Kanye West ist der vermutlich einflussreichste Künstler unserer Zeit. Neben visionärer Musik und Mode, sorgte der 43-Jährige 2018 mit einem offenen Gespräch über seine Bipolare Störung für Diskussionsstoff. Davon hört und liest man heute quasi nichts mehr. Was bedeutet diese Krankheit eigentlich für ihn? Und wie sollten Fans und Rezipienten damit umgehen – gerade bei seinem jetzigen Wahlkampf?

Rapper Kanye West will 2020 US-Präsident werden. Obwohl er seine mögliche Kandidatur seit etlichen Jahren herum posaunt, kommt seine diesjährige Teilnahme quasi aus dem Nichts. Sein Sieg scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, allein schon aus dem Grund, dass er in diversen US-Bundesstaaten die Frist zur Registrierung verpasst hat. Allem Anschein nach meint er es dennoch ernst.

Bei seiner ersten Wahlkampfrede ging es spektakulär zu. So behauptete Ye unter anderem, die US-amerikanische Heldin der Frauenbewegung und Widerstandskämpferin gegen die Sklaverei Harriet Tubman hätte Sklaven in Wahrheit nicht wirklich geholfen. Auf Social Media wird er für diese Aussage gerade geröstet. Fehl am Platz wirkte auch sein Bekenntnis, er hätte seine Tochter North anfangs abtreiben wollen – eine Geschichte, die er auf die Gefahr hin erzählte, dass sich Kim nun womöglich von ihm scheiden lassen wollen würde. Als er schließlich auch noch berichtete, dass sein eigener Vater ihn eigentlich habe abtreiben wollen, brach er in Tränen aus: "Dann hätte es keinen Kanye West gegeben."

Während internationale Medien zwischen Sensationsgeilheit und strenger Kritik wegen seinen Kommentaren über Tubman wechseln, bleibt ein Aspekt in der Berichterstattung völlig unberührt: Kanyes bipolare Störung. Die hatte er im Interview mit David Letterman 2019 zum ersten Mal richtig angesprochen, vor allem die negativen Aspekte. Zuvor besang er sie lediglich als seine "Superkraft".

Aber was heißt das eigentlich für seinen Wahlkampf und all die problematischen Dinge, die er sagt und tut? Wie geht man mit der Krankheit um?

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Kanye West und Tochter North bei einer Yeezus-Show im März 2020.

Bipolare Störung: Kanyes Familie und Freunde erneut in großer Sorge

Eine Bipolare Störung zeichnet sich vor allem durch einen Kontrast euphorischen Hochphasen und depressive Tiefphasen aus. Das Pendeln zwischen diesen beiden Welten wirkt sich für Erkrankte in erster Linie stark auf ihre Stimmung und ihr Selbstbild aus, schränkt sie zudem stark in ihrer Fähigkeit ein, im Alltag zu funktionieren und geregelten Tätigkeiten nachzugehen. Es gibt Medikamente, aber die nimmt Kanye wohl seit spätestens 2018 nicht mehr, da sie seine Kreativität lahmlegen.

Wie "TMZ" berichtet, sind Kanyes Familie und enge Freunde aktuell in großer Sorge um ihn. Sie würden befürchten, er könnte sich mit Aussagen, wie mit denen über Tubman, die Karriere zerstören. Außerdem fänden sie, Kanye sorge in dieser wichtigen Wahl für eine unnötige Ablenkung. Der private Einblick in die Abtreibungsdiskussion um North scheint in Familienkreisen zusätzlich für eine Schieflage zu sorgen – genauso, wie einige Tweets, die Kanye dann am Montagabend absetzte: In ihnen schrieb er, Kim wolle einen Arzt einfliegen lassen und ihn einweisen lassen, außerdem teilte er hart gegen seine Schwiegermutter Kris Jenner aus. Wenige Stunden später löschte er die Tweets wieder.

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Kanye West und Donald Trump bei ihrem Treffen im Weißen Haus 2018. Kanyes Unterstützung von Trump sorgte für Kritik und Unverständnis – eine weitere manische Phase?

Kanye West: Wie viel von ihm ist seine Krankheit, wie viel er selbst?

Wie eine nah stehende Quelle ebenfalls "TMZ" verraten hat, geht sein enges Umfeld gerade davon aus, dass er sich wieder in einer seiner manischen Hochphasen befindet, was bei ihm wohl circa ein Mal pro Jahr der Fall sei. Diese Schübe kennzeichnen sich durch grenzenloses Selbstvertrauen – auch: Selbstüberschätzung – und jede Menge Energie. US-Präsident werden? Sky is the limit!

In seinem großen "Forbes"-Interview vom 8. Juli 2020 redet Kanye über alles – außer seine Krankheit – Teil des Symptoms? Waren Fragen dazu verboten? Scheint wie vom Erdboden verschluckt, seine Bipolarität.

Aber ist das nicht die Frage, die gerade im Raum steht, beziehungsweise stehen müsste? Welche Rolle spielt seine Krankheit bei all seinem Tun? Wie manisch ist er, was ist die genaue Diagnose seiner behandelnden Ärzte? Wie sehr kann man Kanye selbst dafür verantwortlich machen, wenn er sagt, "Sklaverei war eine Entscheidung"? Wie sehr muss man ihm vorwerfen, die Wahl zugunsten von Donald Trump zu beeinflussen? Wie geht man damit verantwortungsvoll um, und zwar sowohl als Rezipient und Fan – als auch als Kanye West?

Kanye und Kim: Eigentlich wirken die beiden immer sehr harmonisch, aber welche Folgen seine aktuelle Phase auf die Ehe hat, steht noch aus.

Es gibt nur eine Lösung: über die bipolare Störung reden

Die Situation ist einfach total schwer: Der einflussreichste Künstler unserer Zeit ist psychisch krank und wird besonders in seinen manischen Phasen politisch und aktiv, zerstört damit seinen Ruf, seine Karriere, womöglich seine Ehe, und sollte wieder Trump gewinnen, womöglich die Zukunft der USA. Wie viel Handlungsspielraum darf er in solchen akuten Phasen haben – auch zum Selbstschutz? Für einen fairen Umgang gibt es nur eine Lösung, und zwar das offene Gespräch über seine bipolare Störung – mit und ohne ihn.

Wie sehr man ihn für alles selbst zur Rechenschaft ziehen muss? Keine Ahnung. Es gibt quasi keine Infos, außer der Gewissheit, dass er mit der Krankheit lebt – und aktuell mal wieder öffentlichkeitswirksam superproblematische Dinge tut und sagt. Alle Medien, die Kanye Wahlkampf covern und die Krankheit außenvorlassen, machen sich dabei mit schuldig, weil die Sicht auf sein Handeln dadurch eine komplett andere wird.

Für den Wahlkampf der USA ist seine Kandidatur jedenfalls eine Katastrophe. Wichtige Stimmen Schwarzer Wähler*innen könnten womöglich von Biden zu Trump wechseln. Wenngleich Kanye selbst niemals gewinnen kann, ist es gut möglich, dass er Trump damit zum Sieg verhilft. Ye ist das egal: "Biden? Der ist nichts besonders."

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Quelle: Noizz.de