Bringt es überhaupt was, wenn ich auf einen Plastikstrohhalm verzichte?

Erderwärmung, Klimaschutz und Nachhaltigkeit: Diesen Wörtern kann man momentan einfach nicht aus dem Weg gehen. Glaubt man Experten, stehen wir gerade an einem Scheidepunkt: Wenn wir so weitermachen wie bisher, gehört die Erde, so wie wir sie bisher kannten, bald der Vergangenheit an. Denn unsere Weltmeere ertrinken in Plastik, und unsere CO2-Werte sind so hoch wie nie.

Muss es der Konsument richten?

Die gute Nachricht bei all dem: Wenn wir uns jetzt bessern, können wir die wertvollen Ökosysteme unseres blauen Planten – und damit uns – noch retten.

Beim Thema Nachhaltigkeit steht in den Medien vor allem der Konsument im Vordergrund. Also du und ich. Ich soll aufhören, Plastikstrohhalme zu nutzen, ich soll mein Obst im Jutebeutel transportieren, ich soll mit den Öffis statt dem Auto fahren. Und klar, ich tue auch brav das, was mir Green-Blogger in Talkshows und Aktivisten auf Instagram raten. Ein anderes Verhalten ist in meiner liberalen Bubble in Berlin auch gar nicht akzeptabel.

Doch dann höre ich Luisa Neubauer bei einem "Fridays For Future"-Protest in Berlin darüber reden, wie leid sie es ist, dass sie immer gefragt wird, was sie für den Klimaschutz macht. Schließlich können wir Konsumenten so viel Treibhausgase und Plastik einsparen wie wir wollen, wenn die Industrie einfach nicht mitmacht. Doch stimmt das?

Das böse Plastik und die Industrie

Gerade in der Lebensmittel-, Bau-, und Autoindustrie wird Plastik massenweise verwendet. Egal ob bei der Herstellung oder beim Transport von Rohstoffen und fertigen Gütern. Laut "Handelsblatt" werden 36 Prozent des weltweiten Plastikverbrauchs für Verpackungen benutzt, weitere 16 Prozent in der Bauindustrie und rund acht Prozent in der Autoindustrie.

Plastik ist in allen Branchen der billigste und effektivste Rohstoff für Verpackungen und Transport. Deshalb fallen Millionen Tonnen von Müll an, gegen die der Verbraucher augenscheinlich kaum etwas ausrichten kann. Denn was bringt es denn, sich Metallstrohhalme zu kaufen, wenn bei deren Herstellung extrem viel Plastik verwendet und CO2 ausgestoßen wird und auch noch viel Abfall anfällt?

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Laut dem Umweltbundesamt liegt der pro Kopf Verbrauch von Verpackungsmüll aus Plastik, Pappe, Metall und Glas in Deutschland jährlich bei 220,5 kg (Stand: 2016). 47 Prozent davon ist Müll von Privatpersonen, also das, was wir tatsächlich direkt wegwerfen. Der restliche Müll fällt durch Industrie und Handel an. Wir haben also auf gut die Hälfte der Müllproduktion einen direkten Einfluss.

Und diese Einflussmöglichkeit scheinen auch immer mehr Menschen wahrzunehmen, wenn man sich im näheren Umfeld umschaut. Gerade der Plastikverbrauch wird zunehmend minimiert – zumindest so weit es den eigenen Komfort nicht zu stark einschränkt. Die restlichen 53 Prozent des Mülls, der durch die Industrie und den Handel verursacht werden, scheinen zunächst außerhalb unseres Wirkungsbereiches zu liegen.

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Dabei haben wir als Verbraucher durchaus eine gewissen Macht über die Zustände in den verantwortlichen Branchen. Wir können Produkte von Firmen kaufen, die auf eine nachhaltige Herstellung, Verpackung und Co. achten. Durch diese direkte Unterstützung vorbildlicher Hersteller und dem damit verbundenem, indirektem Boykott der umweltverschmutzenden Konkurrenz kommt der Wunsch nach umweltfreundlichen Produktionsketten früher oder später bei den Verantwortlichen an und hat das Potential, einen dauerhaften Wandel anzuregen.

