Rassismus in J.K. Rowlings Werken? Da habt ihr etwas missverstanden

Sabine Winkler

Indie, Kaffee & Liebe
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Die Schauspielerin Claudia Kim spielt Nagini. Foto: Screenshot / YouTube / WarnerBros

Wenn ich eines aus Harry Potter gelernt habe, dann ist es, dass Rassismus scheiße ist.

J. K. Rowling, Autorin von „Harry Potter“, gerät zur Zeit mächtig unter Druck. Nachdem der Trailer zum zweiten Teil von „Phantastische Tierwesen“ veröffentlicht wurde, prasselte es nur so an kritischen Kommentaren. Nagini von einer asiatischen Schauspielerin spielen zu lassen, sei einfach falsch und fördere Rassismus und bewiese einmal mehr, wie un-divers Rowlings Werke seien.

[Mehr dazu: Shitstorm zu „Phantastische Tierwesen 2“ – weil Aisiatin Nagini spielt]

Kritik ist Rowling gewohnt, seitdem sie mit der Potter-Reihe weltbekannt wurde, muss sie sich immer wieder ähnlich Vorwürfe anhören. Harry Potter sei superpatriarchalisch, denn im Zentrum der Saga stehe einzig und alleine ein männlicher Protagonist, der seine Heldenreise durchmacht. Stimmt nicht ganz so, aber dazu kommen wir später. Auf jeden Fall, erläuterte die Bestseller-Autorin geduldig, was es denn mit dem Nagini auf sich habe:

Demnach ist die Nagini-Figur abgeleitet aus der indonesischen Mythologie. Deswegen sei es nicht so abwegig, eine asiatische Darstelleirn zu wählen. Den Kritikern genügt diese Erklärung aber bei Weitem nicht. Die gleichen kritischen Posts mit den gleichen Argumenten wie vorher:

Kann man erst mal so sehen, wenn man sich aber eingängiger mit der Materie beschäftigt, stecken dahinter deutlich andere Mechanismen. Wer verdeutlichen will, was einen stört, muss es ansprechen und Beispielen geben.

Alleine die Tatsache, dass Rowling ihr Konstrukt der Nagini-Theorie – nur Frauen leiden unter diesem Fluch, der Unterdrückung durch das Böse zur Konsequenz hat – 20 Jahre geheim gehalten hat (angeblich), kann man als kluge Parabel verstehen: Auch in unserer realen Gesellschaft leiden Frauen seit weitaus mehr als zwei Jahrzehnten unter dem „Fluch“ der Unterdrückung. Natürlich hat die andere Ausprägungen als bei Voldemort und Nagini. Aber das ist eben der Clou an einer Parabel.

Literatur, Realität vs. Fiktion und dazu noch Political Correctness

Um so etwas darzustellen, braucht man nun einmal Figuren, die eben rassistisch sind, non-divers und Hass verbreiten – und die auch ihre Opfer haben. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass Joanne K. Rowling eine Rassistin ist, etwas gegen Feminismus hat, geschweige denn das Patriarchat fördert – denken wir doch nur einmal an die Figuren Hermine Granger (anfangs stereotype Streberin, wandelt sich zur etablierten und redegewandten, zugleich diplomatischen Führungsperson in Harrys Kreis).

Oder Minerva McGonagall, die nach Dumbledores Tod im Harry-Potter-Universum alles daran setzt, dass Hogwarts auf der Seite der Guten bleibt und zuvor eine leitende moralische Instanz im Hintergrund war. Oder Luna Lovegood, die nerdy, geeky uns offen vorführt, das Dinge nicht immer so zu sein haben, wie sie scheinen. Starke Frauencharaktere.

Und nur so nebenbei: Dumbledore, eine zentrale Figur in den Werken hat zwischen den Zeilen Dutzende Anspielungen auf eine mögliche Homosexualität zugeschrieben bekommen.

