Von ignorierten Regionen und wie die AfD das ausnutzten konnte, während wir einfach zugeschaut haben ...

Der Ausgang der Landtagswahl in Thüringen hat einen Riesen-Schlamassel hinterlassen. Nicht nur, dass es schier unmöglich geworden ist, eine stabile Regierungskoalition zu bilden. Umso beunruhigender ist, dass die AfD nach den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg erneut ein starkes Ergebnis abgeliefert hat. Mit rund 23,4 Prozent der Stimmen wurde sie hinter der Linken, die den aktuellen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow stellt, zweitstärkste Kraft. Grüne, CDU und SPD stürzten in der Wählergunst ab.

Hat die politische Mitte also versagt? Naja, zumindest sollte der krasse Wahlerfolg der rechtspopulistischen AfD in den nach 29 Jahren Wende nicht mehr ganz so "neuen Bundesländern" zu denken geben. Insbesondere, wenn man einen Blick auf die Altersstrukturen der Wählerschaft wirft.

Hätten nur die unter 45-Jährigen gewählt, die AfD wäre in Thüringen stärkste Kraft geworden

Das ist ziemlich krass, oder? Eigentlich sollte man davon ausgehen, dass je jünger der oder die Wahlberechtigte ist, desto offener ist sie oder er für Toleranz und eher linkspolitische Werte – nicht aber für Rechtspopulismus. Naja, da haben wir uns wohl getäuscht beziehungsweise von unseren Vorurteilen leiten lassen. Das ist ein Teil des Problems, wieso die AfD gerade auch in der jüngeren Bevölkerungsgruppe Stimmen gewinnen kann.

Ähnlich zeigte sich auch das Stimmverhalten in Sachsen und Brandenburg. Bei der jungen Wählerschaft lagen dort die Grünen und die AfD hoch im Kurs. In der Altersgruppe 18 bis 29 Jahren lagen sie sogar fast gleich auf, ab 30 Jahren hatte allerdings die AfD die höchsten Stimmanteile – mit deutlichem Abstand.

Ich bin selber 29 Jahre alt. Ich würde niemals auf die Idee kommen, mein Kreuz bei der AfD zu machen. Ihre rechtspopulistischen Ideen widersprechen meinem Bild von Demokratie, ihr Wahlprogramm will Toleranz und auch Meinungsfreiheiten einschränken – zumindest indirekt.

Da wären wir bei einem Punkt wieso diese Partei trotzdem für viele wählbar ist: Ihre Kommunikation ist einfach clever, sie kaschiert rechtes Gedankengut geschickt. Vor allem Björn Höckes Thüringer Landes-AfD ist darin ein Experte. Der ist so rechts, dass selbst AfD-Chef Meuthen ihn nicht so gerne im Bundesvorstand sehen würde. Das will was heißen .

Aber weiter im Text: Warum also haben trotzdem so viele junge Menschen für die AfD gestimmt bei der Landtagswahl in Thüringen? Sind die alle dumm oder eh schon alle Nazis? Es ist eine traurige Gewissheit, eigentlich hätte dieser Wahlausgang niemanden so richtig überraschen müssen. Ich will nicht verteidigen, dass jemand unter 45 sein Kreuzchen bei der AfD gemacht hat – aber es gibt Gründe dafür.

Und die hat eine Mehrheit des Landes viel zu lange missachtet und mindestens die vergangen 29 Jahre einfach nur so zugeschaut, was denn da passiert. Wenn wir diese strukturellen Probleme nicht langsam ernst nehmen, könnte uns ein ähnliches Debakel wie in Thüringen auch auf Bundesebene bevorstehen.

1. Grund: Die Nachwendekinder

Alleine dieser Wahlslogan der AfD hat mich so wütend gemacht, dass ich im Strahl hätte Kotzen können und ich mich fast schäme, das so etwas – 30 Jahre nachdem wirklich mutige BürgerInnen der DDR auf die Straße gegangen sind und sich friedlich für ein wiedervereintes Deutschland eingesetzt habe – überhaupt möglich ist.

"Wende_2.0" zierte jedes fucking einzelne Wahlmotiv der AfD in Sachsen, Brandenburg und Thüringen. Lass es mich mit Greta sagen:

Die AfD missbraucht den Wendebegriff ähnlich wie die Pegida-Bewegung in Dresden den Spruch "Wir sind das Volk". Das Problem dabei ist, dass sie damit genau den Nerv der Zeit treffen. Wer glaubt, dass wir nach 29 Jahren alle Probleme überwunden haben sollten und keinen Unterschied mehr zwischen Ost und West treffen sollten, vergesst es.

