"Was genau bedeutet Patriarchat? Habe das schonmal gehört."

In den vergangenen Wochen bekam das Jungfernhäutchen von US-Rapper T.I.s Tochter unangenehm viel Aufmerksamkeit. In einem Interview wurde der Platinmusiker gefragt, ob er mit der 18-jährigen Deyjah denn schon DEN "Sex Talk" gehabt hätte. Seine Antwort, die anschließend mediale Monsterwellen schlug: "Wir hatten nicht nur eine Unterhaltung darüber, wir besuchen jedes Jahr den Gynäkologen, um ihr Jungfernhäutchen zu checken."

Jawoll, das muss man erst einmal runterschlucken. Der Südstaaten-Rapper fährt also jedes Jahr mit seiner Tochter zum Arzt, um sicherzustellen, dass Deyjah noch nicht sexuell aktiv ist?! Puh, Das ist so falsch, man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Für alle, die sich im #metoo-Zeitalter immer noch denken "Naja, aber das ist ja seine Tochter. Muss er ja wissen", hier die Kurzfassung: Abgesehen davon, dass die Medizin uns schon lange bewiesen hat, dass ein Jungfernhäutchen auch beim Reiten (ja, das mit den Pferden) reißen kann – und somit nicht mit sexueller Aktivität zu tun haben muss –, ist das Überwachen der Jungfräulichkeit eine herabwürdigende Kontrolle, die Frauen wie Besitztümer ohne eigenen Willen und ohne ein Bewusstsein für den eigenen Körper darstellt. Vom unterschiedlichen Maß, mit dem die Jungfräulichkeit von Jungen und Mädchen gemessen wird, mal ganz abgesehen.

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Kein Wunder also, dass T.I. nach seiner Aussage einen medialen Shitstorm sondergleichen zu ertragen hatte. Nach rund drei Wochen öffentlicher Hasspredigten aus jeglicher feministischer Ecke reicht es dem Rapper nun aber. Er will Klartext reden. Und das macht er im Interview-Format seiner guten Freundin Jada Pinkett Smith "Red Table Talk".

Erstmal Handshake mit Will Smith

Der Beitrag startet, und T.I. wird dem Zuschauer als guter Freund der Familie gezeigt. Sogar Superstar Will Smith, der gar nicht im Interview stattfindet, kommt vor die Kamera und witzelt mit seinem Kumpel herum – um welches Bild zu schaffen? T.I. ist einer der Guten? T.I. kann man vertrauen? In jedem Fall steigt man als Zuschauer nicht unvoreingenommen in das klärende Gespräch. Nun gut, unvoreingenommen klickt man dieses Video ohnehin nicht an. T.I. wurde aufgrund seiner Aussage von der Presse als anti-feministischer Höhlenmensch gezeichnet. Das liegt, wie T.I. im Verlauf des Gespräches erklärt, auch daran, dass seine Tochter sich gewünscht hat, ihr Vater würde nach dieser Blamage nicht mit der Presse reden. Ohne die Ansage seiner Tochter, hätte er dieses große Missverständnis schon viel früher aufgeklärt, sagt er. Naja, mal abwarten.

Für T.I. ist das alles, wie gesagt, ein großes Missverständnis: "Ich bin hier hergekommen, um aufzuklären, wie wir als Eltern interagieren", kündigt der sechsfache Vater neben seiner Ehefrau Tiny an – die wohlgemerkt in dem 20-minütigen Interview gerade mal eine Handvoll Sätze von sich gibt. (In diesem Zusammenhang ein echter Joke auf Kosten der Gleichberichtigung.) "Ich bin an dieses Interview über Erziehung mit Humor herangegangen", versucht der Musiker sich zu erklären. Die Unterhaltung habe ernsthaft angefangen und sich dann dahin entwickelt, dass er Dinge überspitzt ausgedrückt habe. "Ich habe das, denke ich, übertrieben", sagt er mit zerknirschtem Gesicht. Jada nickt ihm mit verständnisvollem Gesicht entgegen. So weit, so gut. T.I. hat also einen (wirklich schlechten) Scherz gemacht? Nicht ganz! Diesen Besuch beim Onkel Doktor, den gab es wirklich! Nur nicht jedes Jahr, sondern – Trommelwirbel – bis zu Deyjahs 18. Lebensjahr. So weit, so gar nicht gut.

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Die gute Nachricht: T.I. gelobt Besserung

Auf Nachfrage beteuert T.I., dass er die Sensibilität des Themas nicht annähernd begriffen hätte – bis es zum Shitstorm kam. Fair enough. Doch auch jetzt scheint sein Knowledge in Sachen Gleichberechtigung noch in den Kinderschuhen zu stecken. Vor laufender Kamera gibt T.I. zum Besten, er habe von dem Wort "Patriarchat" schon einmal gehört. Was das genau ist und wie es sich auf unsere Gesellschaft auswirkt erklärt Jada Pinkett Smith ihm mit Engelsgeduld.

Und dann folgt endlich der Klartext: "Ich war nie in einem Untersuchungsraum. Ich habe nie gesagt, dass es heute noch getan wird." Sie sei 15 und 16 Jahre alt gewesen, als ihr Jungfernhäutchen untersucht wurde, heißt es jetzt. Und: Die Mutter sei anwesend gewesen. Na, herzlichen Glückwunsch! Auch das noch: In dieser Familie scheint wirklich niemand geblickt zu haben, wie archaisch und herabwürdigend diese Fahrten zum Doktor gewesen sind. Auftritt die Ehefrau (Tiny ist übrigens nicht die Mutter der 18-Jährigen): "Wisst ihr, die meisten Väter gehen gar nicht [mit zum Arzt], aber er war da!" – Verteidigung abgeschlossen. Grüße gehen raus an internalisierten Sexismus.

T.I. bei der A3C Convention in Atlanta 2019 Foto: Getty Images / Prince Williams

T.I. stellt dann auch noch klar, dass er seine Tochter nur von "den bösen Jungs" da draußen beschützen wollte – und Deyjah mit der Untersuchung nie ein Problem gehabt habe. (Autsch!) Das Einzige, was sie gestört habe, sei, dass er darüber geredet hat. T.I. beteuert immer wieder, wie leid es ihm täte – und er entschuldigt sich mit Blick in die Kamera bei seiner Tochter. Das nimmt man ihm sogar ab.

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Was soll man da noch sagen. Am Ende bleibt die Jungfernhäutchen-Kontrolle des Rappers ein Unding. Schön, dass er sich anscheinend belehren lässt. Gut auch, dass er als Max Mustermann des Patriarchats vor einer Kamera sitzt und zugibt, dass da etwas nicht ganz richtig gelaufen ist. Ein wichtiges Signal in die Gesellschaft. Der armen Deyjah bringt das im Nachgang natürlich nicht mehr viel. Ihr Jungfernhäutchen wurde einmal schön durch den Boulevard-Kakao gezogen – und dürfte ihr noch lange nachhängen.

Quelle: Noizz.de