Für Joko und Klaas hagelt es gerade Lob und Kritik zugleich: In einem 15-minütigen Beitrag hatten die Entertainer auf sexuelle Belästigung von Frauen aufmerksam gemacht und sich dabei Hilfe von prominenten Kolleginnen geholt. Leider wurden dabei aber nicht alle Frauen* berücksichtigt.

Vor wenigen Tagen haben Joko und Klaas mit einer ungewohnt gesellschaftskritischen Aktion für Aufsehen gesorgt. Innerhalb eines 15-minütigen Sendekonzepts, das zur Primetime auf dem Fernsehsender ProSieben ausgestrahlt wurde, überließen die beiden mehreren Frauen des öffentlichen Lebens die Bühne, damit diese über sexuelle Belästigung und Alltagssexismus aufklären.

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Dafür muss man die beiden Entertainer erst mal loben: Denn damit haben sie ein grundlegendes, gesellschaftliches Thema an ein großes Publikum gebracht, das wahrscheinlich nicht gerade zur Stockowski-Fangemeinde zählt. Immerhin sind die beiden DIE deutschen Entertainer schlechthin – und bringen eine weitaus größere, diversere Zielgruppe zusammen: Manch einer schaltet bei Joko und Klaas ein, weil ab und an eben Schmuckstücke, wie dieses politische Video dabei sind. Manche schalten wegen der Lach-Challenges ein – andere, um zuzusehen, wie Joko und Klaas auf die Sex-Messe Venus gehen, wo "peinliche" Situationen inszeniert werden. Und wieder andere schalten wegen der platten Witze ein – die nicht selten auf Kosten von Frauen gehen. Ich bin mir sicher, dass der ein oder andere Dick-Pic-Sender unter denen war, die diesen Beitrag gesehen haben.

Dass zwei Männer ihre Position nutzen und ihre Sendezeit an Frauen weitergeben, zeigt, dass die zwei den patriarchalen Zwiespalt sehen. Sie begehen glücklicherweise nicht den Fehler, selbst einfach über Sexismus zu sprechen und sie maßen sich auch nicht an, ihn nachzuempfinden. Doch so gut die Intentionen dieses wichtigen Beitrags waren – leider gibt es trotzdem berechtigte Kritik.

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Wo bleibt die Intersektionalität?

Und um gleich mal den Wind aus euren Segeln zu nehmen: Ja, man kann es "uns" nicht recht machen und "wir" werden nie zu Frieden sein, denn – nennen wir das Kind beim Namen – ich persönlich glaube nicht daran, dass ich irgendwann eine wirkliche Gleichstellung zwischen Mann*, Frau* und nichtbinären Menschen erleben werde. Und da sind wir auch schon bei Punkt eins der Kritik, die in der Bubble des intersektionalen Feminismus aufwallt: Der Beitrag gibt nur ein sehr heteronormatives Bild ab. Es wird leider kein Gegenentwurf Abseits von Mann und Frau mit einbezogen. Woran liegt das? Vielleicht sind wir gesellschaftlich einfach noch nicht so weit? Kann man den trans-feministischen Kampf wirklich nur als gesondertes Thema betrachten und noch nicht in einen generellen Kampf gegen sexuelle Belästigung eingliedern?

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Wahrscheinlich, denn dieser Kritikpunkt muss tatsächlich im Kontext des gesellschaftlichen Entwicklungsstandes Deutschlands gesehen werden: trans* Frauen kämpfen aktuell einen feministischen Kampf, der sich nicht nur gegen sexuelle Übergriffe und Belästigung richtet, sondern leider in erste Linie noch darin besteht, überhaupt um gesellschaftliche Anerkennung zu ringen. Hier die Probleme auf eine gleiche Stufe zu stellen, auch wenn es viele Überschneidungen der Tatbestände gibt, könnte anmaßend wirken. Ähnlich wie Sprüche wie "I don’t see race" die Intention haben, eine Weltoffenheit und antidiskriminierende Botschaft zu senden – und dabei gleichzeitig die Probleme und Diskriminierung von POCs nicht anerkennen.

