Jeremy Fragrance ist der größte Parfüm-YouTuber der Welt. Über 1,1 Millionen Abonnenten auf YouTube und 300.000 Follower auf Instagram sprechen Bände. Seine weirden, oft halbnackten Videos gehen viral. Wer ist eigentlich Jeremy Fragrance – und was weiß er wirklich über Parfüms?

Durchtrainierter Körper, perfekt frisiertes Haar, maßgeschneiderte Anzüge – wenn nicht gerade Oberkörper frei und mit angespannter Muskulatur. Jeremy Fragrance hat sich mit einem Marketing-Studio in Hamburg und seiner ehrgeizigen Leidenschaft für Düfte ein digitales Imperium aufgebaut. Heute fährt er Ferrari, ist in der Parfüm-Szene international bekannt und gibt über einer Million Follower auf YouTube täglich Tipps bei der Wahl ihrer Düfte. Seine eigene Duftlinie ist auch schon auf dem Markt. In zehn Jahren sieht er sich in den USA, Miami oder New York, wie er dem "General-Anzeiger" mitteilte.

Die Videos des Anfang 30-Jährigen mit überzeugtem Blick sind bizarr. Wie ein James Bond der Parfüms inszeniert er sich, empfiehlt Männerdüfte je nach "Frauen-Reaktionen", zieht regelmäßig blank, um tanzend und posend seinen stählernen Body zu präsentieren. Auf Twitter geht er mit seiner absurden Selbstdarstellung regelmäßig viral. Jeremy liebt und inszeniert sich und seinen Körper so sehr, dass man sich manchmal fragt, worum es ihm eigentlich geht: Selbstdarstellung und Karriere mit dem Sprungbrett "Parfüm", oder doch der Liebe zu Düften an sich.

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Jeremy Fragrances Reviews: Den tiefen Einblick gibt es nicht

Abgesehen von seiner egozentrischen Präsentation gestaltet er seinen Videocontent nach Schema F: "Top 5" dies, "Top 5 das", "tragt diese Düfte im Sommer", "der hier für Männer, der für Frauen" – der Master im Marketing trägt Früchte.

Den ganz tiefen Einblick in Parfüms gibt es in seinen 342 Videos allerdings nicht. "Nicht zu kompliziert" – ist das eine Marketing-Devise? Ja, manchmal fällt die "Topnote", die erste von drei Noten, aus denen jedes Parfüm besteht, der Geruch von Parfums innerhalb der ersten zehn bis 30 Minuten. Aber sonst? Was macht denn ein gutes Parfüm aus, ganz objektiv? Wie bewertet man das? Wie kann man sich die Parfüm-Industrie überhaupt vorstellen? Wie gut ist die Beratung bei Douglas und Co.? Was kann ich denn machen, wenn ich Bock auf einen neuen Duft habe und nicht blind Jeremy vertrauen will? Wieso gibt es Düfte für Männer und welche für Frauen – und ist das nicht längst überholt, in solchen Kategorien zu denken? Ja, Jeremy riecht täglich Parfüms und hat deshalb viel Erfahrung, aber so richtig schlau wird man als Zuschauer nicht.

Wie aus dem Ei gepellt, immer: Jeremy Fragrance.

Parfüm-YouTuber im Alltag: Fitness, Düfte, Fitness

Wie diverse Medien, so auch "CM", berichten, lebt der 1,90 Meter große Schönling nach strengen Arbeitsroutinen. Jeden Morgen geht es um 05:19 Uhr aus dem Bett, gefolgt von Geruchstrainings, die bei Fehlern in Strafliegestützen enden. Kein Alkohol, keine Drogen, bloß Tee, Fitness und harte Arbeit. Das Ziel ist klar: USA. Weiter Karriere machen. Und dass der fokussierte Ferrarifahrer doch mehr Plan von Düften hat, als man den meisten seiner Videos ansieht, kann man zum Beispiel in einer Bewertung seines deutschen Zwei-Kanals sehen, wo er in einem Clip Parfüms des YouTubers Montana Black rezensiert.

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Weniger Tiefe, mehr Selbstdarstellung, vielleicht ist das einfach der Kompromiss, den man für YouTube machen muss – könnte man denken, aber auf andere Seite gibt es in anderen Branchen ebenfalls wahnsinnig erfolgreiche Kritiker auf YouTube, die in ihren Rezensionen unvergleichlich mehr Tiefe erzeugen als Jeremy, zum Beispiel der Musikkritiker Anthony Fantano auf seinem Kanal "The Needle Drop".

Parfums kommen heute fast immer nur noch in größeren Kollektionen heraus. Das sorgt nicht nur für Unübersichtlichkeit, sondern auch fehlende Qualität, denn anstelle von einem oder zwei richtig guten Düften, müssen sich die Parfum-Designer*innen auf acht, zehn, oder teilweise noch mehr Kompositionen konzentrieren.

Echt schade, dass der erfolgreichste Parfüm-Kritiker auf Social Media wenig mehr bietet, als "das ist gut, das ist schlecht". Denn gerade im Parfüm-Game besteht doch ein riesiger Bedarf an Fachwissen. Sterneköche und Musikkritiker gibt es auf YouTube etliche, aber dafür, dass jeder zweite Mensch mit Parfüm durch die Welt läuft, ist das Niveau an Gesprächen und Rezensionen über Parfüms superniedrig – und als normaler Mensch, der gerne den richtigen Duft für sich finden möchte, ist der Weg dahin total unübersichtlich.

Man muss echt immer noch zum alten Medium Buch und damit Luca Turins und Tania Sanchez' Evergreen "Perfumes: The A-Z Guide" greifen, um ein bisschen mehr zu lernen, was es mit Parfums eigentlich auf sich hat, und wie man einen guten von einem schlechten Duft unterscheiden kann – ganz unabhängig vom subjektiven Geschmack.

Ein bisschen weniger Sixpack in den Videos, ein bisschen mehr Know-How, Jeremy – ich fänd's ja komplett geil!

Quelle: Noizz.de