Der Gesundheitsminister gibt sich kritisch – nur leider in den falschen Punkten.

Endlich hat Jens Spahn (CDU) einmal etwas Vernünftiges gesagt: Er beruft ein Gremium ein, das das Verbot von "Homotherapien" verbieten soll. Diese Therapien sollen Homosexuelle "heilen", also heterosexuell machen.

Bis zum Herbst wolle das Gremium Vorschläge einreichen, die einen Gesetztesentwurf zum Verbot dieser Therapien vorsehen. "Homosexualität ist keine Krankheit und nicht therapiebedürftig", sagte Spahn.

Recht hat er damit! Auch der Weltärztebund betitelt solche Reparativtherapien als "ernsthafte Bedrohung für die Gesundheit und Menschenrechte". Auf der anderen Seite befinden sich Anhänger evangelikaler Kirchen. Sie glauben, dass Homosexualität eine psychische Krankheit ist und demnach geheilt werden kann wie im Film "Der verlorene Sohn". Die schrecklichen Ausmaße einer solchen Therapie werden in dem Film gut veranschaulicht.

Ich weiß nicht, vielleicht hat Jens Spahn den Film mit Troye Sivan ja auch gesehen. Spahn lebt offen homosexuell und ist mit "Bunte"-Redakteur Daniel Funke verheiratet. Spahn geht das Thema der Reparativtherapien also etwas an. Er ist betroffen, weil er schwul ist. Vielleicht ist er sogar gekrängt, dass es solche Therapiemaßnahmen gibt. Sie implizieren, dass etwas mit ihm selbst nicht stimme. Was natürlich Quatsch ist.

Spahn und seine konträren Ansichten

Umso unverständlicher erscheinen mir seine Äußerungen der Vergangenheit. Zum Beispiel als er zuletzt den Zugang zu Psychotherapien erschweren wollte, die tatsächlich hilfreich sind. Tausende Menschen kommen durch Psychotherapien besser mit ihrem Leben klar. Angststörungen, Depression und Burnout sind ernstzunehmende Probleme unserer Zeit. Dabei ist das Thema Therapie für viele Menschen mit Scham besetzt. Vor allem wenn sie gerade auf der Suche nach einem Therapieplatz sind, also noch ganz am Anfang stehen.

Diesen Menschen wollte Spahn den Zugang zur Hilfe erschweren. Ein "speziell ausgebildeter Experte" solle zuvor einschätzen, ob jemand wirklich eine Therapie brauche, und wenn ja, welche. Damit müsse der Patient mehrere Gespräche über sich ergehen lassen und immer wieder erzählen, was sein Leiden und sein Anliegen sind. Bullshit, denke ich. Dies einzuschätzen, sollte bei dem Therapeuten und dem Patienten selbst liegen.

Wenn der Patient sich für einen Therapeuten entscheidet, setzt das ein Grundvertrauen voraus. Dafür gibt es einen Kennenlerntermin, in denen beide Seiten entscheiden können, ob es passt oder eben nicht. Spahns Vorschlag könnte viele Menschen abschrecken, die wirklich Hilfe brauchen. Außerdem stellt er Patienten unter Generalverdacht, dass sie eigentlich keine Therapie brauchen würden, sondern nur jemanden zum Reden. "Spiegel Online" hat ein interessantes Interview zu dieser Thematik geführt.

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Es klingt vor allem aber so, als hätte Spahn einfach keine Ahnung von Psychotherapien. Als seien diese nicht gut, kosten zu viel Geld, was auch immer. Das unterstrich Spahn mit seiner Fünf-Millionen-Euro-Studie, die die psychischen Folgen von Abtreibungen untersuchen sollte. Dazu gibt es allerdings schon genug Studien. Außerdem sollte ein Syndrom untersucht werden, von dem nicht einmal sicher ist, ob es dieses überhaupt gibt. Fünf Millionen Euro, die für andere Zwecke besser verwendet wären.

"Jens Spahn hasst alle Menschen"

Spahn gibt sich kritisch – nur leider in den falschen Punkten. Mit den zwei aufgeführten Beispielen zog er den Ärger vieler Patientinnen und Patienten auf sich. Das verdeutlicht mir auch ein Gespräch mit zwei meiner Kolleginnen. "Jens Spahn hasst alle Menschen – außer sich selbst", fällt als Scherz. Kurz später wird mir jedoch bewusst, dass das durchaus stimmen könnte.

Es wirkt zumindest so, als würde Spahn sich nun für etwas Humanistisches einsetzen. Weil er sich selbst mit dem Thema auskennt. Weil er den Schmerz der Reparativtherapiepatienten nachempfinden kann. Sonst scheint es ihm um Zahlen zu gehen. Bloß keine "unnötige" Therapie bezahlen. Spahn wirkt argwöhnisch. Er stigmatisiert ein Thema, das ohnehin schon tabuisiert wird in unserer Gesellschaft. Das ist nicht okay, Herr Gesundheitsminister. Spahn lebt in seiner Berliner Politik-Bubble. Wird in seinem Maßanzug von Termin zu Termin gefahren. Therapien scheint er vom Hörensagen zu kennen. Sie finden in seinem Leben offensichtlich nicht statt.

Ich wünsche Minister Spahn nichts Schlechtes im Leben, ganz im Gegenteil. Aber wüsste er, wie sich so eine Depression oder eine Angststörung anfühlt, würde er sicher anders handeln und vor allem denken. Seine liberale Einstellung, die er jetzt zum Thema Reparativtherapien zeigt, sollte er auch in anderen Belangen anwenden.

Seine Handlungen passen für mich nicht zusammen. Damit verlieren viele Patienten, mich eingeschlossen, das Vertrauen in den Mann, der in unserem Land für das Gesundheitswesen zuständig ist. Schlecht für die CDU, die genau so etwas gar nicht gebrauchen kann. Das heißt nicht, dass er jeden Blödsinn durchwinken soll. Aber mit Argwohn auf sensible Themen zu reagieren, ist nicht der richtige Weg.

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Quelle: NOIZZ-Redaktion