Dass Lana Del Rey nicht gerade als feministische Ikone gilt, ist nichts Neues. Ihre Lieder handeln von toxischen, devoten Beziehungen. Nun meldete sich die Sängerin deshalb zu Wort – und erntete nicht nur für ihre Worte selbst einen Shitstorm, sondern wurde gleichzeitig noch dem Rassismus bezichtigt. Die Debatte zeigt einmal mehr, wie wenig unbeschwert Frauen in der Popwelt auftreten können. Oder wundert sich jemand, wenn Bruno Mars "That's What I Like" singt?

Ich bin eine junge Frau und lebe im 21. Jahrhundert in Deutschland – eine sehr privilegierte Lebenssituation. Noch nie war unsere Gesellschaft so divers, noch nie hat es so viele interessiert, was uns, jahrelang als "schwächere Geschlecht" tituliert, durch den Kopf geht. Das haben wir in erster Linie der feministischen Bewegung seit Beginn des 20. Jahrhunderts zu verdanken, aber auch der Popkultur.

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Künstlerinnen wie Taylor Swift und Beyoncé haben gezeigt, dass Frauen sich im Popzirkus genauso gut wie Männer durchsetzen und ihr Ding ohne Kompromisse durchziehen können. Aber gilt das für alle? Nein, denn die Diskussion um einen aktuellen Instagram-Post von Lana Del Rey zeigt, dass das nicht wirklich so ist. Und dass die Rolle von Frauen in der Popkultur immer wieder begrenzt und in andere Kontexte gesetzt wird, als es eben bei Männern getan wird.

Was ist passiert?

Lana Del Rey heißt eigentlich Elizabeth Woolridge Gran, ist 35 Jahre alt und eroberte die Popwelt 2011 mit ihrer verschlafenen Ballade "Video Games". Seitdem ist ihr Image eigentlich klar: Ziemlich retro, ein bisschen devot, mit poetischen Texten und einem sexy Schlafzimmerblick, der wahrscheinlich so manch fragwürdige Männerfantasie befriedigt. Sie singt über toxische Beziehungen, aus denen sie nicht ausbrechen kann, weil sie nun mal verknallt ist. Daraus macht Lana keinen Hehl. Viele Frauen verärgert diese Einstellung aber. Kein Wunder also, dass sie schon oft als Anti-Feministin kritisiert, gar verunglimpft wurde.

Sich das ständig als Künstlerin anhören zu müssen, ist – ganz wertfrei – hart. Also schrieb Lana kürzlich ein langes Statement, dass sie auf Instagram veröffentlichte, indem sie sagt: "Ich bin nicht nicht Feministin – aber auch im Feminismus muss es einen Platz für Frauen geben, die wie ich aussehen oder handeln. Die Sorte Frau die Nein sagt, aber Männer Ja hören lässt [...] Denen ihre eigenen Geschichten und Stimmen von stärkeren Frauen und von Männern, die Frauen hassen, weggenommen werden." Sie schreibt, sie fände es unfair, ihren Songs dadurch den Kunstcharakter abzusprechen oder sie als schlecht anzusehen. Ihre Argumentation schließt sie mit dem Gedanken: "Da Doja Cat, Ariana [Grande, Anm. d. Red.], Camila [Cabello, Anm. d. Red.], Cardi B., Kehlani, Nicki Minaj und Beyoncé mit Songs über's Sexy-sein, Keine-Kleidung-tragen, Ficken und Betrügen auf Nummer eins gelandet sind", könne sie auch weiter darüber singen, wie man sich schön fühlen könne, auch wenn die Beziehung nicht perfekt sei.

Das wiederum sorgt für neuen Zündstoff. Nun war Lana nicht mehr nur die Anti-Feministin, sondern auch die Rassistin. Denn in ihren Beispielen nennt sie – abgesehen von Ariana Grande – nur Women of Color. Ihr wird vorgeworfen, dass sie diese verunglimpfe, indem sie sagt, diese Künstlerinnen würden nur über ihre Emanzipation als freiwilliges Sexobjekt für Männer singen und müssten dafür keine Kritik einstecken. Was so natürlich auch nicht stimmt, aber dazu kommen wir noch. Vielmehr offenbart die Diskussion um Lanas Post ein ganz anderes Problem in unserer Gesellschaft. Nämlich wie wir Frauen immer wieder einem Idealbild zuschreiben wollen.

