Zwei NOIZZ-Autoren, zwei Meinungen.

Eigentlich stehe ich ja über Kommentaren, die eh nur gezielt provozieren wollen. Ich hab selbst schon genug von der Sorte geschrieben. Ich kenne diese diebische Freude, wenn sich die Leute daran aufreiben und man vielleicht auch den ein oder anderen Denkanstoß setzt. Was mir aber immer wichtig war: Egal wie abseitig die Position ist, die man vertritt, man sollte immer zumindest versuchen, diese schlüssig zu argumentieren.

Doch als ich den Kommentar: "Warum Playback auf Rap-Konzerten einfach nur geil ist" von Kollege Till bei NOIZZ gelesen habe, ist mir fast das Hirn explodiert. Denn Till erklärt in seinem Text kurzerhand Hip-Hop für tot und reduziert Rapper auf bloße Party-Animateure. Das sei Rap 2019 und all die Oldschool-Dogmaten sollen sich damit abfinden.

Was mich daran wütend gemacht hat, war nicht die Zeile. Playback auf Rap-Konzerten ist eine These, die ich zwar nicht teile, die man aber vertreten kann. Bis auf diesen Mozart-Vergleich – der hinkt so hart, mit dem sollte man meiner Meinung nach hinter die Scheune gehen. Aber das ist ja auch nicht die Kern-These dieses Kommentars. Die Kern-These ist viel fundamentaler: Hip-Hop ist tot. Ganz schön steil, sagt der Autor selbst.

Und dieses Argument geht auch auf – also, wenn man einfach mal alles ignoriert, was Hip-Hop und Rap heutzutage zu bieten hat, und stattdessen alles auf Trap reduziert. Denn was Till in diesem Kommentar eigentlich meint, wenn er von Rap schreibt, ist Trap.

Aber das ist eben nur eine Spielart des Rap, zu einer Zeit, in der die Popularität und Diversität des Genres nicht größer sein könnten. Und anstatt das zu feiern, wird Schwarz-Weiß gemalt. Es gäbe nur Oldschool-Dogmaten oder Rap 2019.

Ich will hier jetzt keine Geschichts-Vorlesung über die Entstehung des Hip-Hop halten. Die scheint der Autor auch gar nicht nötig zu haben, schreibt er doch selbst kurz von den vier Elementen. Leider spart er sich aber jegliche Beweisführung, warum Hip-Hop auf einmal aus Rap geboren wurde und nicht andersherum. Aber gerade wegen seiner augenscheinlichen Kenntnis von der Geschichte des Genres wundert mich umso mehr, wie man zu dem Schluss kommen kann, Hip-Hop sei tot.

Das Argument, im heutigen Rap gehe nicht mehr um Werte, nicht mehr darum, Geschichten zu erzählen, nicht mehr um das Nischige und Widerständige – das will ich an dieser Stelle gleich mal widerlegen. Ich weiß nicht, in welcher Blase der Autor lebt, aber: Das gibt es alles noch. Und obendrauf gibt es noch Trap. Und das ist alles Hip-Hop.

Gibt es 2019 auf einmal keinen Kendrick Lamar mehr? Keinen Royce da 5′9″? Keinen Killer Mike? Keinen Saba? Keinen Jay-Z? Keinen Loyle Carner? Keinen Tyler, The Creator? Keinen Eminem? Habe ich was verpasst? Ich mein, wovon spricht Kendrick denn hier? 

I got, I got, I got, I got 

Loyalty, got royalty 

Inside my DNA 

Cocaine quarter piece, got war and peace 

Inside my DNA 

I got power, poison, pain and joy 

Inside my DNA 

I got hustle, though, ambition, flow 

Inside my DNA 

(Kendrick Lamar – DNA) 

Himmel, wir leben in einer Zeit, in der ein Country-Rap-Song die Charts dominiert.

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Klar geht es um Banger – und um noch viel mehr! Es gibt die Banger, es gibt das krasse Storytelling, es gibt die befremdlichen Genre-Mixe, es gibt alles! Doch stattdessen will der Autor einem glauben machen, dass es nur noch Trap gäbe und die anderen erinnern ja sowieso nur ans Dritte Reich. Wow. Die Hip-Hop-Kultur mit Nazis vergleichen – wie tief sitzt der Hass, Till?

Und vielleicht doch noch eine kleine Geschichtestunde: Auch "damals", in der sogenannten Oldschool, gab es die oberflächlichen Banger, die Kommerzialisierung, die Ekstase, die Party. Was soll diese Geschichtsverklärung, das hätte es "damals" nicht gegeben? Rap war früher kein Poetry-Slam mit Beat drunter. Oder verpasse ich einfach den doppelten Boden und den krassen Tiefgang von Run-DMCs "My Adidas" von 1986?

Gucci-Gang Gucci-Gang Gucci-Gang ...

Und wie war das noch mal mit den ersten MCs? Die standen zusammen mit dem DJ auf der Bühne - und warum? Um Stimmung zu machen.

Feiert Trap, habt dazu die Zeit eures Lebens, trinkt tetrapackweise Sangria. Scheiße, feiert einfach Hip-Hop. Wir sprechen hier von Musik, die ist zum Fühlen da. Aber bitte: Brecht auch einmal aus eurer Bubble aus, lasst dieses Schwarz-Weiß-Denken.

Wer Rap im Jahr 2019 vorschreibt, Rapper müssen "ein Gefühl einfangen, einen Vibe, einen transzendenten Sound kreieren und vor allem: einen fetten Banger schreiben", der ist genauso dogmatisch wie die "Oldschooler".

(Ach und Playback ist scheiße.)

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Quelle: Noizz.de