Der Mensch wird immer am längeren Hebel sitzen.

"Künstliche Intelligenz" (KI) ist so ein Begriff, der von apokalyptischen Dystopien à la "Matrix", über selbst fahrende Autos, bis hin zu Traffic optimierenden Algorithmen von Facebook und Co. schwankt. Das auch "Artifizielle Intelligenz" (AI) genannte Teilgebiet der Informatik befasst sich mit maschinellem Lernen und maschineller Intelligenz. Obwohl der Begriff total ungenau und dehnbar ist – ab wenn spricht man denn von KI? – wird er in der Wissenschaft verwendet und bietet Forschern, Technik-Freaks und normalen Bürgern sowohl Stoff für angsteinflößende Horrorszenarien in der Zukunft als auch für Träume von einem Paradies auf Erden, das uns Menschen durch superintelligente Maschinen ermöglicht wird.

Ein Wort, das bei diesen Horrorszenarien immer wieder auftaucht, ist die "Singularität". Gemeint ist der Punkt, an dem Maschinen intelligenter als der Mensch werden, ein Eigenleben entwickeln und infolge die Macht übernehmen und den Menschen unterwerfen. Seit Jahrzehnten kündigen (Möchtegern-) Forscher die Singularität an und es gibt unzählige Modelle, die veranschaulichen, wie das vonstatten gehen soll.

Nach Journalist und KI-Experte Andrian Kreye sind diese Ideen purer Bullshit. Im Gespräch beim Wissens-Podcast "Das Thema" von der "Süddeutschen Zeitung" nimmt er die Singularität nach Strich und Faden auseinander und erklärt, warum wir eine Machtübernahme durch Maschinen niemals befürchten müssen.

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Der Podcast "Das Thema" der "Süddeutschen Zeitung" widmet sich einmal wöchentlich der Erläuterung eines zeitgemäßen Themas. Im Gespräch mit Experten wird innerhalb von je 30 Minuten ein kompetenter und profunder Einblick gegeben. Im November 2019 ging es um die Frage, "Wie künstliche Intelligenz unser Leben verändern wird." Gast und Experte der Folge ist Andrian Kreye, der als Journalist für den Feuilleton der Süddeutschen verantwortlich ist und sich im Laufe seiner Karriere intensiv mit KI beschäftigt hat, wofür er 2019 mit dem "Theodor-Wolff-Preis" ausgezeichnet wurde.

Die Singularität – das Ende der Menschheit?

Im Podcast reden die beiden nicht nur darüber, wie weit KI heute schon in unserem Leben verankert ist, sondern klappern auch verschiedene Prognosen von Singularität ab – die Kreye durchweg für Märchengeschichten hält. Hier sind seine vier Argumente gegen Singularität, mit denen er klar macht, warum diese niemals eintreten wird, egal, ob es um übermenschliche Super-IQs von 5.000 oder apokalyptische Dystopien geht.

1 – Die Singularität scheitert, weil sie ein religiöses Konzept ist

Für Krey ist allein die Idee der Singularität problematisch, weil sie religiöse Motive enthält und damit schon im Ansatz wirklichkeitsfremd ist und nicht einer sachlichen Suche nach Wahrheit entspringt. Als Konzept, das eher an einer guten Geschichte interessiert ist, als an wissenschaftlicher Einschätzung, macht es von Grund auf keinen Sinn, sie als realistische Zukunft in Betracht zu ziehen.

2 – Die Singularität scheitert an Naturgesetzen

Kreye beschreibt, dass viele Konzepte der Singularität an physikalischen und chemischen Naturgesetzen scheitern. Zum Beispiel das "Mooresche Gesetz", eine These, nach der sich die Komplexität von Computerchips alle paar Monate verdoppelt, beziehungsweise die Kosten und die Größe der Chips alle paar Monate halbiert – ein Prinzip, das irgendwann in die Singularität münden könnte? Die These gilt heute als widerlegt und das liegt unter anderem daran, dass die Chips schmelzen würden, sollten sie noch kleiner werden.

3 – Die Singularität scheitert am Energieverbrauch

Das menschliche Gehirn ist unfassbar komplex und konnte bis heute nicht ansatzweise technisch reproduziert werden. Für eine Singularität wären unendlich komplexere Computer notwendig. Kreye zeigt, dass es hier schon am Energieverbrauch und den damit einhergehenden Kosten scheitern würde. Denn: Allein eine Software vom Umfang des menschlichen Gehirns würde in den USA eine jährliche Stromrechnung von einer Milliarde Dollar drucken. Was würde erst ein Computer kosten, der unbeschreiblich leistungsstärker und komplexer ist, und was würde der an Strom verbrauchen?

4 – Die Singularität scheitert am Bewusstsein

Nach Kreye haben führende internationale Forscher gezeigt, dass eine KI kein Bewusstsein entwickeln kann. Nur durch ein Bewusstsein kann aus einer Intelligenz eine menschliche Intelligenz werden. Ansonsten ist sie immer dazu verdammt, im Rahmen ihrer Programmierung zu existieren. Kein Bewusstsein, kein selbstbestimmtes Handeln, oder auch: kein maschinelles Bewusstsein, keine Singularität.

Alles in allem folgert Kreye, reden wir bei der Singularität über "eine Zukunft, die es nie geben wird."

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Quelle: Noizz.de