Ist Lana Del Rey wirklich rassistisch oder geht es hier um ein ganz anderes Problem?

Wie eingangs erwähnt, leben wir modernen, jungen Frauen in ziemlich angenehmen Zeiten. Vor 40, 50 Jahren wäre ich schon längst verheiratet gewesen und hätte wahrscheinlich zwei Kinder, egal ob ich da jetzt wirklich Bock drauf hätte oder nicht. Die Freiheit, dass es heute anders ist, haben wir uns hart erarbeitet und das ist cool. Gleichzeitig gehen wir aber davon aus, dass jede Frau, die popkulturell aktiv ist, auch automatisch eine Feministin sein muss.

Was das bedeutet, hat Taylor Swift im Laufe ihrer Karriere sehr lange zu spüren bekommen. Erst als sie sich mit einem Song wie "The Man" eindeutig positionierte, wurde sie von der gesamten coolen Popkultur-Familie aufgenommen. Davor war sie als hoffnungslose, süße Romantikerin verschrien. Und nun muss man sich gleich viel weniger schämen, ihre Musik zu hören und zu mögen. Obwohl Songs wie "Shake it Off" bereits wahre Emanzipationshymnen waren.

Aber es ist nun mal so: Nicht jede ist eine coole Aktivistin, nicht jede Frau kann und will immerzu stark sein. Auch das ist ihr gutes Recht. Ein sehr weißes und sehr heteronormatives Frauenbild zu verkörpern, so wie es Lana Del Rey tut, ist nicht woke – aber es ist in ihrem Fall authentisch.

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Auch ich shake meinen Bootie gerne mal zu Cardi Bs "I Like It", weil es badass ist, so gegen alles, was man sonst von einer Frau denkt. Aber lebe ich dieses Leben? Nein. Ich bin irgendwo zwischen Lana, Tay Tay, Cardi und Beyoncé. Und das ist schließlich schon immer etwas, das Kunst konnte: Einen Einblick in andere Welten geben, zeigen, was abseits von deinem Tellerrand passiert. Das macht Lana Del Rey genauso wie Beyoncé. Auch wenn ich vielleicht nicht so gerne in einer verzwickten, toxischen Romanze wie Lana stecken würde. Aber genau das passiert auch Tausenden Frauen auf diesem Planeten, vielleicht sogar deiner besten Freundin. Und viele sind sich dessen nicht mal bewusst.

Wenn es Lanas Beitrag dann ist, wenigstens darauf aufmerksam zu machen, danke! Ihre Songs, so problematisch ihre Inhalte natürlich sind, offenbaren Schwachstellen in unserer Gesellschaft, die aus Lanas Blickwinkel natürlich sehr weiß und heteronormativ sind. Auch wenn das natürlich per se die Sache nicht feministischer oder besser macht, ist es ihre Perspektive.

Wenn du "Ultraviolence" nicht einfach achtlos im Radio laufen lässt, sondern mit trällerst, merkst du doch auch den Kontrast zwischen verliebt-romantischer Lyrik des Textes und der ziemlich depressiv-melancholischen Melodie. Lana Del Reys Songs sind ein ambivalenter Struggle, den sie genauso wenig auflösen kann, wie die Gesellschaft. Aber es ist ihr Leben – und es ist authentisch. Und sie ist bei Weitem nicht die erste Künstlerin, die damit zu kämpfen hat.

Wenn man Lana Del Rey dafür kritisiert, dass sie ein verstaubtes Rollenbild einer Frau, das sexy unterwürfige Pin-up-Girl verkörpert, dann ist da natürlich etwas dran, das streitet sie in ihrem Instagram-Post auch keinesfalls ab.

Und wie sieht es auf der anderen Seite bei Queen B, Cardi und Nicki aus?

Dass Lana Del Rey in ihrem Text auf Insta auf Beispiele zurückgreift, die sich in einem Balanceakt zwischen kulturellem Empowerment und problematisch-sexistischen Inhalten befinden, kann man natürlich nicht außer Acht lassen. Genauso, wie ich hinterfrage, warum Lana so gerne darüber singt, sich von anderen emotional missbrauchen zu lassen, könnte ich auch hinterfragen, warum die meisten der heutzutage sehr erfolgreichen Künstlerinnen so gerne darüber singen, dass sie sehr promiskuitiv unterwegs sind.

