Eigentlich wollte ich es richtig scheiße finden.

Ich liebe Trash-Reality-Shows. Als Kind habe ich während den Sommer-Ferien immer heimlich „Verklag mich doch!“ und „Die Versicherungsdetektive“ geschaut, heute fiebere ich zusammen mit allen Nadines dieser Welt mit um die letzte Rosen-Vergabe und schaue mir jedes peinliche, überdrehte GNTM-Finale an. Ist mir egal, was mein Abitur-Zeugnis von mir halten würde, wenn es mich so sehen würde.

Netflix ist für mich in diesem Sinne wie ein bodenloser Mülleimer voller Schätze wie „Project Runway“, „Ru Paul’s Drag Race“ und „Skin Wars“. Vor ein paar Tagen entdeckte ich dann „Tidying up with Marie Kondo“ und mein Trash-Herz erquickte entzückt.

Marie Kondo bringt ihren Schützlingen bei, wie sie unnötige Habseligkeiten aussortieren und einen ordentlichen Haushalt führen können. Jede Folge begleitet sie einen neuen Haushalt. Schon von der ersten Folge an war die Serie die perfekte Mischung zwischen nervigen kleinen Kindern, verzweifelten Monologen und unsympathischen Ehemännern. Bevor ich mich versah, hatten alle in meinem Umfeld die Serie gesehen – und wir feierten gemeinsam die kleine Marie, die mit einer freudigen Begeisterung in der Scheiße von anderen Menschen rumwühlt.

Wie viel steckt wirklich hinter der Aufräum-Methode?

Doch je mehr der Hype stieg, desto mehr hinterfragte ich die strahlende Marie. Dieses merkwürdige Rollen von Waschlappen und in Boxen stecken von jedem kleinen Gegenstand muss sich auf Dauer doch affig anfühlen. So, als ob man einen Selbsthilfe-Ratgeber etwas zu ernst nehmen würde. Ich dachte, man würde sich mit Marie Kondos Aufräum-Methode wie der komplette Streber anfühlen, und fremd im eigenen Haus. Ich dachte, dass ihre Methode vielleicht Sinn macht für ein zweistöckiges Familienhaus, aber nicht etwa für ein 15-Quadratmeter großes WG-Zimmer.

Der einzige Weg, um wirklich zu wissen, ob Marie Kondo nichts weiter als ein lügendes Promo-Girl ist, war der Selbstversuch. Ich wollte mein Zuhause nach Marie Kondo umgestalten.

Gedacht, gesagt, getan.

Ich war vorbereitet darauf, es unendlich scheiße zu finden. Ich wollte mein Maul darüber zerreißen, wie meine Klamotten wegen der dämlichen Faltmethode aus meinem Kleiderschrank fallen, wie mein Zimmer aussieht wie eine Poststation, weil alles in irgendwelchen Kisten steckt, und wie ich ausversehen meine gemütlichsten Omi-Schlüppis wegschmeißen würde, weil ich dachte, sie brächten mir keine Freude. Doch nachdem ich Schritt für Schritt die „KonMarie“-Methode zum Aufräumen ausprobierte, kam alles ganz anders. Aber fangen wir von vorne an.

Schritt #1: Begrüße deine Wohnung.

Um 22:00 ist es eigentlich schon viel zu spät, um noch an lebensverändernde Aufräumaktionen zu denken. Doch nach einer Handvoll „Marie Kondo“-Folgen fühle ich mich inspiriert und öffne die Tür zu meinem Zimmer. Nach einem kurzen Schulterblick, ob meine Mitbewohnerin mich auch wirklich nicht fragend beobachtet, was zur Hölle ich da eigentlich gerade mache, knie ich mich auf den Boden und lege meine Handflächen auf den kalten Linoleum-Boden. Ich schließe meine Augen und nehme mir ein paar Sekunden, um mein Zimmer zu begrüßen. Ich fühle mich bereit und versuche jeglichen aufsteigenden Missmut über die Unnötigkeit dieser Nacht-und-Nebel-Aktion zu verdrängen.

Schritt #2: Nehme alles aus deinem Schrank und schmeiße es auf dein Bett.

