Sie personifiziert die politische Situation ihrer Partei in Perfektion. Alt, überholt, am Sterben.

In einem fernen Land, wo Politiker sich als Narren verkleiden, sich über Minderheiten lustig machen und dafür noch tosenden Beifall ernten, regiert eine Königin in spe namens Annegret Kramp-Karrenbauer. Sie ist Anwärterin auf den höchsten Posten in ihrem Land. Den Posten der Bundeskanzlerin. Dieses Land heißt Deutschland.

Fern ist das Land leider gar nicht, und ein Märchen oder nur eine Geschichte ist es auch nicht. Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer witzelte vergangene Woche in einer Fastnachtsrede in Baden-Württemberg über Intersexuelle. Die 56-Jährige sprach vermeintlich witzig über Toiletten für das dritte Geschlecht und verweichlichte Männer.

„Wer war denn von euch vor Kurzem mal in Berlin? Da seht ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen“, skandierte sie unter tosendem Beifall. Und weiter: „Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder noch sitzen müssen. Dafür, dazwischen, ist diese Toilette.“

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Ich wohne in Berlin und gehöre der Latte-Macchiato-Fraktion an. Als schwuler Mann trifft mich dieser Witz von der vielleicht zukünftigen Bundeskanzlerin. Erst einmal scheint sie nicht verstanden zu haben, worum es da genau geht. Es geht um eine sexuelle Minderheit, die seit Jahrzehnten um Anerkennung kämpft und langsam ihren Platz in der Gesellschaft findet.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“

Dann scheint AKK vergessen zu haben, wer sie eigentlich ist. Wenn jemand wie Mario Barth so einen Witz vom Stapel lässt, kann ich das mit einem Augenrollen abtun. AKK jedoch sollte noch mal ins Grundgesetz schauen. Ihrer Position als Spitzenpolitikerin scheint sie sich nämlich nicht bewusst zu sein: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ ALLER STAATLICHEN GEWALT, Frau Kramp-Karrenbauer.

Man mag jetzt sagen: Stell dich nicht so an, mach dich mal locker. War doch nur ein Witz. Es gibt allerdings Themen, über die sollte man keine Witze machen. Rassismus und Sexismus zum Beispiel. Beim nächsten Mal, zu dem es hoffentlich nicht kommen wird, sollte AKK vor ihrem Auftritt einen kleinen Spaziergang durch Berlin unternehmen. Am Mahnmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Homosexuellen vorbeischlendern. Einen Schluck vom Starbucks-Latte-Macchiato nehmen und rüber auf die andere Straßenseite schauen, wo das Denkmal für die ermordeten Juden Europas steht. Witzig, nicht?

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AKKs Zielgruppe ist klar. Konservative Wähler, die mit dem „Genderwahn“ und Intersexuellen nichts anfangen können und im besten Falle einmal darüber lachen. Ihre Witze mögen vielleicht in Baden-Württemberg in einem schelmischen Rahmen wie einer Fastnachtsveranstaltung als lustig gelten. Die kesse AKK will sich volksnah und gewieft geben. Mal so richtig auf den Putz hauen, locker sein und – haha – sich über das dritte Geschlecht lustig machen.

Aus politischer Sicht ist AKK wenig sexy

Nun, liebe CDU-Omi, Ihrer Partei schmelzen die Wähler dahin. Während treue CDU-Anhänger vielleicht noch schmunzeln und AKK als lockerer wahrnehmen, ist die Vorsitzende am Ende selbst der Witz. Sie personifiziert die politische Situation ihrer Partei in Perfektion. Alt, überholt, am Sterben.

Denn sind wir mal ehrlich: Aus politischer Sicht ist AKK wenig sexy. Ganz zu schweigen von der CDU selbst. Versteht die Frau eigentlich, was ich als Wähler will? Weiß sie, was die Menschen bewegt? Ist sie authentisch und empathisch? Nein, ist sie nicht. Das macht ihr Comedy-Auftritt deutlich.

Eine Merkel, die sagte, dass sie mit einer Ehe für alle aus persönlicher Sicht wenig anfangen konnte, konnte ich verstehen. Sie ist konservativ und heterosexuell und steht genau dafür. Aber Merkel war auch ehrlich, machte keine Witze und versuchte, möglichst diplomatisch zu sein. Ich fühlte mich als Mensch trotz ihrer Sicht respektiert. Mit AKK ist das anders. Nach ihrem Auftritt frage ich mich: Was soll der Scheiß?!

Liebe AKK, für mich sind Sie wie die Fat-Shaming-Titel der InTouch. Sie versuchen, etwas zu verkaufen, das die wenigsten Menschen noch wollen. Die Wähler schwinden, weil das, was sie da fabrizieren, nicht zeitgemäß ist und sich viele junge Wähler mit Ihnen nicht wohl fühlen. Vielleicht trifft das nicht auf Ihre Blase zu, in der Sie zurzeit noch agieren. Aber wie das mit Blasen nun mal so ist: sie platzen.

Quelle: Noizz.de