Kann es jetzt bitte endlich okay sein, dass Männer Make-up tragen?

Juliane Reuther

Popkultur, Politik & Feminismus
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Cody Fern bei den AMAs 2018 trägt Make-Up. Foto: codyfern / Instagram

Das sollte auch nichts mit Sexualität zu tun haben.

Wenn man auf dem Land in Bayern aufwächst, lernt man ziemlich schnell, dass alles, was von der Norm abweicht, nicht akzeptiert wird. Sobald ein Mann sich etwas modischer kleidet oder – Gott bewahre – eine enge Jeans trägt, wird er von meinen Altersgenossen dort sofort als schwul abgestempelt.

Echte Männer tragen keine schönen Klamotten, keine „femininen Schnitte“ und schon gar kein Make-up! Pflegeprodukte sollen sowieso nur sporadisch genutzt werden und, wenn dann ist es auch nur okay, wenn die Verpackung in einem maskulinen Dunkelblau und Silber daher kommt und mit „For Men“ gekennzeichnet ist.

Dabei haben sich schon unter der Herrschaft von Sonnenkönig Ludwig XIV. Typen geschminkt und gepudert. Wenn es im 17. Jahrhundert okay war Make-up zu tragen, warum ist es dann im 21. Jahrhundert so verpönt dekorative Kosmetik zu verwenden?

Vielleicht fehlt es uns einfach nur an passenden männlichen Vorbildern, die Make-up für Männer in der öffentlichen Wahrnehmung endlich normalisieren. Eins davon könnte „American Horror Story“-Star Cody Fern sein.

Der australische Schauspieler ist mit rotem Lidschatten über den roten Teppich bei den „American Music Awards“ 2018 gelaufen – und sah dabei teuflisch gut aus. Codys Look sorgte im Netz sofort für viel Befürwortung und einem starken Ruf nach der Normalisierung von Schminke für Männer jeden Alters.

Dürfen nur Männer im Popzirkus sich schminken?

In der Musikbranche sind Kajal und Nagellack schon vor einigen Jahren angekommen. Doch neben subkulturellen Akteuren wie Glamrockern finden sich im Mainstream noch immer wenig Kerle, die ihre Persönlichkeit mit Make-up zum Ausdruck bringen. Und wenn, dann sind es merklich oft Männer, über deren Sexualität spekuliert wird.

Denn wenn ein Mann Schminke trägt, kann er ja gar nicht hetero sein. Make-up wird immer noch mit Homosexualität in Verbindung gebracht. So geschehen bei Johnny Depp, der durch seine Paraderolle als Jack Sparrow schwarzen Kajal für sich entdeckt hat. Dass diese Rolle allerdings in Teilen an Klischees über Homosexuelle erinnert, dürfte die Akzeptanz dieses Looks enorm gesteigert haben.

Matty Healy von The 1975 und seine Bandkollegen sind bekannt für ihre kreativen Make-up Looks. Von Vorurteilen lässt sich der britische Sänger wirklich überhaupt nicht zurückhalten. In dem Musikvideo zu „Love Me“ lässt Matty sogar einen Look wieder auferleben, den vor 10 Jahren wohl jedes Girl getragen hat: blauer Lidschatten und pinke Lippen.

Popstars haben aber eben auch schon immer den Luxus gehbat, ab einem gewissen Punkt in ihrer Karriere machen zu dürfen, was sie wollen.

Auch männliche Beauty-Gurus haben es mittlerweile geschafft, ein weites Unisexpublikum zu erreichen. Doch was mir noch immer fehlt, ist die Akzeptanz für den kleinen Mann. Denn selbst wenn einem Dutzende Kerle aus der kulturellen Landschaft einfallen, die Lidschatten oder „Guyliner“ tragen, ist diese Akzeptanz noch nicht im Alltag von Männern angekommen.

Das tolle an dekorativer Kosmetik ist ja eben, dass man sie jeden Tag benutzen kann - wenn man möchte. Make-up ist bei Frauen so normal, dass ich selbst mit Smokey Eyes und rotem Lippenstift auf die Arbeit kommen kann, ohne mit Kommentaren zu rechnen.

Es muss keine Filmrolle oder Musikvideodreh als Prämisse da sein, damit ich mich kreativ austoben kann. Bei unseren männlichen Kollegen sieht das dagegen noch immer anders aus.

Make-up ohne Geschlechter-Klischees

Das möchte jetzt unter anderem die Make-up-Marke „Fluide“ aus England ändern. Die Produkte des Beautyshops sind speziell non-binär gestaltet und werden an alle Geschlechter vermarktet.

„Fluide“ Creative Director Isabella Giancarlo erklärte gegenüber NOIZZ, warum ihrer Meinung nach geschminkte Männer weiterhin so stigmatisiert werden:

„Für eine lange Zeit wurde Make-up als Instrument eines veralteten, patriarchalen Schönheitsideals verwendet – Frauen haben Make-up getragen, um einen Beautystandard zu entsprechen. Make-up außerhalb dieses Paradigmas zu lokalisieren ist wahnsinnig befreiend und gibt Make-up die Möglichkeit alle Menschen zu empowern. Wenn wir uns von einem eingeschränkten Genderkonstrukt einengen lassen, kann Make-up als „entmannend“ wahrgenommen werden und Männer dafür bloßgestellt werden oder Schlimmeres.”

Selbst Kosmetikriese „Covergirl“ hat versucht dieses Problem anzugehen und hat mit YouTube-Star James Charles schon sein Zielpublikum auf junge Männer erweitert.

Hoffentlich fühlen sich Männer durch diese Kampagnen immer mehr bestätigt und trauen sich auch im Alltag so auf die Straße, wie sie wollen. Denn wenn Frauen Make-up lieben dürfen, dann dürfen das Männer schon lange.

Quelle: Noizz.de

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