Liebe Frau Mama Ronaldo, nein, Ihr Sohn Cristiano ist kein Superheld!

Genna-Luisa Thiele

Popkultur, Psycho
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Cristiano Ronaldo mit seiner Mutter Maria Foto: doloresaveiroofficial / Instagram

Ein offener Brief an die Mutter von Cristiano Ronaldo.

Maria Dolores dos Santos Aveiro, die Mama von Welt-Fußballer Cristinano Ronaldo, hat eine Superhelden-Kampagne auf Social-Media gestartet. Sie zeigt ihren Sohn im Superman-Kostüm, fordert Gerechtigkeit für ihren Cristiano und ruft seine Fans dazu auf, den Beitrag zu teilen.

Sie wehrt sich – für ihren Sohn – gegen die Vorwürfe der Vergewaltigung, die zwei Frauen gegenüber dem Spieler erhoben haben.

Ich denke nicht, dass Cristiano Ronaldo​ schuldig ist. Ich denke nicht, dass er unschuldig ist.

Ich weiß es nicht.

Das wissen nur die Beteiligten – er und die Frauen, die ihn anklagen.

Ich finde aber, dass die Superhelden-Kampagne der Mutter für ihren Sohn Cristiano zu diesem Zeitpunkt geschmacklos ist.

Denn sie war damals nicht dabei und kann nicht wissen, was passiert ist. Daher schreibe ich ihr hiermit.

„Sehr geehrte Frau Aveiro,

ich schreibe Ihnen von Frau zu Frau. Sie haben einen Sohn zur Welt gebracht, groß gezogen. Sie sehen Ihren Sohn, mittlerweile nicht mehr klein, sondern groß, regelmäßig im Fernsehen, wie er auf dem Rasen der Rolle eines Fußballgottes gerecht wird.

Die C7 ist sein Markenzeichen, seine Kennnummer.

Sie dürfen stolz sein, wegen der ausverkauften Stadien, in der Tausende Fans Ihrem Sohnemann als Spieler des Games zujubeln, wegen der sportlichen Ausnahmeleistung, die Ihr Sohn seit Jahren bringt.

Er hat fünf Auszeichnungen mit dem Titel Weltfußballer, jede Mannschaft, in der er Stürmer war, hat Ihr Spieler-Sohn durch sein Können bereichert.

Jetzt haben zwei Frauen Ihrem Sohn sexuelle Belästigung vorgeworfen. Ihr Sohn hat vor Gericht bereits ausgesagt. Denn das erste mutmaßliche Opfer ist bereits kurz nach dem mutmaßlichen Missbrauch zur Polizei gegangen – der Übergriff soll 2009 in einem Hotelzimmer in Las Vegas passiert sein.

Sie nannte nicht sofort seinen Namen, sprach von einem prominenten Sportler.

Recherchen des „Spiegel“ belegen, dass es dann Ihr Sohn war, der schnell ein Team aus Juristen auf das damals 25-jährige Model angesetzt hat.

Eine Einigung wurde gefunden.

Die Frau, die sagt, der Analsex in dieser Nacht vor acht Jahren war nicht freiwillig, hat von Ihrem prominenten Sportler-Sohn damals, 2010, 375.000 Dollar Schweigegeld gezahlt bekommen. Die Bedingung, die der Anwalt Ihres Sohnes in seinem Namen damals an sie stellte: Sie dürfe nie wieder über ihre Erfahrung sprechen und müsse ihre Kleidung aus der Nacht vernichten – die potenziellen Beweismittel.

Sie hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits freiwillig einer forensischen Untersuchung unterzogen. Der sogenannte „Rape Kit Test“ dient der DNA-Beweissicherung und ist als Beweis zur Belastung, aber auch Entlastung des Angeklagten zulässig.

Ihr Sohn wird in einem Dokument mit der Aussage vor Gericht zitiert: „Sie hat mehrfach Nein und Stopp gesagt“.

Ihr Sohn verdient umgerechnet rund 775.000 Euro die Woche, von seinem Gehalt hat er 375.000 Dollar an die Frau gezahlt, damit sie ihre Sicht der Nacht vergisst.

Ein Anwalt hat jetzt diese Einigung aufgehoben. Eine zweite Frau soll Vorwürfe gegen Ihren Sohn erheben.

Ihr Sohn streitet beides ab.

Ich möchte Sie erinnern: Ihr Sohn hat auch gesagt, er habe keine Steuern hinterzogen. Er hat das über einen längeren Zeitraum öffentlich vehement abgestritten.

Er hat es, laut Rechtsprechung, aber doch getan.

Damals zahlte Ihr Sohn 18,8 Millionen Euro Steuern nach, plus einer Geldstrafe von 2,9 Millionen Dollar. Ihr Saubermann hat sich in vier Steuerdelikten schuldig bekannt. Ihr Supermann ist vorbestraft. Das macht ihn natürlich NICHT zu einem Vergewaltiger. Es macht ihn aber sicher auch nicht zu einem Superhelden. Es macht ihn zu einem Steuerhinterzieher.