Zwar haben diejenigen, die nach 1989 geboren sind, zwar nicht mit den typischen Wendeproblemen, wie Arbeitslosigkeit oder den Verlust sozialer Strukturen aus der Kindheit direkt zu kämpfen, wohl aber mit den Folgen. Der Osten Deutschlands gehört, bis auf wenige Ballungszentren wie Berlin, Leipzig und Dresden, zu den wirtschaftsschwächsten Regionen der Republik.

Und damit einher geht auch eine mangelnde Infrastruktur. Im gesamten Gebiet der ehemaligen DDR gibt es nur wenige große Städte. Das öffentliche Nahverkerhsnetz lässt ebenfalls zu Wünschen übrig. Die Zugverbindungen im Regionalverkehr entsprechen zum Teil noch exakt dem DDR-Streckennetz. Und wir alle wissen, dass der sozialistische Staat nicht unbedingt mit dem krassesten Infrakstrukturnetz brillieren konnte.

Wäre ich als Jugendlicher in dieser Region groß geworden, ich hätte wohl auch irgendwann vor der Wahl gestanden: Bin ich jetzt auch einer von den Dorfnazis oder kassiere ich Schläge? Je nachdem wie gefestigt eine Persönlichkeit ist, wählt man eben Ersteres. Und wenn man groß geworden ist in einem Land, dass fast mein ganzes Leben lang entweder von der SPD oder CDU regiert wurde und es hat sich rein gar nichts für mich zum Positiven verändert – ich wäre doch doof, die weiter zu wählen, oder nicht?

Tja, jetzt sagt der kluge Wähler, dann könnte ich ja auch die Grünen oder aber auch die Linken wählen. Naja, aber da kommen wir zum nächsten Punkt.

2. Keinen interessiert es, außer die AfD

Stell dir vor, du lebst in einem thüringischen Dorf, indem nur eine einzige Buslinie einmal in eineinhalb Stunden zum nächst größeren Ort fährt. In deinem Ort gibt es nur noch eine Grundschule, zum nächsten Gymnasium musst du fast eine Stunde mit den Öffis pendeln. Es gibt Orte, da ist das wirklich Realität. Lässt sich eine SPD oder eine CDU in der ranzigen Dorfkneipe zu einer Wahlkampfveranstaltung blicken? Wohl eher nicht. Das kleine Dorf mit 540 Einwohnern wird schon nicht so ins Gewicht fallen.

Also gehen die großen etablierten Parteien lieber in die Städte: Erfurt, Jena, Weimar, Gera. Und wer geht in die Dörfer? Richtig, die AfD. Sie zeigt Präsenz und geht den Kontakt mit den Menschen ein.

Der Ort Paska in Thüringen ist so ein Beispiel. 63 Prozent haben dort die AfD gewählt. 107 Einwohner hat die Gemeinde, es gibt keinen einzigen Einkaufsladen und keinen Arzt. Mit recht einfachen Mitteln mobilisiert die AfD so Menschen.

Wenn dann am Wahlsonntag der Gang zur Urne bevorsteht, dann erinnert sich der ein oder andere lieber an die Partei, die sein Dorf besucht hat. Der nette Mann, der einem den Kugelschreiber gegeben hat und versichert hat: "Ich setze mich dafür ein, dass der Schnellbus auch hier halten wird! Und das Glasfaser-Internet, das werden wir auch ermöglichen!"

3. Kommunikation ist alles

Denn die AfD weiß, wie sie auftreten muss in der Öffentlichkeit, um nicht direkt als NPD 2.0 wahrgenommen zu werden. Ihre menschenverachtenden Formulierungen, die teilweise direkte Zitate aus der NS-Zitate sind, flechtet sie geschickt in einen Redeschwall ein, dem niemanden mehr richtig folgen kann. Da werden endlose Fakten aneinandergereiht und als Fazit einfach mal ein Knallerspruch als These rausgehauen.

Die Partei benutzt etwa den kollektiven "Volks"-Begriff sehr oft – sie will damit suggerieren, dass ihre Meinung die Masse mehr präsentiere als andere, die eben nicht den Volksbegriff benutzen. In den Bundesländern, die früher Teil der DDR waren, ist der Volksbegriff durch die Wendezeit noch aufgeladener. Er steht, auch für die junge Generation, für ein nicht eingehaltenes Versprechen nach Neustart und Aufbruch, dass sich etwas ändert.