Das macht ein Statement über Genderfragen und Musik nicht gleich zu einem Statement über Rassismus und Musik. Denn es ist nun mal Fakt – und auch sehr cool – dass die weibliche Popwelt im Moment vor allem von Woman of Color dominiert wird. Nicht zuletzt deswegen hat Lana sie auch als Beispiel gewählt: Weil sie ihre Musik gerne mag und sie gerade sehr erfolgreich sind und somit auch unsere Mainstreamkultur widerspiegeln.

Auf der anderen Seite: Was wäre passiert, wenn Lana ausschließlich weiße Künstlerinnen genannt hätte, wie etwa Miley Cyrus oder Iggy Azalea? Dann hätte sie sich eventuell anhören dürfen, keine diversen Beispiele zu liefern. Das ist die Krux: Wenn du Beispiele gibst und etwas sagst, machst du dich automatisch angreifbar. Auch Beyoncé, Nicki Minaj und Co. mussten sich im Laufe ihrer Karriere sehr viel Kritik anhören, für das Frauenbild, dass sie in ihren Songs zelebrieren und sich manchmal bewusst übersexualisiert inszenieren – um eben auch hier zu zeigen: Diese Seite des Lebens existiert auch. Wenn Cardi B. sich in "Bodak Yellow" als "hoe" berappt, ist das nicht minder problematisch.

Von den Problemen dieses Spagats können auch Frauen im Deutschrap ein Lied singen. Denn bei vielen Rapperinnen paart sich erstaunlicherweise Lanas devote Sichtweise mit der feministisch-selbstbewussten Seite – ein Paradox, das eigentlich keiner schlüssig auflösen kann. Wenigstens werden im Deutsch-Rap-Game inzwischen auch oft genug die Männer für ihre gewaltverherrlichenden und frauenfeindlichen Lines kritisiert. Ganz anders geht es da im Pop-Business zu.

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Mit solchen Debatten haben sich Männer in der Popwelt nämlich eher nicht rumzuschlagen. Oder fällt dir gerade ein Beispiel aus dem Stegreif ein? Selbst Robin Thicke durfte sich wegen seine ultra-sexistischen Musikvideos zu "Blurred Lines" zwar einige Kommentare anhören. Ein Infragestellen seiner Kredibilität als Popmusiker oder aber gar als ehrenwerter Mann, musste er nicht befürchten. Pharrell, der den Song mitproduziert hat, kam von alleine drauf, dass das doch irgendwie nicht so cool war. Und wurde für diese späte Einsicht, einige Jahre danach, auch noch über den grünen Klee gelobt. Und das passierte alles im Jahr 2013, also gar nicht mal so lange her.

Der von uns allen sehr geschätzte Bruno Mars hat auf seinem 2016 erschienenen Album "24K Magic" einen Song mit dem Titel "That's What I Like" – indem er eine Frau quasi dazu anleitet, was ihm alles gefällt und was sie bitte tun kann, damit er befriedigt ist. Hier wird Unterwürfigkeit einer Frau von einem Mann quasi gefordert. Hat irgendjemand damals breit darüber diskutiert? Nö. Stattdessen wurde Bruno für seine witzige, sexy, charmante Art in dem Song gehypet. Was daran genau absurd ist, muss ich hoffentlich niemandem weiter erklären.

Genauso verkehrt, wie es ist, dass Lana es falsch findet, dass die von ihr genannten Kolleginnen eher ihre selbstbestimmte promiskuitive Seite raushängen lassen und damit nur einen Teil der Gesellschaft repräsentieren, ist es falsch, ja gar absurd, dass wir Männer in der Popwelt für die gleichen Muster nicht kritisieren.

Womöglich ist es endlich mal wieder an der Zeit, dass wir Lernen nicht alles nur in "Entweder-Oder"-Kategorien zu sehen oder zu denken. Unsere Welt ist vielseitig, es gibt viele Zwischentöne, die man aushandeln kann. Es gibt Dinge, die sind eindeutig falsch. Aber Menschen, die nicht in ein glorifiziertes Wokenesss-Idealbild passen einfach von vornherein zu diffamieren und wegzustoßen, ist doch genauso falsch.

Quelle: Noizz.de