Der Boss inszeniert sich oft als Wohltäter – das ist heuchlerisch und falsch.

Kollegah ist einer der erfolgreichsten und gleichzeitig umstrittensten deutschen Rapper. Während ihn Millionen treuer Fans lieben und das auch im nicht enden wollenden Kauf von Deluxe-Boxen ausdrücken, hat sich der selbst ernannte Boss in den vergangenen Monaten immer wieder Antisemitismus-Vorwürfe eingefangen.

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Sein neues Ziel: die Welt retten. Dafür startete der Düsseldorfer in den letzten Wochen diverse Wohltätigkeitsaktionen. Was eigentlich nach einer schönen Sache klingt, finde ich in Wahrheit heuchlerisch und falsch.

Vorneweg: Kollegah tut mit seinen Wohltätigkeitsaktionen Gutes. Das möchte ich nicht bestreiten. Egal, ob es aus Zwingern gerettete Hunde sind, eine Großfamilie aus dem Kosovo dank einer neuen Wohnung eine sichere Existenzgrundlage erhält oder der erschütterte Teenager Timo dank des Rappers neuen Mut und Selbstbewusstsein fasst.

Die Aktionen haben für mich trotzdem einen unguten Beigeschmack, der sich mit den Stichworten Doppelmoral, Heuchelei und Kommerz zusammenfassen lässt. Oder kurz: Scheinheiligkeit. Das möchte ich in zwei Punkten erklären.

1. Doppelmoral

In einer seiner aktuellen Aktionen möchte Kollegah auf Tierquälerei in Europa aufmerksam machen. Dafür fliegt er mit seinem Team nach Ungarn und filmt Hunde einer Tötungsstation. Die Tiere sind in isolierten Zwingern gefangen und müssen dort auf ihr künstliches Ende warten. Das ist tatsächlich schlimm.

Das Problem: Kollegah ist selbst alles andere als ein Tierschützer. Er trägt Lederjacke, Fell-Kapuzen, isst in seinen Vlogs regelmäßig Burger und zeigt sich auch durch Aussagen wie „Am Leder sollte man niemals sparen, das ist schon mal ganz klar“ (05:50) als Mensch, für den das Wohl von Tieren keine Rolle zu spielen scheint.

In einer seiner anderen wohltätigen Aktionen besucht der Boss den Jugendlichen Timo, der in den letzten Jahren ein hartes Schicksal erlebt hat. Am Ende des Besuchs sitzt Kolle zusammen mit Timo und seinem Vater Burger essend an einem Tisch, während er davon erzählt, wie schlimm das mit den Hunden in der Ukraine ist und wie sehr er da geholfen hat.

Das ist so ignorant, da fehlen mir die Worte.

Massentierhaltung ist das Schlimmste, was man einem Tier antun kann. Das weiß mittlerweile wirklich jeder. Auch bei Bio-Fleisch! Was die Produktion von Leder und Fellen betrifft, die nicht ausgeschrieben Bio und fair gehandelt sind, braucht man sich auch keine Illusionen machen: Für Tiere ist das die reine Folter und ganz sicher keinen Deut besser, als es die Hunde in der Zwangsstation haben. Eher schlimmer.

Ich finde wirklich, dass jeder Mensch in Deutschland für sich selbst entscheiden muss, wie er damit umgeht, dass unser Lebensstil in vielerlei Hinsicht ein Problem für unsere Mit- und Umwelt ist – egal, ob es um Kleidung, Ernährung, Flugzeuge oder Müll geht. Einen komplett moralischen Lebensstil kann man in unserer Lage eh nicht führen. Aber:

Wer so bedenkenlos Fleisch isst, Tiere am Körper trägt und seine Autos mit Leder auskleidet, braucht nicht auf Tierschützer zu machen.

Das ist so, als würde man mit der einen Hand auf einen Menschen einschlagen, während man zeitgleich mit der anderen ein Plädoyer verfasst, in dem es um Pazifismus und Menschenrechte geht. Lächerlich!

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Heuchelei und Kommerz

Als Kollegah im letzten Jahr während seiner Promophase zum Album „Imperator“ nach Palästina ging, um dort eine Schule im Wert von 30.000 Euro zu bauen, musste er sich der Kritik aussetzen, ein Heuchler zu sein, der eine Promo-Aktion für sein Album als wohltätige und selbstlose Nummer tarnt.

Kolle stritt das ab. Er würde die Aufmerksamkeit lediglich dazu nutzen, für eine gute Sache zu werben.

Zwei Tage später kam dann ein Musikvideo zu seinem Track „Fokus“, das über große Teile aus der Footage des Schulbaus in Palästina bestand.

Die diesjährigen Charity-Aktionen, die wohl bemerkt auch alle in der Promo-Phase zum neuen Album „Monument“ stattfanden, sehen in Sachen Kommerz nicht anders aus. Keine der insgesamt vier Aktionen (Hunde in Ungarn, Familie im Kosovo, Krebskranke Kinder, Timo) kommt ohne Werbung für das „Monument“ aus.

Beim Video mit Timo kommt's noch dicker. Der Boss bringt ihm einen Präsente-Korb mit, der ausschließlich aus seinen eigenen Produkten besteht: Sein Buch, Merchandise und natürlich Zec+ – ein Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln für Fitness-Pumper, mit denen Kolle einen Werbedeal hat. Das Buch schenkt er übrigens, obwohl er weiß, dass Timo es längst besitzt und gelesen hat. Alles fürs Geschäft.

Was bleibt: Soviel Gutes Kollegah mit seinen Aktionen auch tun mag, genauso viel geschäftliches Kalkül steckt dahinter. Keine Wohltätigkeit ohne Promophase. Kein Video ohne Werbung. Alles Aktionen, die mit seiner scheinbaren Gutherzigkeit die Verkaufstrommel für seine Produkte ankurbeln sollen. Geschickt getarnt unter Aussagen, wie er wolle „die Welt retten“ und „verfolge kein geschäftliches Interesse an den Aktionen“ – die reinste Heuchelei.

Aus diesen Gründen finde ich seine Aktionen falsch und ekelhaft: weil sie heuchlerisch, kommerziell und scheinheilig sind – und das, obwohl er damit (wenigstens teilweise) Gutes tut.

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Und nun?

Wahrscheinlich nichts weiter. Kollegah macht sein Ding, und solange sich die Wohltätigkeit für die Verkäufe seiner Alben rentiert, wird es weitere Aktionen geben. Allerdings gehen seine Klicks auf YouTube gerade ein bisschen bergab. Vielleicht ein Zeichen, dass sich seine Fans mit der aktuellen Flut an „Welt retten“ nicht ganz so gut unterhalten fühlen, wie sonst. Sein aktuelles Album „Monument“ ist seit dem 7. Dezember auf dem Markt.

Quelle: Noizz.de