Deutschrap hat eine neue Verkaufsformel entdeckt: Songs kopieren. Im ganzen Land werden seit Monaten internationale Hits auf Deutsch übersetzt, minimal abgeändert und als eigenes Produkt herausgebracht – ein Millionengeschäft. "Geh Dein Weg" von Loredana, Summer Cem und KC Rebell ist die neue Eisspitze, das Original "Say My Name" von Destiny's Child, ein Welthit Ende der 90er. Warum das Konzept "Songs kopieren" im Deutschrap so gut funktioniert.

Es begann mit einem Tweet des Twitter-Users Clo(rona)1444, in dem er ein aufgeblasenes Zitat von Rapper Eno – Deutschrap wär so krass und hätte Amerika gefickt, blabla – hinter einen Song von Eno schnitt, der eins zu eins von Travis Scott kopiert war. Mittlerweile gibt es aus dieser "Deutschrap ist fresher denn je"-Reihe über 60 weitere Tweets, die aufzeigen, dass in ganz Deutschland Künstler und Label übergreifend internationale Hits kopiert und auf Deutsch neu herausgebracht werden. Das muss man sich mal vorstellen: Eine komplette Musikbranche verkauft kopierte Songs. In Deutschland. Im Jahr 2020.

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Die Liste an Artists (und natürlich auch die Labels dahinter), die ihre eigene Karriere mit kopierten Songs anfüttern oder teils komplett darauf aufbauen, ist endlos: Eno, Summer Cem, Shirin David, Mero, Luciano, Gringo, Fler, Yung Hurn, Lil Lano, Badmomzjay, Aschkobar, Kontra K, Olexesh oder eben auch Loredana – man könnte ewig weiter Namen aufzählen.

Loredana, Summer Cem, KC Rebell: "Geh Dein Weg"/"Say My Name"

Die neue Krönung ist die Single "Geh Dein Weg" von KC Rebell, Summer Cem und Loredana, dessen Chorus ohne Kompromisse von Destiny's Childs Megahit "Say My Name" von 1999 übernommen wurde. Auf YouTube hat der Song fast 50 Prozent Disslikes, aber dennoch knapp drei Millionen Aufrufe nach drei Tagen. Man kann sich sicher fragen, wie lange deutsche Rap-Artists damit noch durchkommen, ohne dass ihnen ihre Fans die Treue kündigen. Man kann sich aber auch fragen, wieso die Nummer überhaupt so gut funktioniert.

Denn das ist doch ein Witz: Die erfolgreichste und größte deutsche Musikbranche der Gegenwart steigt auf einmal darauf um, keine eigenen Songs mehr zu schreiben, sondern erfolgreiche Hits der Welt zu kopieren – und kommt damit durch! Wie kann das sein?

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Rapper Eno, Sinnbild einer geldgeilen Szene, die sich ganze Karrieren auf dem Diebstahl internationaler Hits aufbaut.

Warum Deutschrap so anfällig für geklaute Hits ist

Wenn man die besagte Twitter-Reihe mal durchskippt, dann fällt schnell auf, dass die meisten der geklauten Originale in Deutschland nicht besonders bekannt sind, aber in ihren Ursprungsländern supererfolgreich waren: oft in Frankreich, England oder Ländern Südamerikas. Für deutsche Kommerz-Geier die perfekte Nische, denn die Melodien und Produktionen haben sich bereits als Hit herausgestellt, sind aber innerhalb unserer Landesgrenzen quasi ungehört. Die paar Fans, die das Original kennen sollten und nicht cool damit sind, fallen dabei nicht ins Gewicht. Kurz deutsche Zeitgeist-"Lyrik" rein geschrieben und zack, fertig ist die deutsche Nummer eins.

Es gibt aber noch einen zweiten Pool von Songs, die perfekt auf die deutsche Rap-Zielgruppe zugeschnitten sind: Lieder, die älter als 15 Jahre sind und damit zu einer Zeit veröffentlicht wurden, zu der die meisten Deutschrap-Hörer*innen noch gar nicht gelebt haben, maximal Babys oder Kleinkinder waren. Was unserer Generation durch Radio, Viva oder MTV in Leib und Seele geprintet wurde (zum Beispiel "Say My Name"), hören die Fans von KC Rebell, Summer Cem und Loredana vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben richtig bewusst.

Rechts zu sehen: Deutschrapper Luciano. Seine Single "Late Night" ist "Day and Night" von Kid Cudi und hat nach kaum zwei Monaten knapp 20 Millionen Streams auf Spotify.

Klar gibt es hier und da Ausnahmen, die zeigen, dass deutsche Rapfans selbst aktuelle Hits aus den USA nicht auf dem Schirm haben. Lächerlich, wie viel Erfolg Eno mit "Souvenir", seiner Kopie von Travis' "Goosebumps" hatte, oder Newcomerin Badmomzjay mit "Rollercoaster", ihrem Abklatsch von Doja Cats "Juicy Juicy".

Natürlich ist das kein Vorwurf an Deutschrapfans im Teenie-Alter. Alle Kritik geht an Labels und die Künstler*innen, die weder moralische, noch künstlerische Ansprüche an ihre Musik haben und das Alter und den Horizont ihrer Fans schamlos ausnutzen. Denn es wäre ja kein Problem, würden Eno und Co. ihre gestohlene Musik als "Cover" oder "Remix" markieren und publizieren. Tun sie aber nicht, sondern verarschen ihre Fans damit nach Strich und Faden.

  • Quelle:
  • Noizz.de