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Auch nicht-weiße Frauen werden sexuell belästigt

Und damit wären wir beim nächsten Punkt der Kritik: Es wurden keine POCs einbezogen. Da die Protagonistinnen alle Personen des öffentlichen Lebens sind, weist diese Kritik auf ein viel grundlegenderes Problem hin, nämlich, dass es kaum POCs in unserem öffentlichen Leben und der deutschen Fernsehlandschaft gibt. Selbstverständlich sind auch nicht-weiße Frauen, von Sexismus, Catfishing und sexueller Belästigung und sogar Übergriffen betroffen. Man kann diese Nicht-Repräsentation ganz klar auf die generelle Nicht-Repräsentation der POC in Deutschlands Medienwelt begründen, denn bei den Protagonistinnen von #Männerwelten handelte es sich eben um Promis, die auch durch ihre eigene Öffentlichkeitswirkung und die damit einhergehende Autorität und Präsenz einfach schon eine Brücke zum Publikum schlagen.

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Das Problem mit "Terre des Femmes"

Den dramatischen Höhepunkt des Beitrags stellt eine Zusammenarbeit mit dem Verein "Terre des Femmes" dar. Es handelt sich um eine der größten feministischen Organisationen Deutschlands. Somit ist die Wahl für eine Kooperation durchaus begründet und auch offensichtlich. "Terre des Femmes" schon einige herausragende Aktionen angeleitet, wie jüngst die "Unhate Woman"-Kampagne gegen Sexismus im Deutschrap, die Menschen außerhalb der kritischen, feministischen Welt erreicht haben. Und: Es war unteranderem die unerbittliche Lobbyarbeit von TdF, die dazu führte, dass Vergewaltigung in der Ehe 1997 in Deutschland kriminalisiert wurde.

Doch "Terre des Femmes" steht schon seit vielen Jahren immer wieder in der Kritik – und das berechtigt. Denn die Organisation wählt in manchen Punkten leider eine recht konservative Haltung und steht für einen sehr einseitigen exklusiven Feminismus. Wiederholt gab es Vorfälle, bei denen sich "Terre des Femmes" islamfeindlich und transfeindlich zeigte.

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So wurde zum kürzlichen Verbot von Konversationstherapien mehrfach ein Zitat der zweiten Vorsitzenden von TdF geteilt, der klar queerphob war.

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Gegen Prostitution, ohne Rücksicht auf Verluste

Im Punkto Prostitution hat die Vereinigung eine diskriminierende Haltung gegenüber Sexarbeiter*innen. Deutlich wurde das zum Beispiel als sich die deutsche Organisation von der Schwester-Organisation "Terre des Femmes Schweiz" distanzierte. Im Vorfeld hatte der Schweizer Ableger, der 2003 gegründet wurde, gemeinsam mit der Schweizer Aidshilfe die Kampagne "Sexarbeit ist Arbeit – für die Rechte von Sexarbeitenden" ins Leben gerufen. TfD Deutschland hat sich daraufhin von der Schwesterorganisation getrennt, denn hier wird ein strikter Kurs gegen Prostitution gefahren: Es wird ein ausnahmsloses Verbot von Sexarbeit gefordert. Die berechtigte Kritik an dieser Haltung merkt an, dass das Gewerbe so in die Illegalität gedrängt wird und sich Sexarbeiter*innen so viel schlechter gegen Ausbeutung und Gewalt wehren können und der selbstbestimmte Teil damit weiterhin diffamiert wird.

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Der strikte Kurs gefiel auch Mitgliedern nicht – sie trennten sich von dem deutschen Verein und kritisierten in einem Offenen Brief das Verhalten von TdF.

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Entschleierung und Kampf gegen das Kopftuch von "Terre des Femmes"

Auch in Sachen Kopftuch, führt TdF einen sehr einseitigen eurozentristischen Kampf der Enthüllung, in dem partout nicht die Seite freiwilliger Kopftuchträger*innen gehört werden will. Auch hier wird lautstark ein Verbot gefordert. Und auch hier dasselbe Problem: Tatsächlichen Fällen des Zwanges wird so kein Einhalt geboten. Gerade bei diesem Thema wird immer wieder auf die im Vorstand von TdF sitzende, islamkritische Necla Kelek verwiesen. Als Türkin beruft sie sich regelmäßig auf ihre eigene Herkunft, um ihre Islamfeindlichkeit zu legitimieren. Tatsächlich ist sie damit ja nicht der erste scheinbare Widerspruch, man denke nur an die lesbische AfD-Politikerin Alice Weidel. Dass die "Entschleierung" schon im kolonialen Kontext ein Akt der Erniedrigung darstellte, wird dabei nicht erwähnt.

