Frischfleisch. Ein Niemand. Hoe. Girlfriend von. Was ist dir lieber?

Mit Prada-Sneakern an den Füßen, einer fetten Kette um den Hals und in einem sicherlich sehr teuren (und offensichtlich ultrabequemen) Jogginganzug sitzt sie da: Rapperin Loredana, wie der Boss, der sie ist – in ihrem ersten, langen Deutschrap-Interview mit "Hiphop.de"-Journalist Aria Nejati.

Die Schweizerin hat mit ihrem catchy Sound in den vergangenen Monaten ordentlich Welle gemacht – sogar einen MTV Music Award mit nach Hause genommen. Und: Die Newcomerin ist während ihres Karrierestarts zum ersten Mal Mama geworden. Abriss auf ganzer Linie.

Das Patriarchat hat dann aber doch ein Schlupfloch gefunden

Für ihre kommerziellen Verdienste und ihre Mutterschaft wird der 24-Jährigen aus allen Ecken applaudiert. Ein Paradebeispiel des Female Empowerments 2019 sozusagen. Das Patriarchat hat dann aber doch ein Schlupfloch gefunden, um die Selfmade-Woman nicht auf eine Stufe mit sich selbst zu stellen – spätestens seit ihrer Trennung von Ehemann und Rapper Mozzik bekommt die "Genick"-Interpretin das zu spüren, wie jetzt im Interview mit Aria klar wird. Na ja, und eigentlich auch schon davor. Aber von vorne:

>> Shirin David züchtet mit ihrem Einstieg ins Rap-Game eine neue Generation Boss-Bitches heran

Im "Hiphop.de"-Interview erinnert sich Loredana an ihre Zeit im Musikgeschäft an der Seite ihres Ex-Ehemanns: "Ich war immer froh darüber, wenn ich mit meinem Mann angetanzt bin, dann hatten die einen anderen Respekt. Die haben mich jetzt nicht anders begrüßt, aber es ging immer los mit ‘Hey Schwester’." Mittlerweile sei das anders: "Die [Rapper] geben sich Mühe, dich wirklich kennenzulernen." Mit "kennenlernen" ist offensichtlich "anbaggern" gemeint. Loredana sagt es nicht nur, man sieht es ihr förmlich an: Auf Anmachen hat sie keinen Bock. Sie fühlt sich als "Schwester", in diesem Fall also als die Frau an der Seite eines Mannes, viel wohler. Hört sich im ersten Augenblick nicht nach der emanzipierten Businessfrau an, die man bei Loredana vor Augen hat. Aber kann man ihr das verdenken? Nein. Wenn du als aufstrebende Künstlerin die Wahl hast zwischen "Frau von" und "Frischfleisch", wofür entscheidet man sich da? Jap, genau.

Wer sich jetzt denkt "Na ja, die ist halt wieder Single und sieht geil aus, klar kommen dann alle an", der möge jetzt unbedingt weiter lesen. Das Problem ist nämlich Folgendes: Dass Loredana als erwachsene Künstlerin überhaupt einen Ehemann als "Schutzschild" braucht, um sich unter anderen Männern wohl zu fühlen, um mit dem Respekt behandelt zu werden, der ihr lieb ist. (Frischfleisch-Respekt interessiert niemanden, der ernsthaft Karriere machen möchte.) Das sagt dann doch ziemlich viel aus. Und zwar über die Augenhöhe, auf der man sich da im Musikbusiness begegnet.

Davon kann auch R’n’B-Sängerin Jessie Reyez ein Lied singen: "Manchmal laufe ich mit zwei Männern an meiner Seite in eine Studio-Session rein, und die Männer, die wir da treffen, schütteln zwar die Hände meiner Begleiter – aber nicht meine. Sie beachten mich noch nicht einmal", berichtet sie kürzlich im NOIZZ-Interview.

>> Wie Sexismus in der Musik-Industrie wirklich aussieht: R'n'B-Star Jessie Reyez im NOIZZ-Interview

Frischfleisch? Ein Niemand? Hoe? Girlfriend von? Was ist dir lieber?

"Der Typ dachte, dass ich eines dieser Mädchen bin, die manche Männer sich als Begleitung mitnehmen – Hoes, Freundinnen, wie auch immer du sie nennen willst. Ich war da, um zu arbeiten", führt Jessie weiter aus. Frischfleisch? Ein Niemand? Hoe? Girlfriend von? Was ist dir lieber? Wie wäre es denn mal mit vollwertiger Künstlerin und Businessfrau? Ohne ein Geschlecht, das auf mögliche Fickbarkeit hindeutet oder einen Beziehungsstatus, der Respekt verschafft. Hängt der Stellenwert einer Musikerin heute immer noch an ihrer Beziehung zu einem Mann, fragt man sich da.

Eine wirklich traurige Bilanz, die man unter diese zwei Beispiele ziehen muss – und hier geht es allein um Handshakes. Wie weit die Diskriminierung in der Branche (und ja, nicht nur in dieser) reicht, würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen. Wer aber einen kleinen Einblick gewinnen möchte, dem lege ich die Erfahrungen von Rapperin Ebow ans Herz. Die erklärte uns nämlich kürzlich, sehr anschaulich anhand von Rapper Yung Hurn, wie Eigenheiten von Frauen im Musikbusiness sehr viel weniger akzeptiert werden, als Eigenheiten von Männern.

>> Ebow über Sexismus in der Musikbranche, Shirin David und Privilegien

Summa summarum

US-Pop-Sensation Charli XCX bringt es kürzlich in einem Tweet auf den Punkt, in dem sie von ihren Errungenschaften berichtet: "Wenn ich ein Mann wäre, würde ich als Gott gefeiert werden." Wäre Loredana ein Mann, auch sie würde als musikalischer Gott stilisiert werden. Ist sie aber nicht. Loredana ist ein Frau und mit ihrem Single-Status für viele anscheinend viel weniger als eine erfolgreiche Musikern: Sie ist Frischfleisch. So sehr Frischfleisch, dass sie sich in ihrem Interview mit Aria fast nostalgisch an die "behütete" an der Seite ihres Ex-Ehemanns zurückerinnert – der sie in Männerrunden legitimiert hat. Und das, liebe Freunde, kratzt doch verdächtig an internalisiertem Sexismus.

Hier kannst du dir das ganze "Hiphop.de"-Interview mit Loredana sehen:

Quelle: Noizz.de