Bisher hat sich das nicht bewahrheitet und damit spielt die AfD, sie verkauft sich als Heilbringer und holt die unter 45-Jährigen auch in ihrer Medienwelt ab: in Verschwörungsvideos auf YouTube, auf Facebook, in Facebook-Gruppen und auch auf Instagram. So spricht Höcke in einem Interview direkt nach der Thüringer Landtagswahl von "Manipulationen" bei der Briefwahl in Brandenburg und von "Merkelismus". Beweise und Belege liefert er für diese Behauptungen nicht.

Das ist zwar alles so einseitig plakativ, dass es kaum noch auszuhalten ist, aber in einer immer komplexer werdenden Gesellschaft, verlangen wir geradezu nach einfacheren Antworten. Die liefert die AfD, ohne Wenn und Aber.

4. Der Durchschnitts-AfD-Wähler ist männlich, jung und hat die Mittlere Reife

Es ist nicht so, dass AfD-Wähler einer bildungsschwachen Schicht angehören. Die Statistik der Wahl in Thüringen zeigt, der typische AfD-Wähler hat die Mittlere Reife als Schulabschluss. Sie trifft also die breite Masse. Das lässt sich zum Teil mit den bereits aufgezählten Argumenten erklären.

Die Statistik zeigt aber auch, dass gerade in der jungen Wählerschaft mehr Männer als Frauen die AfD wählen. Im Alter zwischen 18 und 24 Jahren kann die AfD bei Frauen 14 Prozent für sich verbuchen. Bei den Männern verdoppelt sich der Anteil auf 30 Prozent. Dafür kann es mehrere Gründe geben.

Zum einem befanden sich unter den 35 Kandidaten der AfD auf der Landesliste für den Thüringer Landtag nur fünf Frauen. Auf der Landesliste einer Partei werden die Kandidaten gerankt, die bei einem Wahlerfolg ihrer Partei neben den Direktmandaten entsprechend ihrer Anzahl an Abgeordnetensitzen in das Parlament einziehen. Je höher man auf der Liste steht, desto höher die Wahrscheinlichkeit im Landtag zu landen.

Das entspricht zwar einer Frauenquote von knapp 15 Prozent, in absoluten Zahlen ist dass allerdings wenig. Hinzu kommt, dass die AfD wie bereits erwähnt eine eher aggressive Rhetorik und Darstellung seiner selbst als "Opfer" bevorzugt. Hier als Beispiel Björn Höckes Rede nach den ersten Prognosen der AfD zur Wahl für den thüringischen Landtag. Höcke war der Spitzenkaniddat seiner Landespartei.

Da wird viel gebrüllt, proklamiert, dass gegen einen selber Hetze geführt wurde. Billige Stammtischparolen, die wieder das "wir" miteinbeziehen und paradoxerweise proklamieren, dass man selber die Demokratie sei. "Wir werden uns unser Land weiter zurückholen" – Drohgebärden, die wohl eher Männer beeinflussen, die von der Gesellschaft häufig noch immer vorgelebt werden, stark und Selbstbewusstsein zu müssen, koste es, was es wolle.

Will man in Zukunft nicht noch mehr "Höcke, Höcke, Höcke"-Chöre im Land hören, so sollte man vielleicht aufhören nur zu sagen, "Da läuft etwas falsch" oder "Wir müssen etwas tun", sondern auch einmal wirklich etwas tun.

Ich erinnere mich noch, als ich 2009 mein Abitur machte und alle aus meiner Heimat in NRW sich darüber austauschten, an welche Unis sie denn bald studieren werden. Fast alle gingen nach Düsseldorf, Münster, Köln oder Bochum. Als ich sagte, ich werde nach Leipzig ziehen, erntete ich verständnislose Blicke.

Was ich denn da wollen würde, da gibt es doch nichts und außerdem sind da doch echt viele Nazis, oder? Seht ihr und genau das ist eines der Probleme. Das eine Region abgeschottet wurde durch Stereotypen. Natürlich gibt es einen wahren Kern. Aber statt dagegen vorzugehen, hat man ihn Jahrzehntelang verstärkt.

Ein Fehler, den man nicht von heute auf morgen beseitigen kann. Wohl aber kann man diesen jungen Menschen, die sich da abgegrenzt fühlen, zeigen, dass sie eben doch nicht alleine sind.

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Quelle: Noizz.de