Ist der Film zu männlich? Finde ich Frauen biestiger? Oder soll das so? Noah Baumbachs Film bringt mich zum Grübeln – über Beziehungsbilder, Genderrollen und die Liebe.

Es ist wieder so weit, die Oscars 2020 stehen vor der Tür. Mit dabei im Rennen um den Goldjungen sind in diesem Jahr auch überraschend viele Produktionen des Streamingdienstes Netflix in den Topkategorien vertreten. Der Triumph von Alfonso Cuaróns eindringlichen Drama "Roma" im vergangenen Jahr, scheint bei der Academy wohl Wirkung gezeigt zu haben. Unter den diesjährigen Favoriten findet sich dann auch das Drama "Marriage Story" mit Scarlett Johansson und Adam Driver in den beiden Hauptrollen.

Darin wird eine Familie porträtiert, die trotz einer zerrütteten Ehe zusammenzuhalten versucht. Regisseur Charlie (Adam Driver) und Schauspielerin Nicole (Scarlett Johansson) waren zehn Jahre lang das Traumpaar der New Yorker Theaterszene, haben sich mittlerweile aber kaum mehr etwas zu sagen: Sie entscheiden sich, getrennte Wege zu gehen. Nicole möchte zurück zu ihrer Familie nach Los Angeles und will auch ihren Sohn Henry mitnehmen. Das kommt für Charlie, der fest in New York verwurzelt ist, kaum in Frage. Die eigentlich einfach geglaubte Trennung wird zu einer echten Zerreißprobe – mit allen Höhen und Tiefen.

Die traurig reale Geschichte ist gefärbt von Regisseur Noah Baumbachs eigener Scheidung und Erfahrung nach fünf Jahren Ehe mit Schauspielerin Jennifer Jason Leigh im Jahr 2010. Kritiker lobten den Drehbuchautor und Produzenten für seine schonungslose und realistische Darstellung, mit der er verdient mehrere Oscar-Nominierungen für seinen Film generieren konnte: "Bester Film", Adam Driver hat Hoffnungen als "Bester Hauptdarsteller", genauso Scarlett Johansson als "Beste Hauptdarstellerin", Randy Newman könnte für die "Beste Filmmusik" ausgezeichnet werden und Baumbach selbst für das "Beste Original-Drehbuch".

Falls du ihn noch nicht gesehen hast, hier gibt es einen Vorgeschmack auf den Film:

Es gibt nur wenige glückliche Momente in "Marriage Story", denn die Handlung setzt da ein, wo es anfängt wehzutun: Als die Beziehung von Nicole und Charlie bereits am Boden ist. Es sind Krisen wie diese im Leben, mit denen man sich eigentlich nicht so gerne auseinandersetzte. Vor allem ganz bestimmt dann nicht, wenn man die freie Wahl hat, welchen Film man sich auf Netflix zuhause denn nun anschauen soll.

Auch bei mir stand der Film lange auf der Watchlist, eigentlich seitdem er Anfang Dezember verfügbar ist. Der Film hat brillante Hauptdarsteller, der Trailer und die Ästhetik waren unglaublich schön, aber ich musste mich aufraffen, um mir freiwillig ein Scheidungsdrama zu geben, dem auseinandergehen einer Beziehung zuzuschauen. Erst Mitte Januar schaute ich ihn mir an, alleine, ohne den Menschen, den ich liebe und heiraten will an meiner Seite.

Wie seltsam wäre das denn dann erst geworden, das mit dem Menschen zu schauen, in den man glücklich verliebt ist? Denn auch Charlie und Nicole haben eine Liebesgeschichte hinter sich. Sie haben sogar einen gemeinsamen Sohn gezeugt. Und auch wenn ich den Film alleine geschaut habe, er hat genug Fragen und ein unwohles Gefühl hinterlassen.

Liebe ist desillusionierend

Szene aus "Marriage Story"
Foto: / Netflix

Als der Abspann endlich durchgelaufen war, hatte ich nur den einen Gedanken: "Wie sinnlos das alles doch ist." Wer Nicole und Charlies Scheitern zwei Stunden und 16 Minuten lang beiwohnt, scheint sich danach gewiss zu sein, dass Liebe eh nicht wirklich funktionieren und das Konzept der Ehe per se nicht gelingen kann. Egal wie gut die Ausgangsvoraussetzungen sind.

Und so saß ich also da, Netflix preiste mir schon den nächsten Filmtitel an und ich grübelte noch immer über "Marriage Story". Eigentlich ist es ja ein gutes Zeichen, wenn ein Streifen dich derart lange beschäftigt und das nicht nur auf einer intellektuellen, sondern einer persönlichen Ebene. Ich hinterfragte meine eigenen Dispositionen zum Thema Liebe, wie ich mich verhalten hätte. Dem anfänglichen "Wie sinnlos ist das denn?" folgte ein "Hättet ihr doch miteinander geredet".

Denn die versöhnliche Endsequenz, in der Charlie, Henry, Nicole und ihr neuer Lebenspartner gemeinsam eine Halloween-Party besuchen, zeigt, dass in beiden noch Liebe steckt. Als hätten sie sich einfach eher mal beide gegenseitig mehr zuhören müssen und beide aufeinander zu gehen können. Dann hätte ihre "Marriage Story" auch ganz anders verlaufen können. Ohne Anwaltsdrama. Vielleicht hätten dann beide aber auch nie geheiratet. Man wird es nie erfahren.