Wer diese nicht direkt kommunizierten, aber unterschwellig fundamentalen Konstrukte in allen sieben Teilen der Romanreihe nicht erkannt hat, der sollte gleich damit anfangen, alle Bücher noch einmal zu lesen. Diesmal bitte aufmerksam.

Das Entscheidende innerhalb des Harry-Potter-Universums, zu dem auch „Phantastische Tierwesen“ gehört, ist es doch, dass Rowling bereits existierende mythologische und religiöse Konstukte sowie historische Ereignisse als Parabel benutzt, um grundlegende Bestandteile unserer modernen Gesellschaft zu kritisieren. Einen ausführlichen Einblick in diese Quelle, gibt ein ganzer Lexikon-Eintrag im englischsprachigen Wikipedia. Damit wir am Ende denken: Ganz schön scheiße dieser Muggle-vs.-Zauber-Beef in dieser Zauberwelt.

Aber genug der Fan-Fiction und absoluten Nerdwissen

Bei dem Vorwurf, dass J. K. Rowling als Autorin zu wenig divers sei, ja sogar unterschwellig rassistisch und anti-feministisch, spielt viel mehr mit rein. Es geht hier um Grundprinzipien fiktionaler Literatur und wie sie Realität verarbeitet. Klar: Ein Autor sollte nicht menschenverachtende oder demokratiefeindliche promoten. Aber: Literatur hat ja nicht per se einen bildungswissenschaftlichen Auftrag. Sie bildet Vorstellungen, Träume, Visonen ab. Und klar, die basieren auf dem, was wir im echten Leben erleben.

Möchte ein Autor nun der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten (wie viele der Kritiker es von Rowling erwarten), dann muss er oder sie zuspitzen, vereinfachen, karikieren und ja, manchmal auch auf den ersten Blick politisch unkorrekt sein. Um vorzuführen. Um zu beweisen, dass dieses Verhalten, selbst in einer in sich geschlossenen, fiktionalen Welt nicht okay und richtig ist.

Deswegen gibt es eine Figur wie Voldemort. Oder Leta Lestrange. Sie führen das Schlechte auf dem Weg zum Guten vor. Wer mehr darüber wissen möchte, kann sich gerne in Aristoteles Dramen-Theorie einlesen.

Leta Lestrange wird in der Buchvorlage übrigens so beschrieben, dass jeder in der Verfilmung eigentlich eine junge,weiße Frau erwarten würde. Dass Zoe Kravitz sie in der Verfilmung verkörpert, hat letzten Endes einfach etwas mit ihrem schauspielerischen Könen zu tun und dass sie wohl am besten zu diesem Charakter im Castign gepasst hat. Diese Rollenauswahl beweist doch gerade, dass die Filmemacher flexibel in ihrer Ausgestaltung des Werkes sind.

Hätte dieser Film keinen einzigen Darsteller mit Migrationshintergrund egal ob asiatisch, schwarz oder lateinamerikanisch beinhaltet, dann wäre andersherum das Geschrei auch sehr groß – wenn nicht sogar noch größer – gewesen.

Natürlich ist es gerade in Zeiten wie unseren, in denen rechtspopulistische Tendenzen wieder erstarken und sich so viele Konflikte vor unserer Haustür abspielen, wichtig sich um den richtigen Ton, Gesten und Zeichen zu bemühen. Niemand sollte achtlos etwas in die Öffentlichkeit werfen.

Ein Film wie „Phantastische Tierwesen: Grindewalds Verbrechen“ wird ein Millionenpublikum erreichen. Und er setzt die richtigen Gesten, Töne und Zeichen. Indem er vorführt, was falsch läuft. Zum Beispiel, dass eine verfluchte Zauberin zum Sklaven-Haustier eines super-bösen Bösewichtes (Voldemort) wird. Und dass es Menschen braucht, die sich so etwas entgegenstellen.

P.S.: Übrigens der Hauptbösewicht, Grindelwald, einer der abartigsten und brutalsten Zauberer aller Zeiten im Potter-Universum wird von Johnny Depp verkörpert. Ein weißer Mann.

Quelle: Noizz.de

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