht gewusst, was dort für Menschen gewesen sein.

Nur leider nimmt man ihm diese gespielte Naivität nicht ab. Es ist unglaubwürdig, dass ein Medienprofi wie Naidoo sich zufällig, quasi auf seinem Spaziergang zur Liebe, auf einmal ein Mikro greift und irgendwas von dem Deutschland, wie er es sich vorstellt und vom Ordnungschaffen faselt.

Xavier und seine Songs

Naidoo hat sich nie offiziell zur AfD, zur NPD oder den Reichsbürgern bekannt. Das macht ihn aber nicht weniger konform mit deren Mentalität und Überzeugungen. Es reicht sich Naidoos Songtexte anzuhören, die strotzen vor Metaphorik und einschlägigem Vokabular. Vom Aufwachen, Auflehnen und Verarschen durch das System ist die Rede. Im Song "Raus aus dem Reichstag" macht er sich fit gegen "die da oben".

Eure neuen Lakaien greifen zu alten Methoden

Wo sind die Springer der BILD-Zeitung, ihr habt so kleine ***

Was macht Angela Merkel bei Elfriede Springer?

Ich schwöre euch, die beiden Damen drehen Wahlkampfdinger

Schlimmer wird's, als Naidoo anfängt von "Baron Totschild" zu singen und aussagt, dass "der Schmock" alle anderen verarscht. Ersteres in ein Verweis auf eine jüdische Bankiersfamilie. "Schmock" ist ein jiddisches Wort für Jude, das nicht nur positiv besetzt ist. Das klang für viele Medien nach Antisemitismus. Ein Vorwurf, der Naidoo bereits vor Gericht gemacht wurde. Naidoo wurde allerdings freigesprochen. Er darf nicht als Antisemit betitelt werden.

Xavier und die Marionetten

Den Vogel abgeschossen hat sein Song "Marionetten" von 2017, für den es zu Recht Kritik hagelte. Naidoo spricht darin unverblümt von Volksverrätern, Lügenpresse und Verschwörungstheorien. Sein Vokabular ist deckungsgleich mit dem der Montagsdemonstranten der Pegida. Er spricht etwa von Volksverrätern und dass der "wütende Bauer mit der Forke" sie verjagen wird. Nicht ohne Grund nannte die FAZ den Song "Reichsbürger-Hymne". Noch viel weniger wundert es, dass etwa das rechtspopulistische Magazin Compact den Song feierte: "'Marionetten' könnte zur Hymne der friedlichen Volksopposition werden", heißt es da. Friedlich, my ass bei rechten Populisten. Anklang findet Naidoo hier aber nicht ohne Grund.

Und dann wäre da noch die Zeile "Und etwas namens Pizza gibt's ja noch auf der Rechnung". Hat der Xavier seine Pizza in Mannheim noch nicht bezahlt? Hat er beim Texten einfach Hunger gehabt? Schuldet ihm jemand eine Pizza? Nope – schön wär's: Damit ist der sogenannte "Pizzagate" gemeint. Eine Verschwörungstheorie der eingangs erwähnten Aluhut-Träger und Amerikanischer Rechter, die glauben, Hillary Clinton hätte aus dem Keller einer Pizzeria einen Pädophilen-Ring geleitet. Dieser Quatsch wurde während ihres Wahlkampfs gegen Trump verbreitet. Naja, und dann eben auch von Naidoo in seinem Song.

Jan Böhmermann hat sich der Sache zwischendurch übrigens auch mal angenommen:

Naidoo tat bei all den Fragezeichen und der Kritik mal wieder naiv bis harmlos und kommt in einem Statement auf Facebook mit Kunstfreiheit daher und damit, dass er manches vielleicht ein bisschen zu harsch formuliert habe. Er wollte ja eigentlich nur auf gewisse Dinge hinweisen und habe deshalb das ein oder andere "bewusst überspitzt". Passiert – kennt jeder – da möchte man einfach nur mal ein bisschen Musik machen, mal eine "Zustandsbeschreibung gesellschaftlicher Strömungen" formulieren, und Zack: Kommen die von Pegida, von den Reichsbürgern und von den Nazis und finden den Song klasse. Da kann man ja als Künstler auch gar nichts für, oder? Oder? ODER????

Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Naidoo sagte zwar, er sei kein Nationalist, er sei für Freiheit, Demokratie und gegen Populismus und Hass. Nur leider stand er auf der erwähnten Demo auch freundschaftlich plauschend neben dem bekennenden Rechten Jürgen Elsässer, ist offenbar ganz gut verbandelt mit Rechtspopulist Rüdiger Klasen oder Verschwörungtheoretiker Jan Gaspard. Diskutierte er mit denen über Freiheit und Demokratie und verstehen wir ihn einfach nur falsch? Oder ist das auch Kunstfreiheit, der sich Naidoo bedient?! Waren das etwa auch Zufälle und Naidoo wusste gar nicht, wer da vor ihm stand? Er war doch nur wegen der Liebe dort.

Xavier Naidoo bewegt sich nicht in einer Grauzone

Es ist ziemlich eindeutig, wo Naidoo politisch zu finden ist. Jedenfalls nicht in einer Grauzone. Nur scheint das keiner sehen zu wollen. Oder aber: Der Erfolg des Musikers reicht aus, um kollektiv wegzuschauen. Fehlt hier die Fantasie? Fällt es VOX, Til Schweiger oder Kontra K so schwer, sich vorzustellen, dass ein dunkelhäutiger, nicht Ur-Deutscher auch Rassist sein kann? Dass er zwar nicht wirkt, nicht aussieht, wie ein strammer Nazi, es aber dennoch Schnittmengen gibt? Dass er nicht daherkommt, wie ein durchgeknallter Verschwörungstheoretiker, aber dennoch mit dessen Ansichten übereinstimmt?

Scheinbar ist es wahnsinnig schwer anzunehmen, dass jemand wie Xavier Naidoo, der ja so schöne, empfindsame Zeilen singt wie "[Sie] scheint wie ein Feuerwerk/ Vor einem Himmel ist es sie die ich bemerk'/ Ihrer Königlichkeit ist nur ein König wert/ Und ich bin wenig königlich" ("Sie sieht mich nicht", 1999) eben auch die andere Seite bedienen kann, und vor allem auch will.

Aber hier mal ein Reality-Check: Nur weil der Typ Soul macht und keinen Rechtsrock, heißt das nicht, dass alles cool ist. Nur weil Naidoo nett ist, heißt das nicht, dass man seine Aussagen nicht auch mal kritisch betrachten muss. Vor allem in unserer Gegenwart, in der die Gesellschaft immer weiter nach rechts rückt, die AfD immer stärker wird und in Europa wieder die braune Suppe brodelt. Wegschauen, nicht hinterfragen und so tun, als sei alles easy, ist keine Option mehr. Und wer hinter Naidoo steht, der formuliert damit sein eigenes politisches Statement.

Quelle: Noizz.de