Vermutlich ist das auch genau die Intention des Films. Sie hinterlässt einen doch ratlos. Und je mehr ich weiter darüber nachdachte, desto mehr störte mich auch ein ganz bestimmter Unterton in dem Film, ich konnte lange aber nicht mal genau sagen, was es war. Fast jeder von uns hat sich schonmal über beide Ohren verknallt, jeder von uns hat wahrscheinlich schon mal eine Trennung durchgemacht. Und wenn man das Glück hatte oder hat, seinen vermeintlichen Seelenverwandten getroffen zu haben, mit dem man es wagt den Rest seines Lebens verbringen zu wollen, ist das natürlich auch irgendwie irrational.

Aber diese Verbindlichkeit ist irgendwie auch ein wahnsinnig tolles Gefühl. Eins das auch Angst macht, vor dem man Respekt hat. Zu sehen, wie das schief geht, ist nicht schön. Aber das ist nicht das einzige Irritierende für mich gewesen. Baumbach hat noch einige andere Stolpersteine eingebaut – und das wahrscheinlich mit voller Absicht. Damit ich mich irgendwie auch mies fühle. So wie Charlie am Ende wohl auch.

Es gibt immer zwei Seiten einer Geschichte.
Foto: / Netflix

Gibt es Gut und Böse bei einer Scheidung?

Wenn zwei Menschen, die einmal alles geteilt haben, sich entscheiden, doch auseinanderzugehen, neigt das Umfeld schnell dazu, Partei zu ergreifen. Genau das passiert auch bei Charlie und Nicole – Nicole hat ihre Familie in L.A. auf ihrer Seite und ihre neuen Freunde am Set einer Serie, die sie dreht. Charlie hingegen hat seine Theater-Crew in New York on his side. Und wir als Zuschauer? Wählen natürlich auch irgendwie die Seiten. Aber genau hier beginnt die Crux.

Es gibt ganz bestimmte Momente, Szenen in dem Film, an denen man beide Seiten voll und ganz verstehen kann. Wieso sie voneinander frustriert sind, wieso sie einfach kein Paar sein können. Beide, Charlie und Nicole, sind manchmal ganz schöne Arschlöcher. Wenn man sich trennt, verliert man immer die Kontrolle, es ist ein emotionaler Ausnahmezustand.

Zu Beginn etwa, als Nicole bei Nora im Anwaltsbüro sitzt, sie ihre Version der Geschichte erzählt, ist man voll und ganz bei ihr. Das Ganze kehrt sich langsam um, hin zu Charlies Seite. Vor allem dann, wenn er bei einer Aussprache mit seinem Anwalt sagt, er möchte, dass sein Sohn, weiß, dass er um ihn gekämpft hat. Dann aber benimmt sich auch Charlie wieder richtig daneben, ist geradezu grausam.

Und trotzdem erwische ich mich am Ende, wie ich ein Ticken mehr Team Charlie bin. Das liegt auch daran, dass der Film dazu tendiert, ein bisschen mehr aus der männlichen Perspektive erzählt zu werden, unterschwellig, ganz subtil, sodass man es als unaufmerksamer Zuschauer kaum bemerkt. Es ist zwar eine zarte, verletzliche Männlichkeit, die Baumbach uns hier präsentiert. Stellenweise wird sie aber eklig besitzergreifend. Ich meine: Hey, er hat seine Frau betrogen, ist fremd gegangen! Was soll der Scheiß?! Trotzdem tendiert man etwas mehr dazu, Charlies Motiven und Sicht der Trennung zu folgen.

Was ist typisch Frau, was ist typisch Mann?

Obwohl Nicoles Gründe und Wünsche nach mehr Selbstverwirklichung und freier Entfaltung total nachvollziehbar sind. Mit der Entscheidung Mutter zu werden und Teil von Charlies Theaterensemble zu bleiben, hat sich eine Menge aufgegeben, seien wir ehrlich: Dass ich trotzdem Nicole etwas blöder finde, liegt auch daran, wie Baumbach ihre Rolle angelegt hat. Immer wenn sie ihre Gefühle und Ängste äußert, wird sie fast anmaßend und reagier über-emotional. Sie ist harsch.

Das entspricht in seinen Grundzügen leider einem sehr gängigen Stereotyp unserer westlich-patriarchalisch geprägten Gesellschaft: Nicole ist die hysterische Frau. Baumbach versucht das auszugleichen, indem er sie in anderen Szenen dann doch als liebevolle Mutter inszeniert, die alleine leidet und im Bett weint. Aber ganz gelingt es ihm nicht.

Das ist umso problematischer in einer Ära, in der wir kritisieren, dass die Oscars vielleicht sowieso zu männlich geprägt sind – selbst wenn Baumbach damit in einer Art Metaebene, genau diese männliche Sicht der Dinge auch angreifbar macht. Damit wir unsere Sicht- und Denkweisen noch einmal überarbeiten. Die Charakteranlage mag vielleicht auch unterbewusst geschehen sein, weil sie eben so tief in unserer Gesellschaft verankert ist.

Am Ende ist "Marriage Story" ein wahnsinnig guter Film, weil er den Alltag in all seinen Facetten einfängt. Aber es ist auch ein gemeiner, herzzerreißender Film, wahrscheinlich so ambivalent, dass er gerade deswegen so stark nachwirkt. Würde man mich nach meinen Lieblingsfilm 2019 fragen, ich würde niemals antworten, "Marriage Story". Ich würde irgendeinen wohlfühligeren Film oder einen tragischen mit klarem Ende benennen. Nichtsdestotrotz ist es gerade das etwas, was diesen Oscar-Kandidaten so unglaublich stark macht.

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Quelle: Noiizz.de