Es sollte Ihnen zeigen, dass auch Ihr Sohn mit dem Gesetz bricht, dass auch Ihr Sohn lügt. Dass auch Fußballgötter am Ende nur Menschen sind, die Falsches machen können.

Es gibt in jeder noch so guten Eltern-Kind-Beziehung Dinge, die man irgendwann eben nicht mehr teilt. In Ihrem Fall ist die Mutter-Sohn-Beziehung sehr eng.

Bis heute weiß hingegen niemand außer Ihrem Sohn, wer die Mutter Ihres ersten Enkels ist, Cristianos erster Sohn, Ronaldo Junior. Das sagt über Ronaldo nicht viel mehr aus, als das: Auch Ihr Cristiano hat Geheimnisse. Die Gründe dafür, warum er diese hütet, kennt nur er.

Stand heute, 11. Oktober 2018, ist Ihr Sohn Cristiano Ronaldo nicht schuldig. Ihr Sohn ist aber auch nicht sicher unschuldig. Nach jetzigem Stand ist nicht sicher, ob die Frauen mit ihren Vorwürfen die Wahrheit sagen. Nach jetzigem Stand ist aber auch nicht sicher, dass sie lügen.

Das heißt, dass Sie nicht wissen können, ob Ihr Sohn Heiliger oder Sünder ist – auch, wenn Sie nichts anderes glauben wollen, als dass er Ersteres ist.

Genau genommen wissen nur er selbst und die jeweiligen Frauen, was in den jeweiligen Nächten wirklich passiert ist: einvernehmlicher Sex oder sexueller Missbrauch.

Die Ermittlungen laufen. Es gibt noch keine Ergebnisse.

Aber, sehr geehrte Frau Mama Ronaldo, von Frau zu Frau möchte ich Sie fragen: Schämen Sie sich gar nicht?

Sie haben eine Art Anti-Schmutz-Kampagne für Ihren Sohn gestartet, obwohl Ihr Sohn ja, aus Ihrer Sicht, keinerlei Schmutz an den Sohlen seiner Stollen-Schuhe kleben haben kann.

Ich finde die Superhelden-Kampagne für Ihren Sohn Cristiano zu diesem Zeitpunkt geschmacklos. Sie können zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, was damals wirklich passiert ist.

Das müssen jetzt die Polizei und das Gericht entscheiden.

Ich finde auch, dass die sportlichen Höchst-Ausnahme-Leistungen Ihres Spieler-Sohnes in diesem Fall keine Rolle spielen sollten. Das sein Image auf dem Rasen weder für, noch gegen ihn spricht.

Ich meine, ich verstehe Sie schon.

Sie springen für Ihren Sohn in die Bresche, wie es eine Mutter macht. Niemand darf den Ruf Ihres Sohnemannes so ruinieren.

Das ist okay.

Das zeigt, dass Sie sich sicher sein müssen, ihn hinsichtlich seines Respekts gegenüber Frauen richtig erzogen zu haben.

Aber der Ruf Ihres Sohnes ist gar nicht ruiniert.

In Wahrheit wollen die Wenigsten auch nur darüber nachdenken, dass ihr Sport-Idol der Kindheit, ihr Vorbild der Jugend, ihr schönster Mann auf dem Spielfeld, der Vater von vier Kindern von drei Frauen, auch nur im Ansatz etwas Frauenverachtendes gemacht haben könnte.

Das ist verständlich.

Jeder Fan strauchelt damit, auch nur die Möglichkeit einer Schandtat wahrhaben zu wollen, dass das Ansehen ihrer Helden ankratzt.

Und dazu tragen Sie bei. Auf einem Facebook-Post, das Ihren Sohn in einem Superman-Anzug zeigt, schreiben Sie: „Ich möchte sehen, wer den Mut hat, dieses Foto für eine Woche in seinem Profil hochzuladen.“ Sie schreiben in Großbuchstaben: „FÜR PORTUGAL, FÜR IHN, FÜR UNS, FÜR DIE EINHEIT DER MENSCHEN.“

Warum wollen Sie gerade jetzt Ihren Sohn zum Superhelden machen?

Warum nicht 2015, nachdem eine Studie ergeben hat, dass Cristiano Ronaldo der wohltätigste Sportler der Welt ist? Warum nicht nach seiner fünften Weltfußballer-Auszeichnung? Warum nicht als Zeichen Ihres Stolzes nach einer vorbildlichen Aktion Ihres Ausnahme-Talents?

Cristiano Ronaldo ist Folgendes sicher: Super-Fußballer, Welt-Fußballer, Spieler des Spiels, wohltätigster Sportler, Profi-Sportler, Bruder, Vater, Sohn.

Ein Übermensch, ein Superheld ist er deswegen nicht.

Aber viel wichtiger: Nichts davon beweist seine Unschuld oder befreit Ihren Sohn davon, dass die Vorwürfe gegen ihn überprüft werden.“

Fußball spielen ≠ Freifahrtschein.

Quelle: Noizz.de

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