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Das Kopftuch-Thema ist nicht erst in den letzten Jahren zu einem aufschwellenden Instrument von rassistischem Handeln geworden, das unter dem Deckmantel von Feminismus stattfindet. Denn geschichtlich wird der Zusammenhang zwischen Kopftuch als Symbol der Rückschrittlichkeit erstmals im französischen Kolonialismus in Algerien 1900 gestellt. Dass hier im anti-imperialistischen Kampf das Kopftuch sogar ein Freiheitssymbol gegen die Kolonialherrschaft war, sind historische Zusammenhänge, die in der einseitigen Diskussion seitens "Terre des Femmes" nicht berücksichtigt werden.

Geflüchtete Frauen aus dem Camp Moria, die für ihre Rechte auf Lebos demonstrierten

Joko und Klaas, die zwei weißen Dudes, erklären Feminismus

In all dieser Kritik wird ganz sinnbildlich klar, dass es nicht nur ein Problem des Beitrages an sich ist. Der hat ja – trotz der Kritikpunkte – eine fantastische Wirkung gezeigt. Und zwar bei einem weiten Publikum, das sich sonst bestimmt in Teilen gegen Feminismus sperrt – solange er nicht von zwei weißen Kumpeltypen angeleiert wird, die sich bereits selbst die ein oder andere Eskapade in Sachen sexueller Belästigung leisteten.

Es ist darüber hinaus ein gesellschaftliches, mediales und leider auch ein innerfeministisches Problem. Denn noch immer ist der intersektionale feministische Kampf, der alle Betroffenen berücksichtigt, ein Kampf, der seine erste Barriere im feministischen, kritischen Kreis selbst findet.

Dass Joko und Klaas, bei allem Respekt, diesen Diskurs scheinbar nicht auf dem Schirm haben oder zumindest nicht berücksichtigen, ist das kaum verwunderlich – wenn es schon eine der größten feministischen Organisationen Deutschlands nicht schafft, diese Barrieren hinter sich zu lassen und trotz der fragwürdigen Haltung kaum an repräsentativer Kraft einbüßt.

Race, Class, Gender

Sowohl in der Sendung, als auch in dem exklusiven Feminismus seitens "Terre des Femmes" wird klar: Feminismus ist ein Thema, das zur sozialwissenschaftlichen Dreifaltigkeit gehört. Race, Class, Gender! Feminismus zu betreiben, der nicht mal eine Kategorie (Gender) dieser drei in Gänze abarbeitet und nur binäre Narrative aufbaut, ist leider immer unzulänglich und nicht hinreichend. Diese Pfeiler bedingen sich gegenseitig. Soziale Ungleichheit, Missbrauch, Sexismus und Rassismus manifestieren sich in allen drei Kategorien. Gut – diesen Mammut-Topos in einem 15-Minuten-Beitrag abzubauen, kommt einer Utopie gleich und liegt wohl auch nicht in der Kraft, der Superentertainer Joko und Klaas.

Doch damit wird eine unabdingbare Seite des Aktivismus wieder einmal unterschätzt. Die Kraft des Zusammenschlusses. Die Kraft der Unterstützung, der Repräsentation, das Gefühl, verstanden und unterstützt zu werden, nicht allein zu sein. Und deshalb ist es jedes Mal ein großes Versäumnis, wenn POCs nicht gezeigt werden, wenn Queerness keinen Raum findet, weil es "noch mal etwas ganz anderes ist" oder "die Diskussion sprengen würde". Wenn der Feminismus von Mädchen und Frauen, die ein Kopftuch tragen, nicht gesehen oder nicht respektiert wird. Wenn Sexarbeiterinnen ihre Entscheidungskraft abgesprochen wird und sie stigmatisiert und kriminalisiert werden. Feminismus ist kein Kampf auf einer Ebene, es ist eine Bewegung einer diskriminierten Nicht-Minderheit, die aus vielen Minderheiten zusammen kommt. Nur dadurch wird die Kraft gesammelt, etwas zu verändern.

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Note: Wir erachten trans* Frauen/ Frauen* in keinem Fall als weniger weiblich als Frauen ohne Gendersternchen. Innerhalb dieses Diskurses ist die Unterscheidung zwischen trans* Frau und Frau aber sinnvoll.

  • Quelle:
  • Noizz.de