Klamotten aus meinem Kleiderschrank zerren und in einem unübersichtlichen Haufen auf meinem Bett zu türmen kann ich sehr gut. Ich denke an Marie Kondos Worte. „Werde dir bewusst von der Unmenge an Sachen, die du besitzt. Erst dieser Schock hilft dir, das Essenzielle vom Verzichtbaren zu unterscheiden.“ Ich sitze im Schneidersitz vor dem Stapel und warte auf den Schock. Er kommt nicht.

Schritt #3: Jedes Teil in die Hand nehmen und spüren, ob es dir Freude bringt.

Als ich dann den Stapel anfange auseinander zu nehmen, und innerhalb von ein paar Minuten schon das vierte schlichte, schwarze Shirt in der Hand halte und es mir noch immer genauso viel Freude, wie das Erste bringt, fange ich an mich zu fragen, ob ich wirklich so ein Opfer meiner Vorlieben bin oder ob meine Zweifel an Marie Kondo vielleicht berechtigt waren. Ich fange an, mich auf einen richtig geilen Rant zu freuen, in dem ich genau diese Anekdote benutzen würde, um zu zeigen, wie unrealistisch Marie Kondos Aufräum-Methode ist. Schnell macht sich jedoch eine andere, viel größere Freude in mir breit. Und zwar als ich meine Klamotten in Drittel falte.

Schritt #4: Ordne deine Klamotten nach der KonMarie-Faltmethode.

Im Prinzip besteht Marie Kondos Faltmethode daraus, T-Shirts und Hosen nach einem Prinzip von Dritteln zu falten. Schaust du ihr dabei auf Netflix zu, hältst du es womöglich für extrem überbewertet, deine Klamotten anders als gewöhnlich zu falten. Doch es ist überraschend beruhigend, alle meine T-Shirts nebeneinander in meinen Schrank zu legen und auf einen Blick sofort zu sehen, was ich eigentlich besitze. Vielleicht bin ich nur beeinflusst von Marie Kondos überzeugendem Lächeln, das mir vor meinem inneren Auge freudig zunickt, nachdem ich die dritte abermals schwarze Hose in saubere Drittel gefaltet habe. Nach einer knappen Stunde bin ich mit meinem Kleiderschrank fertig.

Ich nehme ein Schritt zurück und will eigentlich meinem Plan verfolgen, jetzt aufzuhören und morgen mit „Komono“, also Kleinkram weiterzumachen, doch mich packt eine Gewinnerlust. Ich will alles heute schaffen. Schon geht‘s weiter, jede Schuhbox wird vollgestopft mit Aufladekabeln, jeder herumliegende Vertrag gelocht und geordnet, jedes Handtuch gerollt. Um 2:00 Uhr morgens bin ich fertig und falle erschöpft in mein Bett.

Der nächste Morgen

Ein paar Stunden später klingelt mich mein Wecker aus dem Tiefschlaf. Als ich zur Seite rolle, um mein Handy zu checken, fällt mein Blick auf meinen Kleiderschrank. Ich bin erschlagen von der Ordnung. Von irgendwoher strahlt er eine Ruhe aus. Normalerweise ist mein Morgen ein unübersichtlicher Wirrwarr zwischen Badezimmer, Kleiderschrank und Tasche packen, doch heute Morgen wirkt alles größer, die Zeit wirkt langsamer, und meine Gedanken ruhiger.

Ich höre mich nicht gerne wie ein bekehrter Mönch an, aber ich muss leider zugeben, denn es stimmt wirklich: Marie Kondos Aufräum-Methode funktioniert. So gerne, wie ich einen Rant geschrieben hätte, es gibt nichts zu bemäkeln. Das Drittel-Falten funktioniert einfach, Freude in seinen Gegenständen zu finden ist im Endeffekt eigentlich ganz schön, und einen neuen Wert in seinen Habseligkeiten zu finden gibt dir das Gefühl, etwas Neues zu besitzen – obwohl du eigentlich eine ganze Menge weggeschmissen hast. Ob ich mich in zwei Wochen noch genauso fühlen werde, bezweifele ich natürlich. Aber meine neue Devise lautet: Nicht verzagen, Trash-TV fragen. Denn da lauern immer Antworten.

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Quelle: Noizz.de