Dreckiger Strom für großen Fabriken

Diesen Wandel müssen wir auch in der Energieversorgung anregen. Denn die Treibhausgas-Emissionen in Deutschland stammen zu 84,9 Prozent aus der Energieproduktion unter anderem durch Kohle- und Atomkraftwerke. Hier wird es für mich als Verbraucher schon schwieriger, direkten Einfluss zu üben. Natürlich kann ich mir einen Stromtarif bestellen, der auf nachhaltige Energie setzt und mit Strom nachhaltig wirtschaften, doch die großen Unternehmen und Fabriken verbrauchen deswegen nicht weniger Energie aus klimafeindlicher Gewinnung.

Private Haushalte sind laut aktuellen Zahlen im Jahr 2017 für nur 24 Prozent des gesamten Stromverbrauchs in Deutschland verantwortlich. Die Industrie verbrauchte dagegen 55 Prozent, der Handel- bzw. Dienstleistungssektor weitere 28 Prozent des Stroms.

Wir können also abends noch so oft den Stecker unseres Fernsehers ziehen: Wenn die Industrie und der Handel nicht energieeffizienter handeln und Strom aus erneuerbaren Energien beziehen, wird die Erderwärmung weiter voranschreiten. Unterschriftenaktionen und Proteste stehen uns als Endverbraucher natürlich zur Verfügung, doch ohne die Politik können auch wir wenig ausrichten. Nur mit staatlichen Subventionierungen können Unternehmen so schnell und verpflichtend auf einen grünen Weg gebracht werden, wie es den aktuellen Entwicklungen nach nötig ist.

Dieser enorme Einfluss der Politik auf die Wirtschaft ist auch den jungen "Fridays For Future"-Aktivsten bewusst. Seit Monaten protestieren die umweltbewussten Schüler und Studierenden jeden Freitag für den Klimaschutz. Nun haben die Verantwortlichen der von Greta Thunberg initialisierten Freitagsproteste erstmals Forderungen an den Staat gestellt, die sie zusammen mit Wissenschaftlern entwickelt haben und die uns vor einer Klimakatastrophe schützen sollen.

"Fridays For Future"-Aktivsten machen Druck – und das sollten wir alle

Für Deutschland fordern die Demonstranten und Demonstrantinnen einen "Kohleausstieg bis 2030" und eine "100% erneuerbare Energieversorgung bis 2035". Bis Ende des Jahres fordern sie von Politikern außerdem konkrete Ziele zu erreichen: "Das Ende der Subventionen für fossile Energieträger, 1/4 der Kohlekraft abschalten und eine Steuer auf alle Treibhausgasemissionen."

Diese Forderungen sollen sicherstellen, dass Unternehmen durch gesetzliche Regelungen vom Staat zur Verantwortung gezogen werden und ihre Emissionen radikal minimieren, damit Deutschland das Pariser Klimaabkommen einhalten kann. Bisher wirkt es nämlich nicht so, als würde sich die Industrie an freiwillige Richtlinien zur Nutzung nachhaltige Energiequellen und effektivere Herstellungsprozesse halten.

Letzten Endes müssen eben Politik, Industrie und Verbraucher ein Interesse an nachhaltiger Herstellung, Verpackung und Energiegewinnung haben. Neben dem "bösen" Plastik muss auch der CO2-Ausstoß der Industrie dauerhaft minimiert werden. Alles können wir als Konsumenten zwar nicht direkt regeln, doch indirekt haben wir als Bürger durchaus Möglichkeiten, eine Klimakatastrophe abzuwenden. Denn gesellschaftlicher Druck hat Politiker schon zu so einem bewegt. Und als Privatperson an Plastik, Strom und Abgasen im Alltag zu sparen, trägt definitiv auch zu einem nachhaltigeren Deutschland bei.

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Quelle: Noizz.de