Diese Frage wirft die aktuelle Staffel "Tote Mädchen lügen nicht" auf.

In ihrer Kolumne "Fem as Fuck" betrachtet NOIZZ-Autorin Juliane Reuther aktuelle Geschehnisse von einem feministischen Blickwinkel.

Trigger Warning: Dieser Artikel behandelt sexuellen Missbrauch und den Umgang mit Sexualstraftätern und könnte für Opfer triggernd wirken.

Wir alle haben einen moralischen Kompass, dessen Nadel unaufhörlich zittert, sich immer wieder neu orientiert. Erst haben unsere Eltern uns mit ihrer Erziehung diesen Kompass in die Hand gedrückt, dann wurde er von Freunden, den Erwartungen und Normen der Gesellschaft und der Popkultur neu ausgerichtet. Bei manchen Themen ist der Weg, den man geht, ganz klar. Bei anderen verirrt man sich immer wieder, geht erst in die eine, dann in die andere Richtung. So ist das wohl auch bei der Frage, ob man einem Sexualstraftäter oder einem Vergewaltiger verzeihen kann – oder darf.

Die dritte Staffel "13 Reasons Why" versucht sich aktuell genau dieser Thematik anzunehmen (Achtung Spoiler!).

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Bryce Walker hat mehrere Frauen vergewaltigt, das Mädchen Hannah Baker mutmaßlich in den Selbstmord getrieben und wurde trotzdem vor Gericht wegen der Vergewaltigung von Jessica Davis freigesprochen. In der dritten Staffel der Serie wird Bryce Walker ermordet. Zu Recht? Ich bin mir ziemlich sicher, dass man "Tote Mädchen lügen nicht", so der deutsche Titel der Show, nicht gesehen haben muss, um Bryce Walker zu kennen. Wir alle kennen einen Bryce Walker, einen (weißen), privilegierten jungen Mann, der sich einfach nimmt, was er will, ohne Rücksicht auf Verluste. Der sich vor allem von Frauen in seinem Umfeld das nimmt, was er will. Dieser Bryce Walker, den du gerade vor deinem inneren Auge siehst – könntest du ihm jemals verzeihen? Wenn er dich oder eine Person, die du liebst, missbraucht hätte? Würdest du es dir selbst erlauben, dieser Person zu verzeihen, für deinen Seelenfrieden? Oder würdest du damit deinen moralischen Kompass fallen lassen?

Warum würde man einem Vergewaltiger verzeihen wollen?

In dreizehn emotionalen Episoden wird diese Frage in der Serie immer wieder aufgebracht und hat mich nachhaltig beschäftigt, vielleicht auch, weil ich selbst schon sexuelle Nötigung erfahren habe. Ganz ehrlich, alle, die die Netflix-Produktion gesehen haben, werden wissen: Am Anfang war es ein wahnsinnig befriedigendes Gefühl, diesen Vergewaltiger tot zu sehen. Doch nach und nach lernt man, dass jeder Mensch, ein Mensch ist. Spätestens als Bryce elendig ertrinkt, wird einem das klar. Plötzlich erkennen wir die Menschlichkeit in einem Vergewaltiger, die Liebe, die er gibt, die Loyalität und Hilfe, die er seinen Freunden schenkt. Dadurch wird man daran erinnert: Eigentlich verdient doch jeder Mensch eine zweite Chance, das steht dick und fett auf dem Ziffernblatt unseres moralischen Kompasses. Jetzt müssen wir uns also die Frage stellen, ob das wirklich unsere Wahrheit ist, und wir bereit sind, zu verzeihen und eben die Frage, was ein Mensch tun muss, um eine neue Chance zu verdienen.

