Wie sich jemand mit Migrationshintergrund fühlt, wenn Tausende "Merkel muss weg" skandieren.

Der Blick aus der S-Bahn an jeder Station, danach wer einsteigt und aussteigt. Der Blick durch den Bahnwagon, analysierend, ob man die politische Gesinnung an den Klamotten erkennen kann. Diesen Blick, der übrigens nicht funktioniert wie gedacht, habe ich mir antrainiert für Tage wie diese.

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Denn am Sonntag sind bei einer Demo der AfD circa 5000 Sympathisanten erschienen (NOIZZ berichtete). Sie skandierten Parolen wie „Völksverräter“, „Lügenpresse“ und „Merkel muss weg“. Ein AfD-Funktionär zitierte in einer Rede Worte von Björn Höcke, die AfD sei „die letzte evolutionäre Chance für unser Land“.

Damit ist „rassentheoretischer“ Bullshit der übelsten Sorte gemeint. Die AfD steht für ein Deutschland, ohne multiethnische Bevölkerung, ohne Migranten und ohne Flüchtlinge. Die Evolution wäre also gerettet, wenn dieses Szenario des „Urdeutschtums“ wieder einkehrt und es Menschen (wie mich) nicht geben würde.

Sie sprechen von einer Chance, die eine AfD sein kann. Das bedeutet jedoch, tausenden Menschen eine Chance zu verweigern – und das ist ihnen egal. Die Rhetorik schließt nicht nur Nicht-Deutsche aus, sondern alle Deutschen mit Migrationshintergrund – also auch die, die nach der ersten Generation folgen.

Die AfD schafft es, dass ich mich in meinem eigenen Land ängstige. Davor, dass mir Rechtspopulisten und Nazis mit Reichskriegsflaggen über dem Weg laufen. Davor, dass Neonazis mich auf dem Weg zur Demo beleidigen oder angreifen. Bei dem Gedanken, einen einzigen dieser Rechtsnationalen kriege ich Panik. Durch diese Leute fühle ich mich in Deutschland nicht mehr sicher – sodass ich sogar überlegt habe, mein Sonntagsdate zum Brunch abzusagen und lieber ganz zu Hause zu bleiben.

Das macht extrem wütend – ich sehe nicht „typisch deutsch“ aus – meine Haut ist dunkler, meine Haare sind voluminös und lockig, dennoch vertrete ich zehnmal mehr die ethischen Grundwerte einer liberalen Gesellschaft als diese AfDler.

Eine rechtsnationale Demo ist ein Schlag ins Gesicht für jeden mit Migrationshintergrund und für jeden, der sich oft mit Rassismus auseinandersetzen musste.

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Man könnte jetzt entgegnen, dass ich mich an Gegendemonstrationen beteiligen sollte. Doch bei dem Gedanken diesen Fahnenhissern direkt in die Augen zu sehen, wird mir leider immer noch übel.

Die einzigen, die mir dieses Gefühle nehmen konnten, waren die 25.000 Gegendemonstranten, die für eine tolerante und offene Welt demonstrieren, gegen Rassismus und Fremdenhass auf die Straße gehen und für Menschen wie mich einstehen.

Quelle: Noizz.de