Als ich die dritte Staffel "13 Reasons Why" schaute, habe ich eine wahnsinnige gedankliche Transformation durchgemacht. Von Hass über Unbehagen bis Verständnis. Denn Bryce, dieser junge privilegierte Typ, scheint in meinen Augen wirklich realisiert zu haben, was er den Menschen um sich herum angetan hat und hat versucht, es wieder gut zu machen. Doch wer vertraut schon einem Vergewaltiger, wenn er seine Hilfe anbietet? Wer glaubt schon, dass er dir wirklich gerade zur Seite stehen will? Wer glaubt, dass er den Schmerz nachfühlen kann, den er verursacht hat und dass er versteht, dass es falsch war? Ich weiß nicht, ob ich diese Person sein könnte.

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"I don't get to start over" – das realisiert der fiktive Sexualstraftäter ziemlich schnell. Denn egal, wie man den moralischen Kompass dreht, meistens erlaubt er uns nicht, es zuzulassen, jemandem zu verzeihen, der derartigen Schmerz ausgelöst hat. Wenn ich Freunden davon erzähle, dass es mir Leid tut, dass Bryce am Ende getötet wurde, weil er doch so stark versucht hat, sein Leben herumzureißen, stoße ich auf Unverständnis. So wird auch den Figuren der Serie, die Mitgefühl mit dem Straftäter zeigen, sofort Hass, Ablehnung und Verständnislosigkeit entgegengebracht. Aber wieso?

Mir geht es hier nicht darum, Mitleid für einen Sexualstraftäter aufzubringen, sondern einfach darum, dass wir gemeinsam versuchen, darüber nachzudenken, wie wir mit diesen Menschen in unserer Gesellschaft umgehen. Denn gerade laufen verdammt viele (verurteilte) Vergewaltiger wie der "Tote Mädchen lügen nicht"-Charakter in unseren Reihen, die wir (wieder) in unsere Gesellschaft eingliedern müssen.

"Monsters are not born, they are made"

... analysiert Showrunner Brian Yorkey. Eine Sexualstraftat ist nicht die Ursache, sondern ein Symptom der Probleme unserer Gesellschaft, die sich viel zu oft im Verhalten junger Männer widerspiegeln. (Das beste Beispiel aus der Show ist da wohl definitiv Monty.) Das heißt nicht, dass ein Täter nicht zur Verantwortung gezogen werden und gegebenenfalls verurteilt werden muss. Das heißt nur, dass wir bei der Rehabilitation dieser Menschen an der Ursache ansetzen müssen. Dass wir das familiäre Trauma, den Missbrauch oder etwaige andere Umstände verstehen müssen, die aus einem Menschen "ein Monster" gemacht haben. Nur wenn wir Zeit und Energie darein stecken, Sexualstraftäter zu therapieren und zu rehabilitieren, können wir sie erfolgreich wieder in unsere Gesellschaft eingliedern. Denn Menschen für solche Taten ein Leben lang im Gefängnis schmoren zu lassen oder sogar eine Todesstrafe zu verhängen, wird unsere Gesellschaft nicht weiterbringen – meiner Meinung nach. Nur wenn wir verstehen, können wir vergeben, und nur wenn wir es uns erlauben, einer Person zu verzeihen, können wir verarbeiten und weitermachen.

Uns muss klar werden: Wer einem Vergewaltiger verzeiht, beweist wahnsinnig viel Mut, Mut den eigenen moralischen Kompass neu auszurichten. Wer einem Vergewaltiger verzeiht beweist ein tiefes Verständnis von Selbst- und Nächstenliebe. An dieser Stelle noch einmal ganz deutlich: Niemand muss dem eigenen Peiniger oder dem Peiniger einer geliebten Person verzeihen und ich verstehe vollkommen, wenn man für diese Person einfach nur Hass empfindet. Doch ich finde auch wer verzeihen will, sollte es tun dürfen. Jemandem zu vergeben bedeutet nicht, sich mitschuldig zu machen, die Taten kleinzureden oder willensschwach zu sein. Ganz im Gegenteil. Es bedeutet zu erkennen, dass kein Mensch nur gut oder böse ist, das jeder Mensch das Potenzial hat, sich zu verändern. Natürlich nur, wenn diese Person einen ehrlichen Willen dazu zeigt. Denn Vergebung muss sich ein jeder Mensch erst erarbeiten.

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  • Quelle:
  • Noizz.de